Schluss mit Karriere! Warum mein neuer Teilzeitjob mich glücklich macht

Wenn du am Wochenende nicht drei Konzerte besuchst, dich nicht zum Frühstück, Brunch und zum Grillen getroffen und nicht auch noch diese PowerPoint für den super mega wichtigen Pitch nächste Woche fertig gemacht hast, dann stimmt was nicht mit dir. Ehrlich?!

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Die Welt ist nicht genug? Ja, klar, das sehen doch alle so. Pexels.com/CC0 License

Höher, schneller, weiter

Jetzt mal ehrlich, was antwortest du, wenn dich jemand fragt, was du am Wochenende vorhast? Oder noch besser – was du im Urlaub vorhast. Selbst wenn du dich traust zuzugeben, dass du nur auf deinem Balkon oder im Garten deiner Eltern rumliegen, lesen und faulenzen willst, wirst du es entschuldigend tun.

Du wirst vielleicht noch erklären, weswegen der großartige Trip nach Nizza dieses Jahr nicht klappt: „Na, die Flüge wurden gestrichen. Wegen der Terroranschläge und so.“ Und dein Gegenüber sagt dann: „Ach, mal zu Hause bleiben ist doch auch schön“ und sieht dich voller Mitleid mit einem verkniffenen Lächeln an.

Seit zwei Monaten habe ich einen neuen Job. Und eine neue Kollegin. Und als ich sie gefragt habe, was sie in ihren anstehenden drei Wochen Urlaub machen möchte und ob sie verreist, hat sie mir ganz begeistert und völlig ohne jede Reue erzählt, dass sie hier bleibt und etwas in ihrem Schrebergarten umbauen wird. Anschließend hat sie mir von eben so einer mitleiderfüllten Freundin von ihr erzählt, die sie prompt versucht hat, in ihre grandiosen Urlaubspläne und ihren vollen Terminkalender einzubinden. Denn „das ist doch langweilig! Du musst doch was erleben, unter Leute kommen.“

Ich mag meine Kollegin. Sie ist wirklich eine tolle Frau. Ein wirklich exotisches Gewächs, das ich in der Verwaltung eines Amtes ausgegraben habe, bei dem ich notgedrungen angefangen habe zu arbeiten. In Teilzeit. Stell sich das mal einer vor. Direkt nach meinem Bachelor-Abschluss und jahrelangem Projekt Management habe ich mit 29 angefangen bei einem Amt in der Verwaltung als Teilzeitkraft zu arbeiten. Für die Stelle hätte ich noch nicht mal eine Berufsausbildung gebraucht.

Wir definieren uns über unseren Job

Es hat Wochen gedauert, bis eine meiner besten Freundinnen tatsächlich begriffen hat, was ich tue. „Wie, du hast keine Vertrauensarbeitszeiten? Aber du hast doch Verantwortung in der Stelle, habe ich gedacht?“ Nö. Keinerlei Verantwortung.

„Aber du kannst doch sicher mal von zu Hause arbeiten? Du machst doch bestimmt viele Überstunden, wenn du nur in Teilzeit angestellt bist, oder?“ Nö. Weder noch. Und dann, als es ihr aufgegangen ist, hat sie mich auch so angesehen. So ganz mitleidig und ein bisschen peinlich berührt.

In den Kreisen der Kleinakademiker*innen und Langzeitstudierer, in denen ich als ehemalige Langzeitstudierende zwangsläufig mein Habitat habe, bin ich abgestiegen. Denn selbst bei der exzentrischen Generation „Was-auch-immer” muss alles immer mehr sein. Mehr Selbstverwirklichung. Mehr Individualität. Aber vor allem mehr Beweise dafür, dass man trotz Selbstverwirklichung und Individualität super erfolgreich Vertrauensarbeitszeiten balanciert und Überstunden schiebt und beim Monatsabschluss bis Mitternacht in der Arbeit ist. Super Sache.

Und ich passe da im Moment nicht so rein. Denn ich bin abgestiegen. Von der Superachieverin zur langweiligen Verwaltungsangestellten. Und versteht mich bitte nicht falsch – das ist nicht einfach. In den ersten paar Wochen hatte ich schlimme Entzugserscheinungen. Chronische Unterforderung und Langeweile. Akute Boreout-Symptome. Anstatt bis spät in den Abend wie gewohnt Berge von Arbeit abzutragen, muss ich meine Aufgaben gerade sehr sorgfältig über meinen fünf Stunden Tag meiner vier Tage Woche verteilen. Und wisst ihr was? Es ist klasse!

Krank sein? Sorry, keine Zeit!

Im letzten Jahr war ich so oft krank, wie in meinem gesamten Leben vorher nicht. Und versteht das nicht falsch, ich hatte kaum Fehlzeiten. Denn zum Kranksein hatte ich keine Zeit. Für das hohe Gehalt und die Selbstbestimmung, die ich in meinem alten Job hatte, hat mein Chef mich bis zum letzten Blutstropfen ausgequetscht.

Und jetzt bin ich braun gebrannt, weil ich nach der Arbeit viel Zeit habe, um mich im Park zu sonnen. Ich bin gesund und gut gelaunt, weil ich wieder Energie für Sport habe und gesund kochen kann. Ich kann nämlich zu Zeiten einkaufen gehen, in denen nicht nur noch der Späti aufhat. Und das Beste daran ist, dass meine Beziehung so gut läuft, wie schon lange nicht mehr. Denn ich bin entspannt und glücklich. Das, was eigentlich alle sagen, was sie sein wollen.

Die Mutter meines Freundes meinte mal vor einiger Zeit, dass sie froh ist, dass sie in der jetzigen Zeit nicht mehr arbeiten muss. Sie würde das nicht schaffen, sagt sie. Es geht alles so schnell, da wird ihr schon ganz schwindelig, wenn sie sich das nur vorstellt. Und daran musste ich gerade denken, als ich in einem Artikel über Wachstum gelesen habe, wie sich die Geschwindigkeit durch das anhaltende Wirtschaftswachstum immer weiter potenziert.

Wer soll denn da Schritt halten? Wir können doch keiner exponentiellen Wachstumskurve standhalten. Immer höher, schneller, weiter? Nein, danke.

Können wir überhaupt noch langsam sein?

Klar will ich weiter studieren. Und klar ist der Zeitraum in diesem Job gerade nur zeitlich beschränkt, bis mein Master-Studium losgeht. Aber ganz ehrlich: Eigentlich wünschte ich mir, ich könnte mich mit diesem einfachen Leben zufriedengeben und die kleinen Dinge schätzen. Wenn nur dieser blöde Drang nach dieser Selbstverwirklichung nicht wäre.

Wir sind einfach eine Generation von Heuchlern. Und ich gehöre dazu, selbst wenn es im Moment nicht so aussieht.


Von Mademoiselle Katka auf EDITION F.

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