Himmel und Hölle sind euch zu langweilig? Das sagen andere Religionen über den Tod

Himmel oder Hölle, Paradies auf Erden, Geisterwelt oder Unsterblichkeit: Unterschiedliche Glaubensrichtungen haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was nach dem Tod passiert. Rational nachvollziehbar ist keine davon.

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Ist das der Weg ins ewige Paradies? © Unsplash/CC0

Die Mehrheit der Deutschen sehen sich dem Christentum zugehörig. Fast 60 Prozent der deutschen Bevölkerung sind Teil der evangelischen oder römisch-katholischen Kirche. Sie wissen, was nach dem Tod auf sie zukommt. Der christliche Gott unterscheidet zwischen Menschen, die moralisch gut und schlecht handeln und dementsprechend nach dem Tod entweder glücklich an Gottes Seite im Himmel leben oder für alle Ewigkeiten im Höllenfeuer schmoren.

Abseits der fünf Weltreligionen haben sich im Laufe der Zeit unzählige weitere Religionen, Weltanschauungen und Mythologien entwickelt. Manche davon mit satirischem Hintergrund, manche mit Inhalten, die an Satire erinnern, aber durchaus ernst gemeint sind – und jede davon hat unterschiedliche Vorstellungen vom Leben nach dem Tod.

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Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas glauben nicht an eine unsterbliche Seele. Nach dem Tod gäbe es für den Menschen nur zwei Möglichkeiten: ewiges Leben oder ewiger Tod. Jehovas Zeugen gehen davon aus, dass sehr bald Harmagedon käme, die endzeitliche Entscheidungsschlacht im „Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“. In dieser Schlacht werden die bösen Menschen vernichtet und die guten Menschen, die nach den göttlichen Regeln der Zeugen Jehovas gelebt haben, überleben.

Diese treuen Diener Gottes dürfen für immer im Paradies auf Erden leben, wo es keine Tränen, keine Gewalt und keine Krankheiten gibt. Die vernichteten Ungläubigen kommen allerdings in keine Hölle und werden dort weiter bestraft, sondern bleiben schlicht für immer tot. Mord und Selbstmord wird strikt abgelehnt, damit verringert man die Chance auf das Paradies.

„Das kann bedenkliche Auswirkungen haben. Manche lehnen nämlich wichtige Operationen ab, weil sie meinen, es lohne sich nicht, da sie ohnehin bald wieder auferweckt werden und ins Paradies auf Erden kommen“, sagt Sabine Riede, Geschäftsführerin der Beratungsstelle Sekteninfo Nordrhein-Westfalen.

Mormonen

Zusätzlich zur Bibel nutzen Mormonen das Buch Mormon als Glaubensgrundlage, das der Prophet Joseph Smith, jr. laut mormonischer Überlieferung im Jahr 1827 im Westen des US-Bundesstaates New York gefunden und übersetzt hat. Von der evangelischen und der katholischen Kirche wird das Werk als weitere Offenbarungsquelle abgelehnt. Umgekehrt sehen sich Mormonen als Christen und als Teil des Christentums.

Der Tod ist auch im Mormonentum nicht das Ende. Der Körper verwest, der Geist gelangt zunächst in eine Art Geisterwelt mit zwei Bereichen oder Zuständen – dem Paradies und dem Gefängnis. Vor dem Gericht Gottes wird der Geist mit einem unsterblichen Körper wiedervereinigt – und darf in einem von mehreren Reichen der Herrlichkeit ein glückliches Leben führen. „Das ist ein verherrlichter Körper, der mit dem irdischen Körper nicht mehr vergleichbar ist“, sagt Dr. Ralf Grünke, deutscher Pressesprecher der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Im Mormonentum können Verstorbene in Form lebender Stellvertreter*innen getauft werden, um auch ihnen das ewige Leben im Himmel zu ermöglichen. Das funktioniert allerdings nur, wenn der oder die Verstorbene mehr als ein Jahr tot ist, oder – wenn das Sterbedatum unbekannt ist – vor mindestens 110 Jahren geboren wurde. Nach- und Vorname müssen dafür unbedingt bekannt sein. „Die Vorstellung einer Hölle, in der Menschen buchstäblich ohne Ende in Feuer und Schwefel qualvoll leiden, ist nicht mit unserem Verständnis von einem liebenden Gott vereinbar. Unser Gott hat für alle einen Platz in seinem Haus vorbereitet“, sagt Grünke.

