Hier darf jede*r kommen: Diese jungen Menschen wollen einen Sexshop für alle Geschlechter eröffnen

Pralle Brüste, dauererigierte Glieder, straffe Bäuche: Die meisten Sexshops zeigen die immer gleichen, heteronormativen und teils diskriminierenden Bilder. Diese vier Hamburger*innen wollen das nicht mehr hinnehmen.

Fränky, Rosa, Zarah und Flo (v.l.) haben keinen Bock mehr auf diskriminierende Sexshops – und wollen daher selbst einen sexpositiven Laden eröffnen. © Janusz Beck

Ein eigener Sexshop – nicht gerade ein geläufiger Lebenstraum. Doch Rosa, Fränky, Zarah und Flo haben ihn. Sie wollen Hamburgs ersten sexpositiven Sexshop eröffnen. Braucht Hamburg mit seiner Sexmeile Reeperbahn wirklich einen neuen Sexshop? „Auf jeden Fall“, sagt Rosa Schilling. Die 32-jährige Studentin der Kulturwissenschaften ist Teil des Teams von Fuck Yeah. „Für die meisten Menschen ist Sex ein wichtiges Thema und hier in Hamburg auf’m Kiez sowieso, aber auch in der Gesellschaft und den Medien geht es viel um Sexualität – aber oft nicht auf eine coole Art und Weise.“

Was sie meint, sind klischeebehaftete oder diskriminierende Bilder, die wir alle kennen: von schlanken, weißen, devoten Frauen mit gemachten Brüsten und straffen Bäuchen, die von muskelbepackten Männern mit Dauerständer durchgenommen werden. All die sexistischen, rassistischen, size-istischen oder age-istischen Bilder, die das, was von der Norm abweicht, schlicht ausschließen.

Queere Liebe, Körpervielfalt, People of Color, Menschen mit Behinderung, Sex im Alter? Fehlanzeige. Fuck Yeah will all das zeigen. Zeigen, dass Sex nichts Beschämendes oder Schlechtes ist und auch nicht diskriminierend sein muss. Zeigen, dass Sex für jeden Menschen anders ist und auch Spaß machen kann, wenn er nicht so wie im Porno abläuft. Das Konzept des Ladens soll daher sexpositiv und feministisch sein. Rosa und ihre Kolleg*innen wollen sexistische Stereotypen, traditionelle binäre Geschlechterrollen und dominante Machthierarchien aufbrechen und ein Angebot für Menschen aller Geschlechter, sexueller Orientierungen und Identifizierungen schaffen.

Seit Juli sammeln sie dafür über Crowdfunding Geld. Bislang haben sie um die 9.000 Euro zusammen.

Heute ist #IDAHOT bzw #IDAHIT, der Internationale Tag gegen Homo-, Trans-, Bi- und Interfeindlichkeit!Aus diesem…

Posted by Fuck Yeah Sexshopkollektiv on Mittwoch, 17. Mai 2017

Dildos aus Holz und selbstgemachte Gleitgele

Im sexpositiven Sexshop wird es auch Dildos, Vibratoren, Gleitgele und Analkugeln geben, aber im Vergleich zu herkömmlichen Sexshops werden diese aus nachhaltigen und nicht giftigen Materialien zusammengesetzt sein. „Es gibt viele Toys, die billig produziert sind und daher billig verkauft werden. Und die Leute führen sich dann dieses schädliches Plastik mit giftigen Weichmachern ein“, sagt Rosa. Sie und ihre Kolleg*innen prüfen daher genau, wo und wie die Sachen hergestellt worden sind. „Besonders im BDSM-Bereich ist das meiste aus Leder und nur so klischeemäßig aus Schwarz und Rot.“ Auch hier geht es ihnen um Vielfalt: Wer es in rot und schwarz mag, soll es sich so kaufen. Wer davon gelangweilt ist, wird im Laden bunte – und vegane – Alternativen finden.

