Hier liest die Zukunft der deutschen Literatur

Werden sich die Romane von morgen wie Netflix-Serien lesen, vor allem ferne Fantasy-Welten beschreiben oder die aktuelle Politik? Vier junge Autorinnen und Autoren erklären uns die Zukunft ihrer Zunft und lesen im Video aus ihren Werken.

© ze.tt/Mark Heywinkel

Vier junge Autorinnen und Autoren haben uns erzählt, wofür sie brennen. © ze.tt/Mark Heywinkel

Jedes Jahr suchen die Berliner Festspiele die spannendsten Autorinnen und Autoren des Landes. Beim diesjährigen Treffen junger Autoren sind 21 Literaten zusammengekommen, um sich auszutauschen. Wir haben uns unter den Nachwuchs gemischt, um herumzuhorchen, für welche Themen die jungen Wilden brennen und mit was für Geschichten sie uns künftig unterhalten werden.

Felice Christina Lohmann, 14

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„Ich verstehe nicht, warum manche Leute Probleme mit E-Readern haben.“

Pferde, Comedy-Shows und Bräunungscreme kann sie nicht leiden und wenn sie groß ist, will sie als Politikerin die Welt verändern: Während andere mit 14 gerade erst die Spielzeuge aus dem Zimmer verbannen, scheint Felice Christina Lohmann bereits eine klare Haltung zur Welt entwickelt zu haben.

Sie ist die jüngste Autorin, die die Berliner Festspiele zum hoffnungsvollen Nachwuchs zählen. Zum Schreiben sei Felice gekommen, weil ihre Eltern ihr kein Super Nintendo kaufen wollten. „Irgendwie muss man sich ja beschäftigen“, sagt die Hamburgerin und lacht. Ihre Themen braucht sie nicht lange suchen, sie gewinnt sie aus dem Alltag. „Jetzt gerade ist die Pubertät eine relativ spannende Phase“, sagt Felice, „man hat viele Sachen, über die man schreiben kann.“


Für die Zukunft ihrer Zunft wünscht sie sich nur eines: „Ich hoffe, dass wir weiterhin die Möglichkeit haben, frei unsere Meinung zu sagen.“ Wie die Geschichten und Meinungen dann ihren Weg zum Leser finden, ist Felice egal. „Die Menschen müssen keine Regale voll mit Büchern haben, für die Tausende Quadratkilometer Regenwald abgeholzt werden mussten. Ich verstehe nicht, warum manche Leute Probleme mit E-Readern haben.“

Rahmatullah Hayat, 18

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„Je obszöner, exzentrischer und erschreckender Literatur, desto mehr wird sie gehypet.“

„Ich habe eigentlich keine Geschichten zu erzählen“, sagt Rahmatullah Hayat. Deshalb entwirft der bayerische Schüler Situationen und skizziert sie. „Zeichnen mit Sprache würde ich das nennen“, sagt Rahmatullah.

„Es findet auf dem Buchmarkt eine Trivialisierung der Literatur statt“, sagt Rahmatullah. „Je obszöner, exzentrischer und erschreckender Literatur, desto mehr wird sie gehypet.“ Als Gefühls-Blabla versteht er das und wünscht sich von jungen Autoren, dass sie mit relevanten Themen dagegen anschreiben. Rahmatullahs Texte sind deshalb oft politisch geladen und behandeln auch Themen, die von Medien wenig beachtet werden.

Lukas Rietzschel, 21

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„Die Literatur kann womöglich am ehesten beantworten, warum zum Beispiel die Menschen in Dresden auf die Straße gehen.“

Durch die Digitalisierung und die Globalisierung ist die Welt unübersichtlicher geworden, findet Lukas Rietzschel. Die Literatur versteht er in dieser Zeit als sortierende Instanz: „Literatur kann da eine Stelle einnehmen, wo wir wissenschaftlich nicht so weit vordringen können“, sagt Rietzschel.


Wo die Soziologie oder die Psychologie scheitern würden, nämlich an subjektiver Beobachtung, könne Literatur Antworten auf die Fragen des Alltags liefern. „Die Literatur kann womöglich am ehesten und offensten die Frage beantworten, wovor die Menschen Angst haben und was sie zum Beispiel in Dresden auf die Straße treibt.“

Nefeli Kavouras, 19

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„Autoren sollten sich als Zeitzeugen betrachten.“

Nefeli Kavouras studiert in Lüneburg Kulturwissenschaften und pendelt regelmäßig zwischen ihrer Wahlheimat Hamburg und ihrem Geburtsort Bamberg hin und her. Was sie dabei an Geschichten aufschnappt, verarbeitet sie in Texten. „Dabei interessieren mich vor allem die menschlichen Begegnungen“, sagt die 19-Jährige. „Ich versuche, mich in die Menschen hineinzuversetzen und zu verstehen, warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten.“ Das Schreiben sei für sie eine Möglichkeit, Antworten zu finden und ihren Horizont zu erweitern.

Von ihrer Zunft wünscht sie sich, dass sich Autorinnen und Autoren weniger in Fantasy-Welten verlieren, sondern sich mit dem Hier und Jetzt beschäftigen. „Autoren sollten sich als Zeitzeugen betrachten. Das, was wir schreiben, bleibt von uns in der Zukunft. Das finde ich sehr bedeutungsvoll.“