Satanismus

Aleister Crowley im Alter von 37 Jahren. | © Wikipedia
Aleister Crowley im Alter von 37 Jahren. | © Wikipedia

Den einen Satanismus gibt es nicht, sondern mehrere Strömungen. Der wohl bekannteste Vertreter war Aleister Crowley, Verfasser der Satansbibel Liber AL vel Legis (deutsch: Das Buch des Gesetzes), die ihm von einer außerirdischen Intelligenz namens Aiwass im Jahr 1904 diktiert worden sei. Crowley wird oft als Urvater des modernen Satanismus bezeichnet.

Im Jahr 1920 gründete er seine neureligiöse Bewegung „Thelema“ auf Sizilien, deren Mitglieder auf Grundlage der Satansbibel in Freiheit und Liebe leben sollten. Aufgewachsen in einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus hegte Crowley Abneigung gegen des Christentum. Es war ihm zu streng und fromm, er empfand es als unterdrückend. Thelema war für ihn eine Art Gegenströmung zum Christentum.

In der Satansbibel stehen daher vielmehr Ausführungen dazu, wie man ein schrankenloses Leben und lustvollen Sex hat, anstatt Angaben zum Leben nach dem Tod zu machen – notfalls auch auf Kosten anderer. „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz“ heißt es in der Satansbibel, und „Der Mensch hat das Recht all diejenigen zu töten, die ihm dieses Recht zu nehmen suchen“. Himmel und Hölle sollten keine Rolle spielen, es gelte viel mehr, seine eigenen Wünsche im Hier und Jetzt zu leben, sich nicht unterdrücken zu lassen. Wird man in seiner freiheitlichen Lebensführung aber beeinträchtigt, war Mord ein Mittel, um sich dagegen zu wehren. Gewalt wurde nicht verpönt, solange es der eigenen Selbstverwirklichung dient.

Einer der berühmtesten Satans-Logen ist die von Anton Szandor LaVey. Der Gründer und Hohepriester der „Church of Satan“ schrieb seine eigene satanistische Bibel und widmete ein eigenes Kapitel dem Leben nach dem Tod. LaVey glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod, sondern sagt ganz deutlich, dass Selbsterfüllung im Leben wichtiger sei. Um den Tod solle man sich nicht kümmern. Die Angst vor dem Tod wäre aber durchaus ganz normal, das hätten Tiere schließlich auch. Selbstmord (außer man ist unheilbar krank oder hat starke Schmerzen) und die Vertröstung auf ein Leben nach dem Tod durch andere Religionen wird bei LaVey abgelehnt und verachtet.

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„Satanisten glauben in keiner Form an ein Leben nach dem Tod“, erzählt Magus Peter H. Gilmore. Er ist Hohepriester und seit 15 Jahren Leiter der „Church of Satan“. „Aus diesem Grund empfinden wir das eine Leben, das wir haben, als wertvoll. Es darf nicht verschwendet werden, wir machen das meiste aus dem, was wir haben. Unser Ziel ist ein erfülltes Leben. Unsere kreativen, wagemutigen, erfindungsreichen oder leidenschaftlichen Taten werden in denjenigen weiterleben, die von uns betroffen sind.“

Wie viele Satanisten es in Deutschland gibt, ist unklar. Aber ähnlich wie bei Scientology sind die Zahlen deutlich rückläufig. „Wir haben weniger als die Hälfte an Beratungsfällen als vor zehn Jahren“, sagt Sektenexpertin Sabine Riede. „Einige der Jugendlichen, die selber Missbrauch und Gewalt in der Kindheit erlebt haben, fühlen sich heute zum IS hingezogen. Es besteht der Wunsch, die eigene Ohnmacht der Kindheit hinter sich zu lassen und endlich selbst mächtig zu werden oder einer mächtigen Organisation anzugehören.“ Einen starken Zulauf gäbe es hingegen bei der Esoterik und dem Atheismus.

