Häusliche Gewalt gegen Männer – kaum thematisiert und doch präsent

Opfer sein – eine Rolle, in der sich niemand gerne sieht und die vor allem für Männer tabu ist. Doch es gibt sie. Häufiger als angenommen.

Hannes möchte sich nicht von seiner Freundin trennen, obwohl sie ihn regelmäßig misshandelt. © madochab / photocase.de

Er war fast eingeschlafen, als sie anfing, ihn anzufassen. Während sich Annas* Hand in seinen Schritt vortastete, hielt Hannes* seine Augen weiter geschlossen. Doch er rollte sich zur anderen Seite und kehrte ihr den Rücken zu. Trotzdem glitt ihre Hand in seine Hose und fing an, ihn zu befriedigen. Es dauerte sehr lange, bis er hart wurde, doch das irritierte sie nicht. Seine Augen waren weiterhin geschlossen und sein Rücken ihr zugekehrt, als sie begann ihn auszuziehen. Kurz bevor sie ihn in sich einführte, schob er sie weg, als ob er sich im Schlaf herumwälzen würde.

Diese Vorfälle machen es Hannes unmöglich, den Sex mit Anna zu genießen. „Ich kann unser Sexleben nicht mehr ernst nehmen. Wenn ich zu lange über all das nachdenke, was sie mir angetan hat, kann ich sie nicht mal mehr auf den Mund küssen.“

Hannes sitzt im Wohnzimmer auf der braunen Ledercouch, während er mir diese Situation schildert. Seine langen rotblonden Haare sind im Nacken zu einem Dutt zusammengebunden, der gleichfarbige Bart versteckt die Hälfte seines markanten Gesichts. Hannes sieht gut aus: offener Blick, volltätowiert, ein selbstbewusstes Auftreten. Trotz der kraftvollen Stimme, mit der er erzählt, merke ich, wie sehr diese Geschichte an ihm nagt.

Die Kombination Mann-sein und Opfer-sein ist nicht üblich. Zumindest nicht, wenn „der Täter“ eine Frau ist. Das Thema „häusliche Gewalt an Männern“ wird kaum thematisiert oder erforscht. „Warum auch“, werden sich viele fragen, „die können sich doch wehren und die Zahl der Fälle grenzt wahrscheinlich an Null, im Vergleich zu den Gewalttaten an Frauen.“

Die Zahlen der sexuellen Gewalt an Männern sind verschwindend gering, die Dunkelziffer unbekannt. Es gibt nur wenige aktuelle Studien, die meist nicht repräsentativ sind. Jürgen Gemündens Buch „Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intimpartnerschaften“ von 1996 bietet einen umfangreichen Überblick über alle bis dahin existierenden Studien zum Thema, auch international. Auch sie kommen zu einem Anteil männlicher Opfer häuslicher Gewalt zwischen 20 und 50 Prozent. Manche dieser Studien wurden zwar für ihre Vorgehensweise kritisiert, gelten allerdings als repräsentativ und scheinen alle auf ein ähnliches Ergebnis zu kommen: Männer werden wahrscheinlich häufiger zu Opfern im häuslichen Bereich als angenommen.

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Dass wir kaum etwas über sexuelle Gewalt an Männern wissen, liegt auch am Sexismus unserer Gesellschaft, der Frauen die Sicherheit gibt, dass sich (die meisten) Männer nicht wehren: „Er darf mich nicht schlagen, weil er der Stärkere ist.“ Frauen sind da weniger zimperlich. Schon im Film lernen sie, wie man einem Rüpel einen Drink ins Gesicht schüttet oder eine Ohrfeige verpasst. Dieses Verhalten wird mit besonders emanzipierten Frauen in Verbindung gebracht, es scheint erstrebenswert.

So ein Drink im Gesicht ist zwar nicht gleich häusliche Gewalt, doch er zeigt tendenziell, was in unserer Gesellschaft akzeptiert wird. Eine Frau ohrfeigt einen Mann: okay! Ein Mann ohrfeigt eine Frau: nicht okay! Und das mit gutem Grund. Häusliche Gewalt an Frauen hat meist sehr viel verheerendere Folgen. Ein prügelnder Mann hinterlässt oft wesentlich mehr Spuren als eine prügelnde Frau. Bei einem gewalttätigen Partner sind Frauen also in einer ernsteren Lage als Männer.

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Doch bei einigen Frauen bleibt es nicht bei der Ohrfeige: Frauen, die zuschlagen, greifen oft zu Hilfsmitteln, um ihre körperliche Unterlegenheit auszugleichen, bestätigen mehrere Studien. Männer berichten von auf den Herd gepressten Händen, in Schubladen eingeklemmten Fingern, Schlägen mit allem, was gerade greifbar ist, Tritten und Messerschnitten. Der Psychologe Thomas Krieg bestätigt, dass Männer sich nicht mit der Opferrolle identifizieren, erst recht nicht vor anderen. Die Scham überwiege. Denn Opfer-sein ließe sich nicht mit den männlichen Rollenattributen wie Stärke, Überlegenheit und Unabhängigkeit verbinden. Selbst wenn Männer Gewalt erfahren, suchen sie sich selten Hilfe – in Deutschland kommen auf 435 Frauenhäuser drei Männerhäuser.

