Ich habe ein Wochenende lang wie ein Faultier gelebt

Leben wie ein Faultier und 48 Stunden nichts tun – kann doch so schwer nicht sein. Über einen Selbstversuch, der fast im Wahnsinn endete.

Faultiere vollbringen eine erstaunliche Leistung, wie unser Autor feststellen musste. minkewink/pixabay.com | CC0

Ich treffe mein großes Vorbild zur Mittagszeit im feinen Münchner Süden. Heinz, 28 Jahre, aschblondes Haar, dunkler Teint, ist ein relaxter Typ. Auch bei lautem Kinderschreien, Türenschlagen oder Schweinegrunzen bleibt er entspannt, hebt höchstens kurz den Kopf, kratzt sich am Bauch, atmet tief durch. Schläft weiter.

Heinz, das ist eins von zwei Faultieren im Münchner Tierpark Hellabrunn. Sein Zuhause ist ein Baum im Nashornhaus, seine Nachbarn: Bartschweine, Schabrackentapire und zwei indische Panzernashörner.

Treffen, das wäre an dieser Stelle aber zu viel gesagt, denn Heinz nimmt keine Notiz von mir, als ich mich auf eine Bank in der Nähe seines Baumes setze. Ändern wird sich das in den folgenden zwei Stunden nicht, aber genau deshalb ist Heinz mein Vorbild.

Heinz ist mein Vorbild

Es klingt banal, aber Faultiere können etwas, was ich ganz und gar nicht kann: Faulenzen. Deshalb habe ich mir Heinz zum Vorbild genommen und will ein Wochenende lang das Leben eines Faultiers leben.

Schon am Donnerstag habe ich fürs Wochenende eingekauft und alle Verabredungen abgesagt. Faultiere, das muss an dieser Stelle noch mal festgehalten werden, sind außerordentlich faule Tiere. Anders als beim Kleinen Panda (kein kleiner Panda, sondern ein fuchsfarbener Waschbär), dem Schokoladen-Fruchtzwerg (eine Unterart der Fruchtfledermäuse) oder auch dem Tiefseeangler (kein Angler, sondern ein Fisch) ist der Name wörtlich zu verstehen: 16 bis 20 Stunden am Tag verbringen die Tiere mit Ruhen und Schlafen.

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Nichtstun gehört dagegen absolut nicht zu meinen Stärken. Ich bin auch am Wochenende immer erreichbar, nehme mir nur selten wirklich frei. Wenn ich wegen Krankheit einen Tag im Bett verbringen muss, fühle ich mich schlecht. In unserer auf Aktivität und Produktivität ausgerichteten Leistungsgesellschaft ist Faulenzen, so scheint es mir, zu etwas Anrüchigem geworden.

Aber muss das sein? Ich will das scheinbar unproduktivste Leben aller Leben leben: das des Faultiers Heinz.

Am Freitagabend genieße ich das Menschenleben noch mal so richtig: Essen bei McDonalds, Bier mit Freund*innen, Zeitung lesen, Deutschlandradio hören, Wäschewaschen, ein letztes Mal E-Mails checken. Noch ein paar Faultier-Dokumentationen zum Einschlafen. Dann endlich: Wecker aus, Licht aus – gute Nacht.

Alle acht Tage runter vom Baum

Zurück zu Heinz im Hellabrunner Nashornhaus. Es ist ruhig und warm, Heu und abgestandenes Wasser ergeben den typischen Tropenhausgeruch. Die Akustik verleiht dem Raum etwas Sakrales. Heinz lebt dort zusammen mit Maja, einem dreijährigen Faultierweibchen. Die beiden sind nur als weiß-graue Fellbündel zu erkennen. Allein am gelegentlichen Kopfheben ist zu erkennen, dass  Heinz und Maja nicht tot sind.

Die Zweifinger-Faultiere ernähren sich von Blättern, Früchten und Insekten. Ihren Baum verlassen sie nur etwa alle acht Tage, um ihr Geschäft zu verrichten oder einen neuen Baum zu besteigen.

Die hereintröpfelnden Zoobesucher*innen drehen eine Runde um Heinz und Majas Baum, gucken nach oben, warten, gehen weiter. „Jetzt!“, ruft ein Mann aufgeregt und zeigt mit dem Finger nach oben. Maja kratzt sich am Bauch, das war’s. Enttäuschte Gesichter bei Eltern und Kindern.