Scientology

Scientologen glauben an sehr viel. Zum Beispiel an die Geschichte des galaktischen Herrschers Xenu, der seine überschüssige Bevölkerung vor 75 Millionen Jahren zur Vernichtung auf die Erde brachte. Und der damals ein paar Wasserstoffbomben in Vulkanen versenkte. Und der Hunderte von Milliarden entkörperter Seelen gezwungen hat, 36 Tage lang einen „dreidimensionalen superkolossalen Film“ anzusehen. Was nach deren Auffassung nach dem Tod passiert, ist ähnlich obskur.

Nach der Scientology-Auffassung besteht der Mensch aus drei Teilen: dem sterblichen Körper, dem Verstand und dem Thetan. Letzterer ist eine Art unsterbliche Seele, wird immer wieder geboren und durchläuft daher viele Leben. Ziel des Menschen ist es, die Fähigkeiten vergangener Leben wiederzuerlangen. Um das zu tun, muss der Thetan durch körperliche und geistige Reinigungsprozesse zuerst sauber werden. Ist er einmal „clear“ muss er über 15 „Operating Thetan“-Stufen (OT-Stufen) trainiert werden, um zur völligen Befreiung zu gelangen. Auf der höchsten Stufe wird der Thetan zur „Ursache von Materie, Zeit, Energie und Raum“. Er kann seinen Körper verlassen, sich einen beliebig neuen suchen und mit dem leben. Oder er kann ohne Körper durch die Galaxien reisen.

Dann ist man gottgleich, ein unsterblicher Übermensch. Auf dem Planeten Erde hat das bisher nur ein einziger geschafft: der Gründer von Scientology, L. Ron Hubbard. Er ist gerade in anderen Galaxien unterwegs. Der berühmteste Scientology-Anhänger Tom Cruise befindet sich derzeit noch auf OT-Stufe sieben. OT-8 ist die höchste Stufe, die man im Moment auf dem Planeten Erde erreichen kann.

Jedis

© Pixabay/CCO
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Ja, den Jediismus gibt es wirklich. Ob Religion, Sekte oder Selbsthilfegruppe: Es ist eine Lebenseinstellung, die sich mal mehr, mal weniger an den Orden der Jedi aus der „Star Wars“-Saga von George Lucas anlehnt und auch im echten Leben eine Anhängerschaft hat. Millionen von Fans bezeichnen die Bewegung überspitzt als Religion oder als religiöse Philosophie. Sie glauben nicht an einen Gott, sondern an eine nicht-personifzierte, allumfassende „Macht“, die das Universum zusammenhält. Wie viele tatsächlich an die karmaähnlichen Strömungen der „Macht“ glauben, ist nicht klar. Bei einer Volksbefragung in Tschechien im Jahr 2011 gaben mehr als 15.000 Menschen den Jediismus als Religion an. In Australien ist er sogar eine eingetragene Religion.

Auf die Frage, was nach dem Tod geschieht, gehen George Lucas und der Jediismus nicht ein. Anhänger*innen haben daher unterschiedlich Antworten auf die Frage nach dem Leben nach dem Tod. „Außer, dass wir nach dem Leben wieder zu Staub zerfallen, können wir auch nicht viel Sicheres über unseren Tod sagen“, erklärt ein Jediismus-Anhänger (ein Jedi-Ritter) des deutschen Jedi-Ordens Order of the bright side. Er selbst vertritt die Meinung, dass nach seinem Sterbeprozess nichts mehr von seinem Bewusstsein übrig ist. Er sei dann einfach so nicht-existent (=tot), wie er es vor seiner Geburt auch war. Für Dario Dombaj, Padawan und Ratsmitglied des Kölner Jedi Ordens, bietet der Tod hingegen die große Chance, zur Vervollkommnung zu gelangen: „Es ähnelt der buddhistischen Vorstellung vom Sein nach dem Tod“, sagt er.

