Hermann ist 25 und fliegt jeden Tag über die Alpen

Er ist einer der jüngsten Berufspilot*innen Österreichs. Seine Ausbildung hat ihn ein Vermögen gekostet. Aber heute macht er jeden Tag das, was immer sein Traum war: fliegen.

Hell strahlt die Sonne an einem kühlen Morgen über Zell am See. Noch hat sie es nicht ganz über die Bergketten des Steinernen Meeres geschafft, die die Kleinstadt im Salzburger Land umrahmen. Der beschauliche Flugplatz, vor dem Hermann Eder steht, liegt im Schatten der weißen Alpen. „Kaiserwetter“, sagt der junge Österreicher und rückt seine Cap zurecht. Ein älterer Herr öffnet hinter ihm das Gittertor und läuft auf ihn zu.

Still gehen die beiden nebeneinander her, rechts die Start- und Landebahn, links die Fassaden grauer Hallen des Flugplatzes. Vereinzelt tauschen sie Wortfetzen aus. Fliegerjargon. Österreichisch. Routine. Hermann öffnet das Tor vom Hangar 3. Die Rotorblätter des blauen Hubschraubers reflektieren die Sonnenstrahlen. Ein verschmitztes Lächeln. „Und Jungs, bereit?“, fragt er. Es geht los.

Einmaliger Ausblick? Für Hermann Routine

Hermann und sein Ko­pi­lot schieben den Heli auf die Startbahn. © Marko Roth und Linda Ambrosius

Hermann Eder ist 25 Jahre alt und von Beruf Helikopterpilot. Einer der Jüngsten in einer Branche, die nur einen auserwählten Kreis ins Cockpit lässt. Seine Aufgabe an diesem Tag: Er muss den Hubschrauber eines bekannten Fernsehkochs zurück nach Deutschland fliegen. Die Route wird sie über weiße Berggipfel, dunkle Baumketten und türkis schimmernde Bergseen führen. Ein einmaliger Ausblick – für Hermann ist das Alltag. Schon etliche Male ist er diese Strecke geflogen. Nervös? „Saumäßig, fast zu nervös zum Sitzen“, antwortet er schmunzelnd, als er den Hubschrauber auf den Startplatz schiebt.

Angespannt zu sein, das ist etwas Gutes. Es hilft mir dabei, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren.“

Hermann hat diesen trockenen Humor, bei dem man nie weiß, ob er wirklich ernst meint, was er sagt. Doch er meint es ernst. „Ich bin vor jedem Start ein bisschen angespannt“, sagt er. Auch nach gut 500 Flugstunden, die er schon in seinem Flugbuch stehen hat. „Angespannt zu sein, das ist etwas Gutes. Es hilft mir dabei, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren. “

Diese Grundanspannung lässt auch nicht nach, als er im Cockpit sitzt. Geredet wird nur das Nötigste. Gescherzt noch nicht. Konzentriert prüfen Hermann und sein Freund und Pilotenkollege Lukas die Instrumente. Der Start verzögert sich. Wer abheben will, muss etliche Hebel, Messgeräte und Knöpfe im Blick haben. Der darf nicht überheblich werden. Ein paar schwer verständliche Funksprüche rauschen durch die Headsets. Dann ein „bassd scho“ – und es wird laut. Höllisch laut.

Hermann und Lukas machen den Heli startklar. © Marko Roth und Linda Ambrosius

Achtsam starren Hermann und Lukas auf die Anzeigen. Nahezu synchron bewegen sich ihre Helme. Ein Nicken, das wie einstudiert wirkt, dann hebt der Heli ab, ganz sanft. Den Steuerknüppel berührt Hermann kaum, ein leichtes Streicheln genügt und der Hubschrauber bricht in die gewünschte Richtung aus. Sie schweben, vielleicht zehn Meter über dem Flughafen. Der Adrenalinpegel steigt. Vielleicht ist es aber auch nur das monotone Vibrieren der Maschine, das meine Knie zum Schlottern bringt.

Wenige Sekunden später setzt Hermann den Helikopter wieder auf dem Boden ab. „Das war’s, Jungs“, sagt er und lacht. „Schmarrn, machen wir die Hütte voll.“ 540 Liter Kerosin fließen, wir müssen noch tanken, ich atme durch.

„Mach was G’scheites“, rieten ihm Freund*innen

Als Hermann seine Helikopter-Ausbildung begann, hatten ihn die meisten für verrückt erklärt. Zu schwer, zu teuer, und nur geringe Aussichten auf einen Job – das hatte Hermann von älteren Kolleg*innen gehört. „Mach was G’scheites“, rieten ihm Freund*innen. Hermann aber ließ sich nicht aufhalten. Schließlich träumte er schon als Kind davon, mit seinem Helikopter über den Bergen seiner Heimat zu schweben.

