Was ist eine gute Mutter? Eine 85-Jährige blickt zurück auf ihr Leben

Früher war es für junge Frauen selbstverständlich, ihr Studium abzubrechen und eine Familie zu gründen. Eine fünffache Mutter blickt zurück.

Collage: ze.tt

Marianne W. allein und mit Kindern. Collage: ze.tt

Mütter sind permanent Beurteilung ausgesetzt. Von der Hausfrauenehe in den 50er Jahren über die Teilzeitmami in den 70ern bis hin zur heutigen Karriere-Mutter: Marianne W. ist 85 Jahre alt und hat all das erlebt. Die Mütter von heute beneidet sie ganz und gar nicht.

Studium in den 50ern

Als in den 50er Jahren in Westdeutschland schick ausstaffierte Hausfrauen am Herd von Werbeplakaten herabwinkten, begann Marianne W. gerade Germanistik und Französisch zu studieren. Die Zwanzigjährige wollte Lehrerin werden. Von ihrer Mutter bekam sie dafür 100 DM im Monat und von der Uni eine Art kleines Stipendium: Für herausragende Fleißaufgaben ließen sich Essensmarken ergattern.

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Sowas wie Erasmus gab’s damals auch schon: ein Semester an einer anderen deutschen Uni. Um der Heimat mal zu entkommen, wechselte Marianne W. nach einem Jahr vom Rheinland ins südliche Freiburg. Dort musste sie sich für rund 25 DM ein Zimmer mit einer älteren Dame teilen – bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist eben seit eh und je eine Herausforderung. Kaum hatte sich die Studentin in Freiburg eingelebt, lernte sie in einem Seminar einen Musikstudenten kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte.

Schwanger im vierten Semester

Es dauerte nicht lange, und die Frischverliebte saß mit eindeutigem Verdacht auf einem ungemütlichen Gynäkologen-Stuhl. Ein Schock für die 23-Jährige? Im Gegenteil: Sie freute sich. Damals war es üblich, so jung Kinder zu bekommen. Ein Baby zu erwarten, machte Marianne W. außerdem Hoffnung, eine eigene Familie zu gründen und endgültig losgelöst vom Elternhaus zu sein.

Ob sie Angst hatte, ihrer Mutter davon zu erzählen? „Nein. Das war eigentlich das Ziel, das Eltern für ihre Töchter hatten. Wenn jemand das Studium abbrach, weil er eine Familie gegründet hat, ist er im Ansehen eher gestiegen als gesunken“, sagt sie. Rund die Hälfte aller Studentinnen brach Mitte der 50er Jahre das Studium ab. Einer der Hauptgründe war Heirat.

Abbruch des Studiums

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Marianne W. heiratete noch vor der Geburt ihres Kindes und brach das Studium nach dem fünften Semester ab: „Wir waren erfüllt von der Vorstellung, wir werden was. Es sei denn, wir lernen während des Studiums den Partner des Lebens kennen. Dann war es damals selbstverständlich, wenn man sich der Familie widmete. Und die eigene Ausbildung fuhr weg wie ein Zug – die sah man von hinten wegfahren“, erzählt die einstige Studentin.

Natürlich nagte manchmal ein zweifelnder Gedanke an ihr, doch das ständige Was-wäre-wenn-Denken und die Planungswut von heute kannte sie nicht.

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Schwangerschaften waren nicht mittels Pille oder Abtreibung kontrollierbar, und Marianne W. betrachtete sie als Naturereignisse: „Man war mehr unter der Regie des Lebens und nicht unter der Regie dessen, was man will. Ich dachte nicht, mein Leben geht jetzt völlig aus dem Leim, weil es anders kommt als gedacht.“

Am Anfang fühlte sich die junge Mutter unsicher mit ihren neuen Aufgaben: „Was hatten Wickeltechniken mit meinem bisherigen Leben und Lernen zu tun? Nichts.“ Doch sie kämpfte sich durch.

„Damals kam’s für eine Frau darauf an, dass sie einen tollen Mann hat.“

Während ihr Gatte sich dem Examen widmete, war für sie von Anfang an klar, dass sie voll und ganz für die Kinder da sein wollte.

In den Folgejahren brachte sie drei weitere Babys zur Welt, sodass ihre Hauptaufgabe mit gerade mal Ende 20 darin bestand, vier Kleinkinder aufzuziehen: „An Kindergarten hab ich überhaupt nicht gedacht. Wir hielten nicht viel davon und sahen das als Notlösung“, erzählt Marianne W.

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Ohnehin gab es Kindergartenplätze Ende der 50er Jahre in Westdeutschland nicht mal für ein Drittel aller Kleinkinder und für unter Dreijährige gab es nahezu gar kein Betreuungsangebot. In der Öffentlichkeit hielt sich die Ansicht, dass es für Kleinkinder besser wäre, wenn sie zu Hause betreut würden.

Eine Karriere war für Frauen so natürlich nur schwer möglich. „Damals kam’s für eine Frau darauf an, dass sie einen tollen Mann hat, dass der was zu sagen hat“, erzählt Marianne W.

