Hirndoping aus der Sicht einer Nutzerin: Meine Erfahrung mit Strattera und Ritalin

Schlafstörungen, Verdacht auf ADS, übertriebener Ehrgeiz: Maria begann mit 15 Jahren, Ritalin und ähnliche Medikamente zu nehmen. Heute kennt sie die gesundheitlichen Risiken – und würde trotzdem wieder zu den Mitteln greifen.

© Julian Stratenschulte / dpa

Eine Packung des Medikaments Ritalin. © Julian Stratenschulte / dpa

Unruhe, Schlafstörungen, Depressionen, aber auch Geschmacksveränderungen, Erektionsschwierigkeiten, Gewichtsverlust, Lethargie und unregelmäßiger Herzschlag – das sind Beispiele für Nebenwirkungen, von denen ganze 35 als häufig kategorisiert werden. Der Packungsbeilage zufolge treten solche Begleiterscheinungen also bei jedem zehnten Patienten bei der Einnahme von Strattera auf. Angesichts dieser Risiken sollte man sich fragen, warum Menschen trotzdem bereit sind, beispielsweise Atomoxetin (Strattera) oder Metylphenidat (Ritalin) zu konsumieren, um ihre Leistung zu steigern.

Diese Frage kann ich nur für meinen eigenen Fall beantworten: Ich bin heute einundzwanzig Jahre alt und schuldig im Sinne der Anklage. Ich gestehe, mein Hirn gedopt und die Konsequenzen wissentlich auf mich genommen zu haben. Es war eine Entscheidung, die mich und mein Selbstwertgefühl bis heute verfolgt. Wie ist es dazu gekommen? War ich eine schlechte Schülerin, die es „nötig“ hatte, um nicht sitzen zu bleiben? Wurde ich durch den Leistungsdruck der Gesellschaft dazu gezwungen, um etwa mithalten zu können? Nein. Die Wahrheit ist, dass ich einfach ehrgeizig war.

Nach einem Intelligenztest war die Sache schnell klar: ADS

Im Alter von 15 Jahren begannen meine Schlafstörungen. Unfähig ein- und durchzuschlafen, geplagt von unruhigen Träumen, wurde es ein Kampf meine guten Leistungen in der Schule aufrecht zu erhalten. Nicht selten war ich derart übermüdet, dass ich kaum die Augen offen halten konnte. Als die Ärzte dafür keine körperliche Ursache finden konnten, wurde ich zum Kinder- und Jugendpsychiater geschickt.

Nach einem Intelligenztest war für den Psychiater die Sache schnell klar. Eine überdurchschnittlich gute Leistung, die starke Defizite in der Konzentration aufwies; es handelte sich selbstverständlich um ADS. Er beschrieb meiner Mutter und mir die Symptome des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms, in dem ich mich selbst nicht erkennen konnte. Meiner Mutter schien es ebenfalls schwer zu fallen, und sie fragte: „Was ist, wenn meine Tochter nicht an ADS leidet und diese Medikamente nimmt?“ „In dem Fall würden die Medikamente aufputschend wirken“, erklärte er uns. „Wenn Ihre Tochter aber daran leidet, wovon wir schließlich ausgehen können, werden die Tabletten ihr helfen ihre Leistungen in der Schule zu verbessern.“

An dieser Stelle sollten wir vermutlich einen Moment innehalten. Meine Mutter stammt aus bürgerlichen Verhältnissen, pflegte aber nach einer gescheiterten Selbstständigkeit und als alleinerziehende Mutter von vier Kindern jahrelang einen sehr einfachen Lebensstil. Sie hat sich immer gewünscht, dass wir es einmal besser haben würden – was schließlich alle Eltern wollen. Das Argument, dass meine Noten dadurch besser werden würden, ließ deshalb sofort alle Einwände in ihrem Kopf verschwinden.

Die ersten Tage mit Ritalin waren die Hölle

Der Eindruck, dass meine Mutter mich also zu diesen Tabletten überredet hat, ist aber falsch. Auch ich habe bei diesem Satz aufgehorcht. Als sehr gute Schülerin, die immer zu den besten der Klasse zählte, hatte ich einen ausgeprägten Ehrgeiz entwickelt. Obwohl ich nicht wusste, was ich nach dem Abitur machen wollen würde, war mein Ziel schon seit Jahren gewesen, einen sehr guten Abschluss zu machen, um alle Türen offen zu haben. Und so willigte ich ein, Ritalin zu nehmen.

Die ersten Tage, in denen ich auf die Medikamente eingestellt wurde, waren die Hölle. Zunächst merkte ich wenig, doch kaum wurde die Dosis etwas angehoben, litt ich an starken Kreislaufproblemen, Taubheitsgefühlen in meinen Fingern und starkem Zittern. Als ich den Arzt anrief und meine Probleme schilderte, ließ er mich ein anderes Medikament probieren, Medikinet, das ich aber noch weniger vertrug.