Mit dem Wecker beginnt mein erster Faultiermorgen. Nicht mit seinem Klingeln, sondern dem leisen Ticken. Tick, tick, tick, tick. Ich starre auf den Zeiger, der sich viel zu langsam bewegt. Es ist halb elf und ich kann nicht mehr im Bett liegen. Aber ich muss. Ich wälze mich hin und her und hoffe, dass die Zeit vergeht. Kein guter Start in den Samstagmorgen.

Gegen halb 12 kann ich nicht mehr. Langsam schleiche ich die Treppe runter, immer einen Fuß vor den anderen, dann kurz innehalten. Zum Frühstück gibt es Ananas, Mango, Banane und Grapefruit. Ich versuche den Speiseplan meines Vorbilds so gut es geht zu kopieren. Mein Mitbewohner scheint nicht da zu sein. Vielleicht besser so, der Biomüll ist ziemlich voll. Leeren kann ich ihn aber nicht, das wäre zu produktiv.

Nach der Langeweile kommt der Wahnsinn

Also nach dem Frühstück zurück ins Bett. Und zurück zum tick, tick, tick meines Weckers. Ich spüre, wie meine Langeweile in den Wahnsinn zu kippen droht. Nach 20 Minuten wird mir klar: Mich wie Heinz für zwei Tage nur am Bauch zu kratzen – das ist nicht zu schaffen. Also erweitere ich die Regeln und erlaube mir das Lesen und Fernsehen. Immerhin auch sehr unproduktive Aktivitäten.

Ich beschließe, das Dschungelcamp zu gucken. Ist zwar schon eine Weile her, aber wer gewonnen hat, weiß ich nicht mehr. Kurz vor eins erscheint die erste bearbeitungswürdige E-Mail auf meinem Handy. Egal, ich bleibe erst mal bei Hankas Dschungelprüfung. „Der Dschungel hat aus den Stars neue Menschen gemacht. Stärkere Menschen,“ heißt es da. Langsam bin ich mir sicher, dass sich mein Faultierwochenende ebenfalls als Dschungelprüfung interpretieren lässt. Marc Terenzi muss Kamelhirn und Kuheuter essen – ich bekomme Hunger von der Burger-King-Werbung, die zwischen den Folgen kommt.

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Ich schleiche wieder in die Küche. Im Zoo bekommen Maja und Heinz nicht nur Blätter zu essen. Ihr Fressnapf wird mit rohem und gekochtem Obst und Gemüse gefüllt, einmal die Woche gibt es Hühnchen für die beiden. Als Vegetarier bleibe ich mittags bei Ofengemüse und Salat, der Biomüll wird voller.

Würde Heinz wohl duschen? Ich überlege eine Weile, die Tiere sind überraschend gute Schwimmer. Aber: Duschen klingt nach produktiv und reinlich sein. Ich lasse es lieber, sicher ist sicher. Da Faultiere Einzelgänger sind, ist das sowieso kein Problem. Doch genau hier liegt das erste große Problem, denn die Einsamkeit macht mir schlechte Laune. Ich beantworte ein paar SMS. Ein wenig sozialer Kontakt müsste erlaubt sein, Heinz ist ja auch nicht alleine auf seinem Faultier-Baum. Aber reale Menschen habe ich heute noch keine gesehen. Und den Anruf meiner Freundin habe ich weggedrückt.

Die deprimierende Einsamkeit

Nach dem Essen schlafe ich ein und wache erst auf, als es dunkel wird. Mein Kopf pocht vom vielen Rumliegen und Nichtstun, mein Rücken schmerzt. Ab wann kann man sich eigentlich wund liegen? Ich laufe langsam in die Küche, um mir einen Kräutertee zu machen und mach dann doch Kaffee.

Im südamerikanischen Dschungel gehören Raubkatzen, Greifvögel und Schlangen zu den natürlichen Feinden der Faultiere. Die schlagen gerne zu, wenn die Tiere ihren Baum wechseln. Etwa die Hälfte aller erwachsenen Tiere wird beim Abstieg getötet. Ich bleibe deshalb weiter im Bett und gucke Sportschau. Anderen Menschen beim Fußball zugucken – ist das nicht die Höhe der Faulheit? Dazu gibt es Studentenfutter Exotic von Lidl, da brauche ich auch kein Abendessen. Doch mehr und mehr tun mir die Augen weh. Genau wie die Faultiere bin auch ich kurzsichtig, das auf den Bildschirm starren strengt meine Augen an. Pünktlich um 20 Uhr schalte ich ab, die Tagesschau wäre zu viel Bildung.

