Homo oder hetero? Diese Etiketten braucht kein Mensch

„Bist du homo oder hetero – oder irgendwas dazwischen?“ Wenn es um sexuelle Neigungen geht, wird von uns erwartet, dass wir uns definieren. So einfach ist das alles nicht.

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Ist das Tarnung? © pollography/photocase.de

Menschen denken unweigerlich in Schubladen. Jede Person, die uns im Alltag begegnet, packen wir sinngemäß in eine säuberlich beschriftete Lade, in der haufenweise vorgefertigte Meinungen herumliegen. Wir schreiben Personen Rollen zu, die sie entsprechend erfüllen sollen. Der muskelbepackte Typ mit Glatze an der Bushaltestelle ist fast sicher ein rechter Schläger, die Frau mit dem knappen Kleid an der Bar ist ziemlich wahrscheinlich ein billiges Flittchen – und der hübsche Junge mit den geschminkten Augen in der Schlange vor dem Berghain kann nur schwul sein.

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Warum ordnen wir andere Menschen so unvermittelt ein? Die Antwort: Wir machen uns auf diese Weise die Realität einfacher – und dafür greifen wir auf eingefahrene Denkmuster zurück. Wir wollen unsere Umwelt schnell verstehen (und am liebsten auch gleich kontrollieren) und schließen voreilig auf Tatsachen, die nicht immer richtig sind. Selten kann ein Mensch der selbst konstruierten Schublade eines anderen gerecht werden.

Ein bisschen Bi schadet nie

Geht es um sexuelle Orientierung, denken viele in nur zwei Schubladen. Die eine ist mit „hetero“ markiert, auf der anderen steht „homo“. Wer sich dieser Sicht verschreibt, erlaubt normalerweise auch kein Dazwischen. Es wird erwartet, dass jeder Mensch in eine dieser beiden Kategorien passt. Wer nicht heterosexuell ist, ist schwul und wer nicht schwul ist, ist hetero. Dabei ist das Thema sexuelle Orientierung viel zu komplex und würde nicht mal in die größte Schublade der Welt passen.

Besser ist es, sexuelle Orientierung als ein Kontinuum zu sehen, als einen fließenden Übergang zwischen Sexualitäten. Neu ist diese Auffassung nicht: Der Sexualforscher Alfred Kinsey entwickelte bereits Mitte der 1950er Jahren eine Skala, die zwischen verschiedenen Graden (0–6) der Hetero- und Homosexualität unterscheidet. Null steht dabei für ausschließlich heterosexuell, sechs für ausschließlich homosexuell. Dazwischen liegen fünf verschieden ausgeprägte Stufen der Bisexualität. Nach Kinsey wäre damals ungefähr die Hälfte der Bevölkerung zu einem gewissen Grad (Stufe 1–5) bisexuell.

© Wikipedia/gemeinfrei
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Nun haben manche die Auffassung, dass Menschen, die sich selbst als bisexuell beschreiben, nur vorübergehend bisexuell sind. Weil sie es sich entweder (noch) nicht eingestehen können, tatsächlich schwul oder lesbisch zu sein. Oder weil sie es insgeheim zwar wissen, aber noch nicht bereit sind, es ihrer Familie und ihren Freund*innen zu erzählen. Das ist auch nicht unbedingt immer falsch. Aber auch nicht immer richtig.

Vorläufige Bisexualität

Bis sich ein junger Mensch seiner eigenen Homosexualität bewusst wird und sie offen leben kann, vergeht oft eine Menge Zeit. Sich unserer heteronormativen Gesellschaft gegenüberzustellen, erfordert Mut und eine gewisse Reife. Nicht jeder traut sich diesen Schritt. Aus Angst, aus Unwissenheit, aus Unsicherheit. Weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“, um den deutschen Dichter Christian Morgenstern zu zitieren.

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Vielen fällt es daher leichter, sich erstmal als bisexuell zu outen. Bisexualität scheint in ihren Augen gesellschaftlich akzeptierter, gilt für sie teilweise sogar als chic. Wer bisexuell ist, ist cool und weltoffen … oder so. Aber: Diejenigen, die sich „bisexuell“ auf die Fahnen schreiben, nur um ihre Homosexualität zu vertuschen, vergessen, dass sie damit den „echten“ Bisexuellen den existenziellen Anspruch entziehen. „Echte“ bisexuelle Menschen werden damit immer weniger ernst genommen, sie würden sich ja ohnehin auf dem Weg in die Homosexualität befinden. Falsch! Bisexualität ist, wenn eine Person „unmittelbare sexuelle, emotionale und romantische Attraktion durch die Merkmale beider Geschlechter“ verspürt – und keine Tarnung.

„Wisst ihr, ich hab ja auch diese Dates mit Bisexuellen auf dem College durchgezogen. Aber letzten Endes blieben sie alle bei Männern. […] Ich weiß nicht mal, ob Bisexualität wirklich existiert. Ich halte das nur für eine Raststätte auf dem Weg nach Gaytown.“ Wenn eine Carrie Bradshow in der Fernsehserie „Sex and the City“ solche Dinge sagt, degradiert sie Menschen, welche die körperlichen Merkmalen von Frauen und Männern gleichermaßen sexuell und emotional anziehend finden – bisexuelle Menschen. Fernsehen formt Meinungen. Unaufgeklärte Zuseher*innen nehmen Carries Meinung auf, geben sie weiter, verinnerlichen sie – und merken gar nicht, dass sie in Wahrheit die bisexuelle Community mobben.

Weg mit den Labels

In diesem Zusammenhang ist es auch sinnvoll zwischen sexueller Orientierung und sexueller Praxis zu unterscheiden. Denn diese beiden müssen nicht zwangsweise übereinstimmen: Nur, weil ein Mann mit einer Frau schläft, muss er nicht heterosexuell sein oder andersrum. Vielleicht geht er aus gesellschaftlichen Gründen eine romantische Beziehung zu einer Frau ein, oder aus dem Wunsch nach Kindern – oder zur Tarnung. Umgekehrt gibt es Männer, die mit anderen Männern schlafen, und nicht zwangsläufig homosexuell sind. Die sexuelle Orientierung beschreibt demnach die angeborene, aber nicht unbedingt gelebte sexuelle Präferenz: Ein schwuler Mann bleibt schwul, auch wenn er aus bestimmten Gründen mit einer Frauen schläft.

Schon Alfred Kinsey wusste, dass es nicht zwei getrennte Populationen, eine heterosexuelle und eine homosexuelle, gibt. „Man darf die Welt nicht in Böcke und Schafe einteilen. Nicht alle Dinge sind entweder schwarz oder weiß“, schreibt er in seinem ersten Report. „Die lebendige Welt ist ein Kontinuum in allen ihren Aspekten. Je eher wir uns dessen in Bezug auf menschliches Sexualverhalten bewusst werden, umso eher werden wir zu einem wirklichen Verständnis der Realitäten gelangen.“

Akzeptiert wird am ehesten, wer den Normen der Durchschnittsgesellschaft entspricht. Weicht jemand davon ab, ist er oder sie „anders“ als die Mehrheit, wird er oder sie anders wahrgenommen, anders behandelt, vielleicht diskriminiert. Im Endeffekt wäre es am schönsten, wenn wir unseren Neigungen keine Namen geben müssten. Wenn nicht verlangt würde, dass wir uns stempeln, nur damit andere uns besser verstehen. Gerade weil jeder Mensch selbst nach Akzeptanz sucht, sollte er auch andere Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung akzeptieren. „Bist du homo oder hetero?“ – „Weder noch, ich stehe auf Menschen.“

True that! | © Giphy
True that! | © Giphy