Schließlich wurde ich auf ein Medikament mit dem Namen Strattera eingestellt. Im Gegensatz zu Ritalin wird dieses dem Körper schonend zugeführt. Die richtige Dosis wird über zwölf Wochen eingeschlichen, damit man sich langsam daran gewöhnt. Der Nachteil daran war, dass man es auf keinen Fall vergessen sollte, da sich bei diesem Wirkstoff eine im Vergleich zu Ritalin stärkere Abhängigkeit entwickelte.

Bis dahin hatte ich eine sehr gute Meinung von der Wirkung. Ich wurde merklich ruhiger und konnte mich auf Alles konzentrieren, unabhängig davon wie schlecht ich schlief. Mein Appetit verschwand zunehmend, und ich verlor in den ersten vier Monaten um die 10 Kilo an Körpergewicht – was für mich, wie für viele andere junge Frauen in dem Alter, ein willkommener Beigeschmack war. Als ich dann aber die Tabletten einen Abend vergaß, bemerkte ich am nächsten Tag die fatalen Konsequenzen: Schwindel, Kreislaufprobleme, Wahrnehmungsstörungen, Zittern am ganzen Körper, Übelkeit… Und da wurde mir klar, was es bedeutet süchtig zu sein.

Mir wurde klar, was es bedeutet süchtig zu sein.

Diese Erkenntnis jagte mir Angst ein. So große Angst, dass ich das Medikament absetzen wollte, das ich zu dem Zeitpunkt schon ein gutes dreiviertel Jahr genommen hatte. Als ich den Arzt jedoch anrief, erklärte er mir, dass man Strattera im Gegensatz zu Ritalin (das man nur nehmen muss, wenn man will) nicht einfach absetzen kann. Es muss über Wochen ausgeschlichen werden – Wochen, in denen meine Konzentrationsfähigkeit durch den Entzug stark beeinträchtigt würde. Um meine Noten nicht zu gefährden und dieses Mal auch unter Druck seitens meiner Familie, willigte ich also ein das Medikament weiter zu nehmen. Meine Angst vor den Nebenwirkungen wurde vor meiner Angst zu versagen überschattet.

Als ich zwei Jahre später mein Abitur in den Händen hielt, war ich erleichtert. Ich war inzwischen untergewichtig, musste mich jeden Tag daran erinnern zu essen und hatte nicht besser geschlafen als vor der Einnahme der Medikamente, doch ich hatte den zweitbesten Schnitt in meinem Jahrgang. Mir stand die Welt offen.

Zweieinhalb Jahre nach dem Abi habe ich wieder zugenommen, ein Studium aufgenommen und seit Strattera kein Medikament mehr angerührt. Aufgrund meines Abschlusses bin ich inzwischen Stipendiatin im größten Begabtenförderungswerk Deutschlands. Bei unseren gemeinsamen Treffen bin ich regelmäßig von sehr intelligenten Menschen umgeben, in deren Mitte ich mich nie ganz wohl fühlen kann. Selbst zwei Jahre nach der Aufnahme, habe ich oft das Gefühl, dass ich mir meinen Platz an dieser Stelle nicht wirklich verdient habe, dass ich durch die Tabletten einen unfairen Vorsprung hatte, der mich besser gemacht hat als ich eigentlich „natürlicherweise“ bin.

Ich würde es vermutlich wieder genauso machen.

Ich sehe mich selbst nicht als Opfer meiner Umstände. Von Anfang an wusste ich über die Nebenwirkungen Bescheid. Die regelmäßigen Untersuchungen (Blutbild, Blutdruck, Gewicht) erinnerten mich immer wieder daran, dass ich meinem Körper damit Einiges zumutete. Ich hätte nach dem IQ-Test Nein sagen können. Ich hätte darauf bestehen können, das Medikament abzusetzen, nachdem ich es einmal vergessen hatte. Stattdessen habe ich Ja gesagt – jeden Abend aufs Neue. Ja zu Konzentration. Ja zu Leistung. Ja zu Druck. Jede Tablette, die ich mir zweieinhalb Jahre lang eingeworfen habe – hat Ja gesagt.

Dadurch habe ich nicht nur meinem Körper geschadet. Ich habe mir dadurch auch einen unfairen Vorteil meinen Mitschülern gegenüber erworben. In dem Bewusstsein ist es mir lange schwer gefallen, mir meine Leistungen anzuerkennen und davon auszugehen, dass ich mein Abitur und Stipendium verdient habe.

Was habe ich aus diesen Erfahrungen für mich mitgenommen? Dass man nicht jedem Arzt trauen sollte. Dass es so einfach und verlockend ist, etwas zu seinem eigenen Nutzen zu tun, auch wenn es nicht richtig ist. Dass unser Gehirn auch ohne Beihilfe Erstaunliches hervorbringt und schafft. Und dennoch… Wenn ich zurückgehen könnte, würde ich es vermutlich wieder genauso machen.

Wir haben den Namen der Autorin geändert.

Dieser Artikel ist einer von zwei Gewinnern eines Schreibwettbewerbs von izt und Politik Digital, den ze.tt unterstützt hat. Weitere Informationen zum Thema Hirndoping findet ihr auf der Website des Projekts supermenschen.info.