Unwort des Jahres: Warum wir Gutmenschen brauchen

„Gutmensch“ ist zum Unwort des Jahres 2015 gewählt worden. Und das ist auch gut so.

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Flüchtlinge in Deutschland. © Christof Stache/AFP/ Getty Images

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der „Gutmensch“ ein Schimpfwort ist. Wie kann es als etwas Schlechtes angesehen werden, anderen Menschen zu helfen? Sprachwissenschaftler gaben in Darmstadt über Twitter bekannt, dass „Gutmensch“ nun auch noch zum Unwort des Jahres gekürt wurde. Die Wörter „Hausaufgaben“ im Zusammenhang mit Griechenland und „Verschwulung“ wurden ebenfalls beanstandet. So lautet die Begründung der Jury:

Im vergangenen Jahr avancierte „Gutmensch“ zum Synonym für Menschen, die anderen Menschen in Not helfen – und zwar mit einem negativen, herablassenden Unterton. Wie kann das sein? Für die Unterstützung, von Mensch zu Mensch, sollte eine Gesellschaft nicht abgestempelt werden. Ich möchte von niemandem als „Gutmensch“ bezeichnet werden, wenn ich Klamotten spende, blogge, oder andere Menschen an einem Bahnhof willkommen heiße.

Deshalb ist es das einzig Richtige, dieses Schimpfwort aus unserem Wortschatz zu verbannen. Menschen, die helfen und ihren Teil zur Gesellschaft beitragen, sollten nicht von oben herab betrachtet werden, genauso wenig Rechte als „Asylkritiker“ verharmlost werden. Die Autorin Lisa Rank hat das in einem Tweet treffend zusammengefasst.

Nein, es ist nicht „nett“ von uns, dass wir ein paar Flüchtlinge aufnehmen. Es ist viel mehr als das: Es ist unsere verdammte Pflicht, Geflüchtete bei uns aufzunehmen und willkommen zu heißen, wenn sie vor Krieg und Terror fliehen und ihnen, zumindest solange, bis sie in ihrer Heimat nicht sicher sind, in unserem Land Unterschlupf zu bieten.

Wir haben uns an den Frieden gewöhnt

Auch wir haben den ewigen Frieden in unserem Land nicht für uns gepachtet. Wir haben uns nur ausgeruht, uns daran gewöhnt. Aber sind wir deshalb bessere Menschen? Wir blicken auf Geflüchtete oder Helfer als Gutmenschen herab, weil wir in einer komfortablen Position sind, und unsere Denkfähigkeit es nicht zulässt, sich in die Lage der Menschen zu versetzen.

Ist es vielleicht generell out geworden, anderen Menschen zu helfen? Gutherzig zu sein? Jemanden mal zum Essen einzuladen, in einer Notsituation bei sich unterzubringen? Oder wird das als Schwäche und Naivität ausgelegt? Sind wir Gutmenschen, wenn wir alten Menschen helfen, kranken, unschuldig in Not geratenen?

In so einer Gesellschaft möchten wir doch alle nicht leben. Wir wollen in einer Gemeinschaft leben, in der wir nicht nur auf unseren eigenen Vorteil schielen. Die eigene Karriere. Das schnelle Geld, auch wenn andere Nachteile davon tragen. Und nicht das große Ganze sehen: die Gemeinschaft, die Gruppe. Die uns ebenfalls helfen könnte, wenn wir selbst in eine Notsituation geraten.

Wir können nur hoffen, dass Menschen, die uns in so einer Lage nicht alleine lassen, nicht ebenfalls als „Gutmenschen“ beschimpft werden.