Homophobie im Flüchtlingsheim: Jouanna Hassoun hilft queeren Asylbewerbern

In den Herkunftsländern vieler Flüchtlinge ist Homosexualität ein Tabu – oder sogar ein Verbrechen. Doch auch wenn queere Menschen nach Deutschland kommen, nehmen die Anfeindungen nicht automatisch ein Ende.

© Carsten Koall/Getty Images

Homophobie erschwert den Alltag von queeren Flüchtlingen. Eine Berliner Initiative hilft. © Carsten Koall/Getty Images

In den Notunterkünften sind schwule, lesbische und transgeschlechtliche Flüchtlinge nicht selten mit homophoben Menschen auf engstem Raum untergebracht, unter denen sie leiden. Darüber gibt es keine Zahlen, da weder die sexuelle Orientierung von Flüchtlingen erhoben wird noch wer homophob ist oder nicht. Doch dass es in den Unterkünften tatsächlich Auseinandersetzungen aufgrund der sexuellen Orientierung gibt, weiß Jouanna Hassoun genau. Die Sozialmanagerin und Diversity-Trainerin leitet das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (Miles) und berät täglich queere Flüchtlinge.

Foto: Andrea Hansen
Jouanna Hassoun ist für viele queere Flüchtlinge in Berlin die Ansprechpartnerin Nummer eins, wenn es Probleme gibt. Foto: Andrea Hansen

Jouanna, wie sich am Beispiel #LaGeSo zeigt, sind die Behörden in Berlin arg überfordert mit dem aktuellen Flüchtlingsansturm. Du hast bestimmt auch ordentlich zu tun, oder?
Jouanna Hassoun: Das stimmt. Seit etwa acht Monaten haben wir bei Miles einen sehr hohen Zulauf queerer geflüchteter Menschen. In der Woche wenden sich etwa sechs bis acht Flüchtlinge an uns.

Mit welchen Problemen kommen sie zu euch?
Momentan ist die Unterbringung von queeren Flüchtlingen das größte Problem. Bei uns gehen täglich Beschwerden ein, dass die Situation in den Notunterkünften katastrophal ist. Manche Flüchtlinge sind zum Beispiel mit 14 Mann auf einem Zimmer untergebracht, die teilweise homophob sind oder sogar Isis-Anhänger. Das ist, wie man sich denken kann, kein einfaches Zusammenleben.

Es gibt Isis-Anhänger in Flüchtlingsheimen?
Das hat uns ein Klient vor Kurzem erzählt. Offenbar ist das tatsächlich gar nicht so selten. Vor kurzem wurde ein Isis-Anhänger auch geschnappt und abgeschoben.

Wie werden die anderen Flüchtlinge überhaupt darauf aufmerksam, dass sich Homosexuelle unter ihnen befinden?
Oft kommt es zu Auseinandersetzungen, weil es die Mitbewohner ahnen, eventuell an Verhaltensweisen oder weil sie nicht der „Norm entsprechen“. Bei den offensichtlichen Fällen kommt es zu Drohungen und Übergriffen. Es muss sich aber nicht zwangsläufig um ganz konkrete Auseinandersetzungen handeln. Die Probleme beginnen schon dann, wenn sich Homosexuelle unwohl fühlen, wenn sie sich zum Beispiel nicht mehr trauen, mit ihrem Freund zu telefonieren oder sich mit einem Partner zu treffen.

Die Berliner Schwulenberatung plant aufgrund der Zunahme von Schikanen und Pöbeleien eine Unterkunft für 30 homosexuelle Flüchtlinge. Wie helft ihr bei Miles konkret weiter?
Wir stabilisieren, motivieren und gucken, wo wir mit anderen Organisationen zusammenarbeiten können. Wir selbst bieten ganz allgemein eine Rechtsberatung an, um Flüchtlinge über ihre Rechte aufzuklären. Und wir unterstützen ganz gezielt dabei, die Flüchtlinge in WGs unterzubringen oder mit ihnen nach Wohnungen zu suchen, damit sie möglichst schnell aus der Situation herauskommen. Für Transgender-Personen ist das meist leichter als für homosexuelle Flüchtlinge. Da erkennen die Behörden die akute Not eher an.

„Jemand, der labil und selbst in einer schwierigen Lage ist, der kann nicht mit Flüchtlingen arbeiten.“

Gerade startete eure Sommerakademie für queere Flüchtlinge. Wie sieht das Programm aus?
Wir bieten Sprachkurse an, bei denen queere Flüchtlinge im geschützten Raum ihre Hemmungen abbauen und leichter Deutsch lernen können. Anschließend besuchen wir Hilfsorganisationen wie etwa die Berliner Aidshilfe oder auch die Polizeidirektion für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, damit die Menschen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn es Probleme gibt.

Das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie viele Leute kümmern sich bei euch darum?
Ich bin mit einer halben Stelle zurzeit die einzige Mitarbeiterin bei Miles. Allerdings habe ich mehrere ehrenamtliche Helfer. Wenn man unsere Arbeit unterstützen möchte, kann man sich jederzeit an mich wenden. Ich denke gerade darüber nach, Sprachtandems zu organisieren. Dafür werden noch Sprachpartner gesucht.

Was muss man dafür mitbringen?
Die deutsche Sprache, Zuverlässigkeit und eine stabile Psyche. Jemand, der labil und selbst in einer schwierigen Lage ist, der kann nicht mit Flüchtlingen arbeiten. Dafür bringen die meisten teilweise selbst ein viel zu großes Paket mit.

Update: Die dritte Frage sowie die Antwort wurden am Dienstag, 18. August 2015 12:23 Uhr, aufgrund hoher Nachfrage ergänzt.