Auf ihrem Baum im Tierpark Hellabrunn ruhen Heinz und Maja weiter. Nicht mal, als ihnen ein Pfleger das Mittagessen bringt, regen sie sich. Die Faultiere gehen eine Symbiose mit einer Motte ein. Die sogenannten Faultiermotten geben Stickstoff- und Phosphorverbindungen ab, wodurch im Fell der Faultiere lebende Algen gefördert werden. Das dient zum einen dem Tarneffekt, zum anderen fressen sie die Algen bei der Fellpflege.

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Snacks habe ich auch, Lebewesen im Haar zum Glück nicht. Ansonsten deprimiert mich wieder die Einsamkeit. Ich habe den ganzen Tag mit niemandem gesprochen, habe mich nur von meinem Zimmer in die Küche und zurück bewegt. Ich denke ans Aufgeben; Joggen oder Fußballspielen gehen wäre toll und gibt’s da nicht diese interessante Dokumentation über die AfD, die ich immer schon mal sehen wollte? Der Gedanke an Heinz und Maja beruhigt mich aber. Ist ihr Leben im Baum nicht die Versinnbildlichung des Paradieses? Ich wähle einen Spielfilm über einen Typ, der die gesamte Menschheit rettet und lege mich wieder ins Bett.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag kann ich nur schwer einschlafen, ich bin einfach nicht müde. Das Ticken des Weckers auf meinem Nachttisch wird laut und durchdringend. Ich nehme die Batterie raus und schaffe es dann doch einzuschlafen.

Der Sonntagmorgen beginnt bei Sonnenaufgang. Wie am Tag zuvor bleibe ich einfach liegen und hoffe, dass etwas von meiner Faultierzeit vergeht. Schließlich schlurfe ich in die Küche und frühstücke Mango, Ananas, Grapefruit und Banane, der Biomüll geht jetzt nur noch durch kräftiges Drücken zu.

Kann ich tatsächlich so leben wie Heinz?

Ich entdecke ein Buch und lese ein paar Stunden. Später ruft meine Freundin an, diesmal gehe ich ran. In einer Dokumentation habe ich gesehen, wie ein Faultier einen Fluss durchschwommen hat, um zu seiner Partnerin zu kommen. Gefühle sind also erlaubt. Ich koche mir Kartoffel-Blumenkohl-Curry zum Mittagessen. Weiteres Futter für den Biomüll.

Nach dem Essen weiß ich nicht mehr weiter. Fernsehen, lesen, essen, fernsehen, lesen, fernsehen, lesen, essen. Meine Möglichkeiten sind beschränkt und das langsame Laufen drückt meine Stimmung weiter. Ich versuche erfolglos zu schlafen. Dann zu lesen. Dann wieder fern zu sehen. Noch mal schlafen kann ich nicht mehr. Der Wecker tickt jetzt wieder viel zu laut.

Und dann bricht mit einem Mal die Sonne durch die Wolken und ich habe plötzlich die Grenze meiner absoluten Faulheit erreicht. Die Vögel zwitschern, mein Rücken schmerzt und mein Handy vibriert – eine wirklich wichtige E-Mail.

Kann ich tatsächlich so leben wie Heinz? Nein, ich kann es nicht. Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde, aber dass Faulenzen so hart ist? Des Faulseins willen faul zu sein – das ergibt für mich einfach keinen Sinn. Nichtstun wird erst im Kontrast zur Aktivität zur Entspannung, ansonsten ist es Qual und Gefängnis.

Wie Heinz und seine Artgenossen das aushalten? Wer alle acht Tage Todesangst beim Kacken haben muss, ist wohl froh, den Rest der Zeit auf einem sicheren Baum zu dösen.

Das Ende meines Faultierexperiments kommt überraschend unspektakulär. Ich hätte dramatisch „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ rufen können. Stattdessen hab ich mir eine Hose angezogen und den Biomüll rausgebracht.