Manchmal war sie heimlich ein bisschen traurig, nicht mehr zu studieren. Doch sie haderte nicht lange: „Dass man solche Dinge recht heiter gemeistert hat, lag daran, dass man nicht mehr in Lebensgefahr war. Der Krieg war rum. Das hat einem diese unglaubliche Widerstandskraft gegeben, gegen all diese Strapazen.“

„Scheiden geht gar nicht, die Ehe ist für immer.“

Trotzdem war Marianne W. in ihrer Beziehung oft frustriert. Ihr fehlte Anerkennung für ihre Aufgaben als Hausfrau und ein Mitspracherecht bei Entscheidungen, die häufig von ihrem Mann getroffen wurden: „Es war eben lange Tradition, dass die Frau dem Mann den Rücken freihält. Da gab es so einen Spruch: Eine Frau geht immer den unteren Weg.“

Laut Gesetz hatte der Mann offiziell die Meinungshoheit in der Ehe und durfte bis in die 50er Jahre hinein über ein Bankkonto der Frau entscheiden. Heute unvorstellbar.

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Eine Scheidung zog die fünffache Mutter aber lange Zeit nicht in Erwägung, wie viele Ehepaare: Die Scheidungsquote lag 1960 bei niedrigen zehn Prozent. Kein Wunder, denn die Alternativen für Frauen waren schwierig: Mangelnde Kindertagesbetreuung oder abgebrochene Ausbildungen erschwerten eine Berufstätigkeit und so etwas wie Elterngeld kannte man nicht.

„Die Sicherheit, die es damals gab, war familiär. Hartz IV und all die Sachen, das gab’s überhaupt nicht, bis auf die Wohlfahrt. Das war unterirdisch. Dann war man wirklich ’ne arme Sau“, erzählt sie. Außerdem war sie sehr konservativ erzogen worden: „Da wusste man tief im Inneren: Scheiden geht gar nicht, die Ehe ist für immer.“

Scheidung und Berufseinstieg mit 45

In den 70er Jahren kam dann der große Umbruch: Die neue Frauenbewegung, Scheidungswellen und die Antibabypille fluteten das Land. Kitas wurden ausgebaut und immer mehr verheiratete Frauen und Mütter suchten sich einen Job.

Die Kinder von Marianne W. waren inzwischen dem Gröbsten entwachsen und die Mutter, die vorher die Abende zu Hause verbracht hatte, begann wieder auszugehen. Vor allem die abendlichen Sprachkurse in der Volkshochschule hatten es ihr angetan. Dort lernte sie Russisch und war so Feuer und Flamme, dass sie neben dem Bügeln, Waschen, Kochen etliche russische Schallplatten hörte und paukte, bis sie im Stande war, selbst Kurse zu unterrichten.

Dieses erste selbst verdiente Geld und der Kontakt mit neuen Leuten öffnete ihr eine neue Perspektive auf ihre Ehe, mit der sie immer unzufriedener war. Marianne W. fasste den Entschluss, sich endlich von ihrem Mann zu trennen. Nach der Scheidung blieben die zwei jüngsten Kinder bei der Mutter, die drei Älteren waren bereits außer Haus.

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Der Unterhalt ihres Ex-Mannes und das schmale Gehalt der VHS-Kurse genügten jedoch nicht. Deshalb wagte sich Marianne W. ohne Studienabschluss mit 45 Jahren auf den Stellenmarkt und bekam just durch Kontakte eine Festanstellung als Lektorin in einem Verlag. „Das hat mich beflügelt!“, sagt sie über ihren Berufseinstieg.

In jener Zeit hatte Marianne W. die Wahl: eine Vollzeitstelle, die sie erfüllte, oder eine Stelle, die weniger aufregend war, aber Teilzeit und mehr Zeit für die Kinder ermöglichte. Ganztagsschule oder einen Hort für die Nachmittage gab es zu dieser Zeit nicht. Und obwohl ihr Nachwuchs schon im Teenageralter war, entschied sich Marianne W. gegen eine Karriere und für Teilzeitstelle und Kinder. 

Wann ist man eine glückliche Mutter?

Heute ist Marianne W. 85 Jahre alt und lebt ohne Familientrubel für sich allein. Sie ist froh, dass für Frauen heute eine Trennung einfacher ist, weil die meisten auf eine abgeschlossene Ausbildung bauen und damit unabhängig sein können: „Ich finde die klaren Entscheidungen von heute gut: Es harmoniert nicht mehr, wir trennen uns.“

Wenn ihre vielen Kinder und Enkel zu Besuch kommen, denkt sie über die Mütter von heute nach. Sie findet, dass die unheimlich viel Druck aushalten müssen. „Die Mütter, die einen anstrengenden Beruf haben und abends zu Hause ankommen, sind doch kaputt. Und dann sollen sie sich für sowas wie den Struwwelpeter interessieren?“, lacht Marianne W.

Trotzdem findet sie es wichtig, dass Mütter, die sich heute dafür entscheiden, Kleinkinder unter drei Jahren selbst zu betreuen, nicht als rückständig gelten. Die Enkeltochter kann ihre Oma da gar nicht verstehen. Sie findet es viel wichtiger, dass es genug Betreuungsplätze für Kinder gibt. Weil es Kindern guttue, unter Gleichaltrigen zu sein. Und weil es Frauen ermögliche, einen Beruf zu ergreifen, der Unabhängigkeit und Erfüllung bietet. Und eine glückliche Mutter wiederum ist wichtig für ein Kind.