Hört auf, mit vollen Bücherregalen anzugeben!

Proleten protzen mit schnellen Autos, Intellektuelle mit der eigenen Bibliothek. Peinlich nur, wenn die Hälfte davon ungelesen ist. Zeit, die Regale auszumisten und ehrlicher zu werden. Ein Kommentar.

© kalachakra / photocase.de

Alle gelesen? © kalachakra / photocase.de

Früher konnte mich eine gut sortierte Reclam-Sammlung noch beeindrucken. Je voller das Regal, desto größer meine Bewunderung. Plötzlich verspürte ich unheimlichen Zeitdruck: Wann soll ich das alles lesen? Still betrachtete ich die großen Namen von Kafka bis Houellebecq und listete heimlich im Kopf auf, was ich nachzuholen hatte.

Einmal aber tippte ich ein Buch an und fragte den Besitzer: „Hast du das gelesen?“ Er fing an zu stottern: „Äh, noch nicht.“ Sofort musste ich lachen, so erleichtert war ich. Denn auch ich bin eine Hochstaplerin und habe Bücher in meinem Regal, die ich (noch) nicht gelesen habe. Auch ich habe Werke gekauft, die auf meiner To-Read-Liste mit anderen Klassikern standen – und seither im Regal verstauben.

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© John MacDougall/AFP/Getty Images
Der Intellektuellen-Schrein © John MacDougall/AFP/Getty Images

Für Intellektuelle und die, die es gerne sein würden, ist das Buch ein Statussymbol. Der Egoboost steigt dabei mit der Anzahl der Werke. Dumm nur, dass sich heute jeder mit wenig Geld das Intellektuellenimage kaufen kann. Online-Shopping macht es möglich: Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ ist auf Amazon schon für 88 Cent gebraucht zu haben.

Das Gedruckte verliert an Wert – und die prallen Büchersammlungen an Glaubhaftigkeit.

Zwischen Angeberei und Selbstbetrug

Ich bin nicht die einzige, die einen Bücherfriedhof pflegt. Eine Umfrage im Büro zeigt, den Kollegen geht es auch so. Die Japaner nennen dieses Phänomen „tsundoku“ und meinen damit den Akt, ein gekauftes Buch ungelesen auf einen Stapel weiterer unberührter Bücher zu legen.

Sicher sind nicht alle Werke in unseren Regalen ungelesen, doch ersticken viele unter Staubschichten, bis sie im Rentenalter hervorgekramt oder vorher verschenkt werden. Sie wurden einst gekauft, weil jemand etwas Gutes über sie gesagt hatte und man mitreden wollte. Erstmal haben, lesen kann man später. Zeit finden wir allerdings zwischen Semesterliteratur oder Vollzeit-Job selten.

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Warum setzen wir uns gegenseitig mit prallen Mini-Bibliotheken unter Druck? Michael Allmaier von der Zeit gab mir vor Kurzem Genugtuung mit diesem Geständnis: „Natürlich war Angeberei im Spiel. Ich durfte Abitur machen, als Erster in meiner Familie. Das sollten die Leute gefälligst sehen.“ Er sprach mir aus der Seele.

Weniger kaufen, mehr lesen

Der Autor beginnt auszumisten und verkauft die Staubfänger. Er fühlt sich befreit, nicht nur räumlich, sondern auch innerlich. „Es steckt auch reichlich Selbstbetrug in der Bildungsprotzerei. Also kaufe ich mir die Bücher, türme sie um mich auf, als sickerte so schon der Weltgeist in mich ein. Natürlich funktioniert das nicht, es macht den Hunger nur größer“, sagt er.

Auch ich habe mich fürs Tiefstapeln im Bücherregal entschieden. Seit einem Auslandssemester und mehreren Umzügen schrumpfte mein Friedhof kontinuierlich. Ich habe alle Bücher verkauft, mit denen ich nichts mehr anfangen kann – und ich kaufe mir erst neue, wenn ich eins komplett gelesen habe. Es ist ein befreiendes Gefühl.

Mittlerweile sehe ich ein leeres Bücherregal daher nicht als Zeichen fehlender Bildung, sondern als intellektuelles Understatement. Der gebildete Gastgeber muss nicht beweisen, was er gelesen hat. Und wenn ich es doch wissen will, muss ich eben fragen. Anstelle hohler Prahlerei tritt Ehrlichkeit.