Hört auf damit, Frauen verändern zu wollen

Die Branche, die Frauen für die Arbeitswelt optimiert, boomt. Doch ist das wirklich der richtige Weg? Ein Aufruf zur Systemveränderung.

Frauen sollen perfekt und immer perfekter sein. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Müssen Frauen wie Männer werden?

Eine meiner dringlichsten Forderungen in der Debatte um Gender Diversity lautet Stop fixing the women! Was plakativ klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn nach wie vor ist es üblich, Frauen beibringen zu wollen, wie sie im – männlichen – System erfolgreich sein können. Das heißt, man trainiert Frauen Verhaltensweisen an, die sie dazu befähigen sollen, sich gegen dominante Männer und Frauen durchzusetzen.

Das Problem dabei ist vielschichtig. Zum einen manifestieren wir auf diese Weise das System selbst, indem wir nicht seine Wirkungsweisen und Rahmenbedingungen infrage stellen, sondern die Akteurinnen im System als defizitär betrachten, wenn sie an Widerständen scheitern. Scheitern bedeutet in diesem Fall die vermeintliche Unfähigkeit, in der Hierarchie nach oben zu kommen, sprich: Karriere zu machen.

Erwünschte Verhaltensweisen

Gleichzeitig fokussieren wir uns auf eine sehr begrenzte Anzahl an Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir zu optimieren suchen. Wir schränken das Repertoire an menschlichen Verhaltensweisen im beruflichen Kontext extrem ein, wenn die erfolgreichen Männer der Maßstab sind. Dadurch stufen wir bestimmtes Verhalten als negativ oder zumindest als nicht zuträglich für berufliches Fortkommen ein.

Das ist auf mehrfache Weise perfide. Es werden keine individuellen Stärken entwickelt, sondern Schwächen postuliert und ausgemerzt. Gleichzeitig wird das Set an vermeintlichen Stärken zur Erfolgsstrategie erklärt. Man schafft eine Norm für beruflichen Erfolg, an der sich alle zu orientieren haben. Angesichts zunehmender Komplexität und dem dringenden Bedarf an Vielfalt ist das eine fatale Entwicklung.

Immer die gleichen Tipps für Frauen

Ich war in den letzten Monaten auf zahlreichen Veranstaltungen und habe an vielen Diskussionen über die neue Arbeitswelt teilgenommen. Sehr häufig lautete der Ratschlag gerade an junge Frauen: Bleib im System – auch und gerade bei der Familiengründung, mach dich nicht selbstständig, optimiere dich selbst und lerne, dich gegen die Männer durchzusetzen.

Ich halte das aus den genannten Gründen für gefährlich und zudem für extrem anmaßend. Derartige Ratschläge ersticken jede Form von Diversity und Individualität im Keim und nehmen den Raum für Innovation und Authentizität.

Optimier dich gefälligst

Dabei nimmt das systemimmanente Optimierungsprogramm bisweilen geradezu groteske Züge an. So hörte ich von einer Trainerin, die ihren Kundinnen rät, bei einem besonders dominanten männlichen Handschlag ihrerseits den Daumennagel ins Fleisch des Gegenübers zu bohren: als Statement. Eine weitere Übung für nach Durchsetzungsfähigkeit suchende Frauen lautete: Gehe über einen belebten Platz und weiche niemandem aus. Dabei dürfte nicht nur die Schulter schmerzen. Ein ganz besonderes interessanter Vorschlag lautete: „Finde heraus, welches Parfum Dein Alphamännchen-Chef trägt und sprühe Dich damit ein.“ Geht’s noch?

Abgesehen davon, dass ich einige der Maßnahmen für übergriffig, gewalttätig und – vorsichtig formuliert – nicht besonders sozial halte: Wohin soll das führen? Welche Normen setzen wir uns für unser zukünftiges Arbeiten? Und welche Palette an Verhaltensweisen wünschen wir uns für unser Miteinander?

Wollen wir Frauen wirklich raten, auf ein Lächeln zu verzichten, wenn sie einen erfolgreichen Abschluss bei einem*r Kund*in erzielen wollen? Ist Uniformität und Konformität der Schlüssel für erfolgreiche Karrieren? Geht es um Durchsetzung auf die althergebrachte, männliche Art und Weise? Und ist Manipulation der Schlüssel zum beruflichen Glück?

Leadership neu definieren

Oder setzen wir uns ambitioniertere Ziele? Schaffen wir Umfelder für unterschiedliche Charaktere? Definieren wir Leadership neu und entkoppeln wir Führung von Druck und Aggression? Lernen wir Vielfalt wertzuschätzen und stellen wir Raum für Potenzialentfaltung zur Verfügung? Lösen wir uns von alten Statussymbolen und geben wir Macht eine neue Bedeutung?

Wir alle haben die Wahl. Jeden Tag, in jeder Situation. Ich habe mich bereits für eine Richtung entschieden.


Von Robert Franken auf EDITION FRobert Franken lebt in Köln berät Unternehmen im digitalen Wandel.

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