„Ich bin Mann und Frau und alles dazwischen“

Der Künstler Joseph Wolfgang Ohlert fotografierte Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht vollkommen zugehörig fühlen. Er zeigt intime Aufnahmen abseits der Heteronorm.

© Joseph Wolfgang Ohlert

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Was macht einen Menschen aus? Was macht einen Mann zu einem Mann, eine Frau zu einer Frau? Und wo stehe ich als schwuler Mann? Was unterscheidet uns voneinander? Diese Fragen hat sich Joseph Wolfgang Ohlert schon immer gestellt.

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© Joseph Wolfgang Ohlert

Als Kind, sagt er, wäre er gerne ein Mädchen gewesen. „Ich habe Ohrringe und Kleider getragen und lieber mit Barbies gespielt“, erzählt der 24-jährige Künstler, der in Prien am Chiemsee aufwuchs. „Aber das hat sich auch wieder gelegt.“ Seine innere Frau zeigt er manchmal immer noch gerne. Das bedeutet nicht, dass er transgender sei: „Ich bin einfach so, wie ich mich fühle.“

„Jede Person könnte ihr eigenes Geschlecht haben“

Vor diesem Hintergrund sieht er seine Ausstellung „Gender As A Spectrum“ als Selbstreflektion. „Denn ich habe schnell verstanden, dass Gender nichts mit dem körperlichen Geschlecht zu tun hat“, erklärt Joseph. Für sein Abschlussprojekt der Berliner Ostkreuz-Fotografieschule hat er „Leute, die sich mit dem Thema Gender auseinandersetzen“ portraitiert. Sie seien in einem gewissen Sinne vereint, da sie fernab der heteronormativen Geschlechtskonstruktion leben.

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© Joseph Wolfgang Ohlert

80 Menschen. Alte, junge, große, kleine, dicke, dünne, schwarze, weiße, männliche, weibliche, transgender, Dragqueens und –kings. Fluide Menschen, die sich als „Mann und Frau und ALLES dazwischen definieren“, weiß Dieter Rita Scholl, 62, der_die auch Teil des Buches ist.

Das sind Menschen, die beweisen, dass es nicht nur Mann und Frau gibt. Sie sprengen unsere Vorstellungen, sie lassen uns manchmal ratlos zurück, wenn wir verzweifelt nach einer Schublade suchen, in die wir sie einordnen können. „Theoretisch könnte jede Person ihr eigenes Geschlecht haben“, bringt es Kay Garnellen, auch Teil des Projekts, auf den Punkt.

Von der Fotoausstellung zum 300-Seiten-Buch

Zu jedem Porträt gibt es ein Interview, in dem sich die Person vorstellen kann. Seine Fotos erscheinen bald auch als Buch, das jedoch kein Aufklärungsbuch sein soll. „Ich erfinde das ja alles nicht. Ich porträtiere es nur“, sagt er. Er will höchstens ein wenig Licht in den Gender-Dschungel bringen.

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© Joseph Wolfgang Ohlert

Eine Message gibt es trotzdem: „Geschlechter sind fluid. Mann und Frau sind nicht die Norm, sondern etwas, was an den jeweiligen Enden steht. Man selbst bewegt sich dazwischen, aber niemand ist zu hundert Prozent ein Mann oder eine Frau.“

Dass aus dem Projekt ein fast 300-seitiges Buch wird, war nicht von Anfang an geplant. Doch als Joseph merkte, dass die Fotos Potenzial für ein Hardcover-Tablebook haben, initiierte er eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne. Am 26. Februar wird „Gender As A Spectrum“ in der Berliner Location Südblock vorgestellt. Darüber hinaus werden einige der Porträtierten da sein, die im Anschluss Teil eine Live-Show präsentieren.

Geschlecht ist mehr als das, was der Körper zeigt

Die meisten Porträts hat Joseph in seiner Wahlheimat Berlin aufgenommen. Andere schoss er in San Francisco, New York und Kopenhagen. „Kaey, eine gute Freundin von mir und selbst Transfrau, hat viel mit der Szene zu tun. Sie hat mir einige wichtige Leute vorgestellt und ist Mit-Initiatorin.“ Mit der Zeit fand Joseph immer mehr Menschen für sein Projekt. „Das ist einfach so gewachsen. Erst waren es 50, dann doch 80 Personen“, erinnert er sich.

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© Joseph Wolfgang Ohlert

Der 24-Jährige hat viele seiner Models erst beim Shooting kennengelernt, meistens bei den Menschen zu Hause. „Ich gehe dann durch die Wohnung und schaue mich um, bis ich einen schönen Spot finde“, erklärt er. Viel Technik hat Joseph nicht dabei: Er setzt auf Sonnenlicht und seine analoge Kamera. Das ist die Ästhetik, die am besten wirkt, findet er.

Beim Shooting lässt er den Menschen viel Freiraum. „Sie sollen sich wohl fühlen, ganz ohne affektierte Posen oder so.“ So schafft es der Künstler, authentische Fotos zu erschaffen, die oft intim und immer sehr persönlich sind. Fast schon voyeuristisch. Mit einem einzigen Bild erzählt er so viel – und gleichzeitig so wenig. Wir erkennen Mimik, Kleidung, Accessoires und Make-Up, wir können uns vorstellen, wie die Person ist. Automatisch ordnen wir den Menschen ein, um eine Sekunde später zu merken, dass genau das nicht geht. Denn Geschlecht ist eben nicht nur das, was der Körper zeigt, sondern vor allem Kopfsache.

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© Joseph Wolfgang Ohlert