Hetze im Netz: Blockt die Hater nicht – abonniert sie!

Eine Bekannte entpuppt sich als Impfgegnerin? Klick und tschüss! Eine Prominente macht Witze über Veganer*innen? Hinfort mit ihr! Ein Kollege postet sexistische Kackscheiße? Das muss ich mir als aufgeklärte Snapchat-Userin nicht bieten lassen!!1! Oder vielleicht doch?

© spacejunkie/photocase.de

Ein bisschen Liebe, auch für Andersdenkende. © spacejunkie/photocase.de

Na, heute schon geblockt? Eine Facebook-Freundschaft beendet? Den Account eines Hetzers sperren lassen? Beruhigend oder – so eine gesäuberte Timeline? Was nicht in das gemütliche Weltbild passt, wird eilig daraus entfernt. Die Filterbubble ist das Biedermeiersofa der digitalen Gesellschaft.

Bad News: Es ist nicht so, dass die Bösen verschwinden, wenn wir sie aus einer Liste entfernen. Sie rutschen weiterhin auf der Maus aus – und sie finden ihr Publikum auch ohne uns. Nur kriegen sie kein Kontra mehr, wenn nicht ein paar Vernünftige unter ihren Followern sind. Oft heißt es, man solle den Hetzern keine Aufmerksamkeit schenken. Wer das ernst meint, muss den Glauben verloren haben, Teil der vernünftigen Mehrheit zu sein. Wer denkt, dass sie ohnehin verloren sind, nimmt billigend in Kauf, dass sie unwidersprochen weiter hetzen.

Wir finden Menschen zu schnell dumm, nur weil sie anders denken

Flüchlinge, Islamhass, Sexismus – ständig heißt es, das Netz oder gleich die ganze Gesellschaft sei gespalten. Hoppla! Wo kommen denn diese ganzen Spalter jetzt plötzlich her? Es sind nicht nur die Provokateur*innen, sondern genau so wir, die wir nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Reihenweise erklären wir alles, was wir nicht hören wollen für dumm, als hätten die Schmuddelkinder unsere Sandburg kaputt gemacht. Mit den Dummen möchten wir nichts zu tun haben – das ist uns einfach zu blöd.

Wir sprechen Menschen die Fähigkeit zu klarem Denken ab, sobald sie anders denken als wir. Da hört unsere Toleranz auf. Wir drücken die Stumm-Taste und schon sind sie weg. Das ist sehr bequem, aber nicht besonders schlau. Wer glaubt, dass die Dummen schon wieder verschwinden, ist nicht klüger als die AfD mit ihrer 80er Jahre-Nostalgie.

[Außerdem bei ze.tt: #nichtegal – Kampagne gegen Hass im Netz]

Nur immer wieder die eigene Meinungen bestätigen zu lassen, ist nicht nur unsouverän, es ist kindisch. Wer die Hater wirklich ablehnt oder sogar gefährlich findet, darf nicht die Augen schließen und „LALALA“ rufen oder sie bei Papa Zuckerberg verpetzen.

Nur immer wieder die eigene Meinungen bestätigen zu lassen, ist nicht nur unsouverän, es ist kindisch

Schluss mit dem Blockieren! Abonniert die Hater lieber. Nur wer weiß, was da draußen passiert, kann sich wehren. Zuhören ist oft eklig, aber immer wichtig. Nur so lernen wir Argumente und Gründe kennen. Denn ja, auch die Rabauken haben Gründe. Sie mögen nicht immer einleuchten, aber wenn Gründe immer vernünftig wären, wäre Facebook das Planschbecken im Garten Eden.

„Don’t feed the trolls! Embrace them!“

Auch wenn wir ihnen nicht zustimmen und gerade wenn wir ihnen nicht zustimmen, sollten wir versuchen zu verstehen, was sie umtreibt. Und nur so können wir ins Gespräch kommen. Das klingt streberhaft? Stimmt, aber Ignoranz ist schlicht feige. Don’t feed the trolls! Embrace them.

Ein Kollege nimmt sich jeden Tag eine Viertelstunde Zeit, Verschwörungstheorethiker*innen zu widerlegen. Das macht ihm Spaß, dem Freak. Auf jeden Wutausbruch postet er ganz sachlich Statistiken in die Kommentarleisten. Er macht sich keine Illusionen, jemanden zu bekehren. Aber er macht andere User*innen darauf aufmerksam, dass es sich lohnt, die Dinge von mehreren Seiten zu sehen. Etwas, das auch wir uns abverlangen sollten.

[Außerdem bei ze.tt: Poste einen Hasskommentar und er landet als Plakat neben deinem Haus]

Nur weil Hetzer*innen eine eingeschränkte Sichtweise haben, heißt das nicht, dass sie ständig lügen. Man muss nicht gegen Flüchtlinge sein, wenn man sagt, dass sie den Staat Geld kosten. Man muss kein Sexist sein, wenn man Gendern hässlich findet. Aber man muss sich seiner Haltung sehr unsicher sein, wenn man all das nicht hören will. Wir sollten mehr Souveränität wagen.

Hetzer*innen sind Menschen mit Internetanschlüssen – wie du und ich

Eine Bekannte ist als Einzige aus ihrer früheren Klasse mit einem alten Schulfreund in Kontakt geblieben, der bei Pegida mitläuft und Lutz Bachmann feiert. Sie haben lange gechattet. Sie wollte ihn nicht mal umstimmen, sie wollte einfach recht behalten. Am Ende hatte sie Verständnis für ihn – und gerade deswegen die besseren Argumente. Die Geschichte hat kein Happyend. Er ist letzten Montag wieder mitmarschiert, aber sie hat ihn zum Nachdenken gebracht. Beide haben eine fremde Haltung nachvollzogen, indem sie sich wie zwei Menschen miteinander unterhielten.

Denn das sind Hetzer: Keine Monster, sondern Menschen mit Internetanschlüssen wie du und ich. Wir sollten sie als solche behandeln. Erst dann können wir auf sie zugehen, sie widerlegen, kontrollieren, nerven, warten bis sie einen Fehler machen und von ihnen lernen, unsere eigene Meinung zu überdenken und sie dadurch immer besser zu verteidigen.

Also raus aus der Komfortzone! Es gibt eine Welt jenseits der Filterbubble. Nur wer sie ernst nimmt, kann sie auch gestalten.