Die selbsternannten Jedis können anders als im Film zwar keine Gegenstände per Telepathie bewegen oder die Gedanken von anderen kontrollieren, aber sie wollen zumindest ein gütiges Leben führen und für Frieden und Harmonie in ihrem Umfeld sorgen. Ist ja schon mal besser als so manche andere Bewegung, die offiziell anerkannt wird.

Fliegendes Spaghettimonster

Der Glaube an das Fliegende Spaghettimonster entwickelte sich ursprünglich in den USA als Gegenbewegung zum Kreationismus, der die darwinsche Evolutionstheorie ablehnt. Pastafari – so werden die Anhänger*innen der Bewegung genannt – stehen für die Freiheit zur und von Religion und für die Werte von Aufklärung und Humanismus. Sie richten sich gegen die kreationistische Auffassung des Intelligent Designs und dessen Einbindung in den Schulunterricht als wissenschaftliche Tatsache. Als satirisch-kritische Religion ist ihr Ziel die Förderung wissenschaftlicher Weltanschauungen. Nach dem Tod wartet auf die Pastafari ein Platz im Pasta-Himmel, inklusive Stripperfabrik und Biervulkan.

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„Eine Hölle könnte es laut den Worten unseres Propheten auch geben. Sie soll ähnlich sein, wie der Himmel, allerdings ist das Bier schal und die Stripper haben Geschlechtskrankheiten“, sagt Christian Pohle, Mitglied der Kirche des Fliegenden Spaghetti Monsters Bayern. Unterschiede zwischen natürlichem Tod, Mord oder Suizid gäbe es keine. „Tot ist tot, allerdings möchte ich erwähnen, dass im Namen der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters bislang kein einziger Mord begangen wurde und das soll auch so bleiben.“ In Deutschland wurde der Verein mit Sitz in Templin im Jahr 2012 als Weltanschauungsgemeinschaft anerkannt.

Säkularer Humanismus

Säkularer Humanismus ist keine Religion, im Gegenteil: es ist das Fehlen eines Glaubens. Vertreter der humanistischen Lebensauffassung halten daher auch nicht viel von einem Leben nach dem Tod. Mit dem biologischen Tod enden nach atheistischer Auffassung die körperlichen Prozesse, die den Menschen zum denkenden und selbstständigen Lebewesen machen. „Alle psychischen Funktionen, die an das Funktionieren des menschlichen Körpers gebunden sind, sind mit dessen Sterben beendet“, sagt Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands und der Humanistischen Akademie Deutschland. Laut ihm wären alle Vorstellungen, für den Körper einen Ersatz zu finden, bisher reine Science Fiction.

Der Mensch sei darüber hinaus aber immer auch ein gesellschaftliches Wesen. „Verschiedene Verkörperungen und Bilder einer verstorbenen Person wirken nach dem Tod in gesellschaftlichen Prozessen weiter, auch wenn wir in individueller Hinsicht zu nicht-lebendiger Materie im riesigen Universum werden. Wir werden wieder zu Sternenstaub“, sagt Arik Platzek, Pressesprecher des Humanistischen Verbands Deutschland.

„In dem Moment, in dem jemand glaubt, dass nach dem Tod etwas Spezifisches geschehe, wird dem das schlecht auszureden sein. Ich halte das erst mal für nicht gefährlich. Im Gegensatz zu Personen, die glauben, sie werden durch Selbstmordattentate oder Mord besonders belohnt. Solange es eine unschuldige Träumerei bleibt, kann so eine Vorstellung für manche auch ganz schön sein“, sagt Rainer Ponitka, Pressesprecher des Internationalen Bunds der Konfessionslosen und Atheisten.