[Außerdem bei ze.tt: So ist es, seine Ausbildung im Sexshop der Mutter zu machen]

Zudem wird es Safer-Sex-Zubehör, erotische Kunst, Literatur, alternative Menstruationsprodukte, Filme und Unterwäsche geben. „Wir werden darauf achten, dass vieles erschwinglich ist, aber es wird auch ein paar hochpreisige und hochwertige Produkte geben.“ Groß ist die Herstellerbranche für sexpositives Zubehör noch nicht. Einiges könnten sie in Deutschland bestellen, manches muss aus den USA importiert werden. „Regionale Hersteller für handgefertigte Dildos zum Beispiel aus Holz zu finden ist nicht so einfach“, sagt Rosa. Inspiration und Tipps holen sie sich bei ihren Vorreitern other nature und sexclusivitäten aus Berlin.

Was einen sexpositiven Laden von anderen Sexshops unterscheidet, sind nicht nur die Produkte, sondern auch die Aufmachung: „Die meisten Läden sind entweder schmuddelig oder genau das Gegenteil in kühlem und sterilem Weiß. Wir wollen einen hellen, freundlichen Laden, der ein bisschen was von einem Wohnzimmer hat.“ Im Fuck Yeah wird es daher eine Sofaecke geben, auf der die Kund*innen entspannen und Kaffee trinken können. Auch die Produktverpackungen werden anders aussehen: weg von frauenfeindlichen, männlich-fokussierten, heterosexuellen und sexistischen Darstellungen.

Über Sex reden

Was dem Team von Fuck Yeah besonders wichtig ist: über Sex zu reden. Sie wollen das Tabu um Sex brechen und über Gleichberechtigung, Vielfalt, Empowerment und sexuelle Selbstbestimmung sprechen. Denn auch sie kennen das Tabu um Sex aus ihrem persönlichen Umfeld. In Rosas Jugend wurde wie bei vielen kaum über Sex gesprochen – und wenn dann beschämend oder im Sprücheklopfmodus. Trotzdem verlor sie nicht ihr Interesse, im Studium belegte sie Seminare in den Gender Studies und merkte: So aufgeklärt sind wir alle nicht. „Ich hab mich dann immer mehr mit tollen Frauen und Freundinnen ausgetauscht und dadurch positive Erfahrungen gemacht.“

Zum Angebot im Sexshop werden auch Vorträge über Sex im Alter oder in der Schwangerschaft, über Verhütung und Safer Sex und weibliche Ejakulation gehören. In Workshops werden zudem Toys vorgestellt oder gezeigt, wie man selbst ein Gleitgel herstellt. Ein Projekt für die Zukunft sehen die vier in der Aufklärungsarbeit für Jugendliche – „gerade weil Jugendliche über das Internet so leicht Zugang zu Pornos haben, aber oft keinen Raum haben, sich auszutauschen.“

Pornos sind schön und sehenswert, solange sie konsensuellen Sex zeigen

In Bezug auf Pornos spaltet sich der Feminismus meist in die zwei Kategorien PorYes und PorNo auf. Rosa und ihre Kolleg*innen finden Pornos sehenswert, solange sie konsensuellen Sex zeigen – also Sex, den alle Beteiligten genauso wollen und niemand zu etwas gezwungen wird, was er*sie nicht möchte. „Es gibt richtig coole Pornos, die nicht nur so Weichzeichnererotik zeigen, sondern auch explizite Darstellungen und konsensuelle Handlungen“, sagt Rosa. Wichtig ist ihnen, dass die Pornos authentisch sind.

Auch gewaltvolle Darstellungen seien okay, solange sie konsensuell sind. Solche Filme sollen im Laden allerdings sensibel präsentiert werden, „damit nur die Leute diese zu Gesicht kriegen, die es auch wollen.“

Alle Filme, die im Laden verkauft werden, wollen Rosa und ihr Team vorher aussuchen und ansehen. Bestimmten Marken oder Regisseur*innen wie Erika Lust kennen oder den Auszeichnungen von PornAwards vertrauen sie. Wichtig ist ihnen aber, Alternativen zum Mainstream-Porno anzubieten, denn „Sex ist für alle unterschiedlich – und das wollen wir zeigen.“

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