„Hört auf zu labern – macht was!“ Diese vier Menschen begleiten für ze.tt den Wahlkampf

Der Bundestagswahlkampf ist eines nicht: divers. In unserer Wahlkampf-Serie Viervorwahl ändern wir das.

Für ze.tt berichten über den Wahlkampf (von links nach rechts): Tarik Tesfu, Michel Arriens, Diana Kinnert und Jouanna Hassoun © ze.tt

Diana Kinnert, Michel Arriens, Tarik Tesfu und Jouanna Hassoun sind es gewohnt, mit Vorurteilen jeglicher Art konfrontiert zu werden. In den kommenden Wochen begleiten sie deshalb den Wahlkampf für ze.tt aus ihrer Perspektive auf Facebook, Instagram und auf unserer Website.

„Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum“ – Diana Kinnert, 26 Jahre

„Wuppital, ich sag immer Wuppital“, antwortet Diana auf die Frage, wo sie eigentlich herkäme und lenkt ihren quietschlila Suzuki mit Schwung in eine Parklücke. Diana Kinnert sieht so gar nicht nach CDU aus und benimmt sich auch nicht so. Das macht sie so erfolgreich.

Seit Monaten schwirrt die 26-jährige Christdemokratin durch deutsche Medien. Sie redet als junges CDU-Mitglied öffentlich darüber, wie die Sterbehilfe liberalisiert werden könnte, warum das Bedingungslose Grundeinkommen sinnvoll wäre und warum sie die Ehe für alle schon lange befürwortet.

Vor Kurzem hat sie ihre Ansichten zu einem modernen Konservatismus in ihrem Buch Für die Zukunft seh ich schwarz veröffentlicht und es damit auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. Als nicht kandidierendes Parteimitglied schaut sie sich den Wahlkampf für uns von außen an: „Was mich besonders beschäftigt: Wie sieht die Rente für junge Menschen aus und wie kann es die Politik leisten, genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?“

„Ich bin kein Zwerg!“ – Michel Arriens, 27 Jahre

„Ich kann nicht spontan in ein Café gehen, ich komme meist ja nicht mal die Stufe zum Eingang hoch“, sagt Michel Arriens, als ich ihn treffe. „Stimmt“, denke ich, „Mist!“; dann tut er mir leid. Aber Mitleid ist nicht das, was der gebürtige Bremerhavener will. Er möchte ernst genommen, weder „Zwerg“ noch „Kleiner“ genannt werden.

Michel ist kleinwüchsig. Mit 1,18 Metern ist er genauso groß wie die Beine mancher Menschen. Für Michel wird seine Behinderung erst zum Problem, weil wir „Normalos“ keine Rücksicht darauf nehmen. Weil eben zum Beispiel Café-Besitzer*innen nicht darüber nachdenken, dass sie „nur ’ne kleine Rampe“ an den Eingang stellen müssten, damit „Rollis“, wie Michel sagt, oder eben „Menschen wie ich“ auch einfach Kaffee trinken gehen können.

Zu Beginn des Jahres wurde Michel aus einem Hamburger Linienbus geschmissen. Die Begründung: Er würde mit seinem Roller Mitfahrende gefährden. Michel machte die Ungerechtigkeit publik und wurde dadurch bundesweit bekannt. Mittlerweile darf er wieder mitfahren und wünscht sich vom Wahlkampf Vorschläge für inklusive Politik.

„Mehr Action, bitte!“ – Tarik Tesfu, 32 Jahre

„Wenn ich als Kind vom Spielen nach Hause kam, lief ich in unserem Flur an einem Spiegel vorbei. Ich erinnere mich genau, dass ich oft überrascht war, als ich mein Ebenbild sah. Ich war plötzlich wieder schwarz. Das hatte ich beim Spielen völlig vergessen.“ Tarik Tesfu sagt ironischerweise von sich selbst, er sei „doppelbelastet“, denn der 32-jährige Video-Kolumnist ist schwarz und schwul.

In seiner YouTube-Serie Tariks Tschau Kakao (vorher Tariks Genderkrise) jongliert der gelernte Erzieher mit Klischees, verhöhnt Stereotype und stellt Rassismus und Sexismus an den Pranger. Der überzeugte Feminist will provozieren und aufklären. Im Wahlkampf wünscht er sich „ein bisschen mehr Action“.

Er will, dass Politiker*innen darüber diskutieren, warum immer mehr Menschen in Altersarmut leben und wie Pflegekräfte – „die, die sich den Arsch aufreißen, um ihn anderen abzuwischen“ – so schlecht bezahlt werden.

„Hört auf, zu labern – macht was!“ – Jouanna Hassoun, 34 Jahre

Jouanna weiß, wie es ist zu fliehen. Als palästinensische Geflüchtete flohen ihre Mutter, ihr kleiner Bruder und sie vor 27 Jahren aus dem Libanon über Syrien nach Berlin. Hier wuchs sie auf und engagiert sich schon viele Jahre für eine bessere Integration von Migrant*innen. Bereits als Jugendliche gründete die heute 34-Jährige einen integrativen Mädchentreff in Berlin-Moabit.

Später organisierte sie Sprach- und Begegnungskurse für homosexuelle und transgeschlechtliche Geflüchtete und kümmerte sich ehrenamtlich um die medizinische Versorgung Geflüchteter im LAGeSO. Für ihr Engagement erhielt sie 2015 den Landesverdienstorden Berlins.

„Hört auf zu labern – macht was!“, antwortet Jouanna auf die Frage, was sie Politiker*innen mitteilen würde. Die Muslima ist wütend. Wütend darauf, wie lähmend und diskriminierend die Flüchtlingspolitik hierzulande ist. Bei Forderungen nach einer Obergrenze schüttelt sie sich: „Ich verstehe nicht, wie man selbst auf seinem Hintern in einer warmen Wohnung sitzen und gleichzeitig damit leben kann, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken oder auf dem Weg hierher vergewaltigt oder gar ermordet werden!“ Sie wünscht sich, dass im Wahlkampf darüber gesprochen wird, wie alle in Deutschland die gleichen Chancen erhalten.