Als ich Hannes darauf aufmerksam mache, dass ihn seine Freundin vergewaltigt hat, lacht er verhalten. Das Wort scheint nicht zu passen. Vergewaltigung. Nicht zu ihm, nicht zu einem Mann. Er beginnt, mir ausführlicher von seiner Beziehung zu Anna zu erzählen. Der körperlichen ging psychische Gewalt voraus. Anna kontrolliert ihn, sie lässt ihn nie allein. Seit sie im April letzten Jahres zusammengekommen sind, wohnt sie bei ihm. Er arbeitet in einem Café auf der anderen Straßenseite. Nach dem ersten Monat, in dem die beiden jede Minute miteinander verbracht haben, bittet Hannes sie zum ersten Mal, ihm etwas Raum zu geben. Denn er arbeitet, geht nach Hause, verbringt den Rest des Tages mit ihr und geht wieder ins Café. Meist kommt sie auch im Café vorbei und sitzt ihm den halben Tag gegenüber. Sie missachtet seine Bitte, ihm Raum zu geben, vehement. Es geht so weit, dass Hannes ihr Hausverbot im Café erteilt.

Frauen tendieren allgemein eher zu psychischer Gewalt. Die Befragten einer Umfrage unter Männern, die von häuslicher Gewalt betroffen waren, gaben im Jahr 2004 an, von ihren Partnerinnen vor allem kontrolliert zu werden. Sie unterbinden ihre sozialen Kontakte, lesen ihre E-Mails oder drohen, das Sorgerecht der gemeinsamen Kinder zu entziehen. Wenn es aber doch zu physischer Gewalt kommt, war die psychische meist schon vorher da. Und wer sich psychisch dominieren lässt, der wehrt sich auch nicht, wenn die Gewalt körperlich wird.

Wenn Hannes und Anna ausgehen, betrinkt sie sich. Wenn sie nach Hause kommen, geht der Streit los. Doch ohne Resultat: „Ich sagte ihr: ,Bitte lass mir ein bisschen Raum!’ Doch sie ging einfach nicht. Dann wurde ich lauter. Ich schrie sie an, doch bitte zu gehen. Aber sie griff mich an meinem T-Shirt und schrie zurück: ,Nein, ich werde dich nicht alleine lassen!’.“

Die fehlende Zeit für sich selbst macht Hannes wahnsinnig. Die Beziehung leidet, das Sexleben auch. Für Hannes ist klar: Wenn die Beziehung nicht gut läuft, kann er den Sex nicht genießen. Obwohl er Lust auf Sex hat, möchte er nicht mit ihr schlafen. Anna ist da anders: „Ihre Libido war von Anfang an viel stärker als meine. Sie wollte immer und überall mit mir schlafen.“ Mittlerweile kommt es jetzt nur noch alle zwei Wochen zum einvernehmlichen Sex. Wenn es gut läuft.

Doch Anna scheint einen Ausweg gefunden zu haben: Immer wieder wacht Hannes nachts auf, weil Anna kurz davor oder schon dabei ist, mit ihm zu schlafen. Er wacht auf, stößt sie weg, brüllt sie an, geht in die Küche und trinkt erst mal ein Glas Wasser.

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„Ich hasse es, ich fühle mich so unwohl danach. Ich schreie sie an, warum sie das macht und dass sie mich nicht anfassen soll.“

Wenn sie darüber sprechen, weicht Anna aus. Er hätte angefangen, behauptet sie. Wahrscheinlich wäre er da noch im Halbschlaf gewesen. Doch woher solle sie denn wissen, ob er das nun wirklich will oder nicht. Gleichzeitig spielt sie die Vorfälle herunter: Er solle sich nicht so anstellen, was sei denn schon dabei? „,Ihr Männer wollt doch eh immer!’, scheint ihr Gesichtsausdruck zu sagen“, erzählt er. Wollen sie nicht.

Da ist er wieder, der umgekehrte Sexismus. Außerdem weiß Hannes, dass sie lügt: Die nächtlichen Ereignisse gehen nicht von ihm aus, denn einmal hat er nur so getan, als würde er schlafen. Trotzdem kann sich Hannes nicht von Anna trennen. Er möchte nicht alleine sein, sagt er. Jedes Mal gibt er ihr „noch eine letzte Chance“. Die gleichen Gründe wie die wahrscheinlich sehr vieler Männer und Frauen, die häusliche Gewalt erfahren und ihre Partner*innen nicht verlassen. „Anna geht jetzt erstmal drei Wochen nach Paris. Vielleicht wird ja danach wieder alles besser“, hofft Hannes.

Männer und Frauen sind nicht gleich. Männer sind physisch meist stärker als Frauen. Frauen tragen meist stärkere Verletzungen von männlichen Schlägern davon als umgekehrt. Doch die Tatsache, dass Gewalt an Frauen häufiger und mit schweren Folgen passiert, bedeutet nicht, dass Gewalt an Männern keine Beachtung verdient. Wenn Frauen sich die männlichen Attribute Stärke, Unabhängigkeit und Überlegenheit mit der gleichen Selbstverständlichkeit aneignen wollen wie Männer, muss diese Gleichberechtigung auch in die andere Richtung funktionieren. Männer müssen schwach, unterlegen und abhängig sein dürfen – wenn sie das wollen. Und nein muss nein heißen, auch wenn es jemand mit Bart, Tattoos und tiefer Stimme sagt.

*Name geändert

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