Hermanns Mutter musste ihrem Sohn in den 1990ern Woche für Woche die Kultserie Medicopter 117 auf Videokassette aufnehmen. „Gleich nach der Schule habe ich mir dann eine Folge nach der anderen reingezogen, ich konnte nicht genug davon bekommen“, sagt er. „Ein bisschen verdanke ich auch dieser Fernsehserie, dass ich nun Helikopter-Pilot bin.“

[Außerdem auf ze.tt: Was dir niemand vor deinem ersten Job sagt]

Heute erzählt Mama Eder die Anekdote, wie sie mit dem sechsjährigen Hermann zur Hubschrauber-Weltmeisterschaft in die Steiermark fuhr. Dort machten die beiden einen Rundflug und der kleine Hermann brachte vor Begeisterung kaum ein Wort heraus. Noch im Cockpit schaute die Mutter den Piloten an, nickte dem Jungen zu und meinte: „Irgendwann muss wohl der Bausparvertrag dran glauben.“

Das musste er. Mit der Geschwindigkeit von Rotorblättern zog Hermann die teure Ausbildung durch. Er hatte Druck. Jede weitere Flugstunde kostete seine Eltern die Summe eines Kurzurlaubs. „Am Anfang ist es wie Fahrradfahren, super schwer, aber wenn man hinfällt, muss man halt wieder aufstehen“, erzählt er heute.

Mit 21 hatte Hermann die Ausbildung begonnen, nach der Mindestanforderung von nur 17 Unterrichtsstunden machte Hermann seinen ersten Soloflug und schon wenige Monate später war er bereit für die Prüfung. Und bestand auf Anhieb. © Marko Roth und Linda Ambrosius

Mit 21 hatte er die Ausbildung begonnen, nach der Mindestanforderung von nur 17 Unterrichtsstunden machte Hermann seinen ersten Soloflug und schon wenige Monate später war er bereit für die Prüfung. Und bestand auf Anhieb. Da stand er nun, den Falco-Song Nie wieder Schule im Ohr, den Berufspiloten-Schein in der Tasche, aber ohne Job und um einen Betrag erleichtert, der gut und gerne auch für ein kleines Einfamilienhaus gereicht hätte.

Mit 23 Jahren wurde Hermann einer der jüngsten Berufspilot*innen Österreichs

„Die wenigsten Jungpiloten bekommen nach ihrer Ausbildung gleich eine Festanstellung“, erklärt Hermann, während er mit einem Tuch noch einmal die Außenflächen des marineblau glänzenden Helikopters putzt und sich Lukas um die Tankfüllung kümmert. Man brauche meist ein paar tausend Flugstunden, bis die Hubschrauber-Airlines einen Piloten fix einstellten. Hermann hatte 140 Stunden auf dem Konto und keine Berufserfahrung.

Im Dezember 2015 begegnete er Rudi. Der nutzte den Hubschrauber, um Güter auf seine Wanderhütte im Steinernen Meer zu befördern. „Eines Tages wollte ich mit einem Freund wandern gehen“, erinnert sich Hermann. „Obwohl es zunächst nicht unser Ziel war, sind wir vier Stunden den Berg hinauf gewandert und bei Rudi vorbeigegangen – es war Intuition, die mich führte.“ Oben angekommen, habe er Rudi gefragt, ob er ab und zu seinen Hubschrauber leihen könne – halb im Spaß, halb im Ernst, Hermann-Style. Rudi schaute kritisch drein. Ein paar Tage später rief er Hermann zu sich. „Komm vorbei, wir fliegen.“ Und ein halbes Jahr später gründete Rudi eine Firma – mit Hermann als Berufspiloten.

VIP-Transport und Rundflüge über die Alpen

Mit 23 Jahren wurde Hermann damit einer der jüngsten Berufspilot*innen Österreichs. „Es ist unglaublich, wie viel Vertrauen Rudi mir entgegenbringt. Er war mein Sechser im Lotto.“ Seither fliegen Hermann und Rudi diverse Spezialaufträge, in Österreich, Florida, Georgien. Mal transportieren sie VIPs, mal bieten sie Rundflüge über die Alpen an.

Wenn man Hermann im Cockpit beobachtet, merkt man ihm nicht an, dass er eigentlich immer noch ein Frischling im exklusiven Club der Berufshelikopterpilot*innen ist. Wir sind in der Luft, während die weißen Gipfel der Alpen an uns vorbeiziehen, so nah, man könnte sie fast greifen. Lukas und Hermann zeichnen mit ihren Fingern mögliche Routen in den Himmel. Von der Bodensicherung haben die beiden Piloten erfahren, dass eine kleine Maschine im Anflug ist. Waschechtes Denglisch packte der Mann im Tower da aus. „Oh, ihr Daitschen“, entfährt es Hermann. Wir lachen. Und fliegen.

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