Ich habe mir als Frau eine Glatze rasiert – und das waren die Reaktionen

Für viele Frauen sind lange Haare eine Facette ihrer Weiblichkeit. Caren Miesenberger rasierte sich eine Glatze. Hier protokolliert sie, was sie in der ersten Woche mit der neuen Frisur erlebte.

@ privat

Nach der Rasur. @ privat

Tag der Entscheidung

Ich habe fast schulterlange, hellblonde Haare – sehr normativ-weiblich, dem Schönheitsideal entsprechend. Und ich habe mich entschlossen, meine Haare komplett abzurasieren. Für mich ist es ein Experiment: Ich finde es spannend einen ganz neuen Look auszuprobieren und mich mal von dem klassisch-weiblichen Erscheinungsbild freizumachen. Wie werde ich mich damit fühlen? Wie wird mein Umfeld reagieren?

Caren vor der Glatze. / Foto: Valerie Siba Rousparast
Caren vor der Glatze. / Foto: Valerie Siba Rousparast

Der Tag der Rasur

Eine Freundin bitte ich, mir meinen Bob ratzekahl abzurasieren. Sie hatte die Frisur selbst schon und findet es super. Sie sagt mir, dass sie noch nie so viele Komplimente für einen Haarschnitt bekommen habe. Um den Prozess zu beschleunigen, schneidet sie meine Haare erst mit der Schere ab. Ich quietsche, weil es mir auf eine gewisse Art doch seelische Schmerzen bereitet, mich von meiner Frisur zu trennen. Strähnenweise fallen die abgeschnittenen Haare auf den Badezimmerboden. Als die Länge bei einem coolen Pixie ankommt, werfe ich einen letzten Blick in den Spiegel und schieße mein letztes Prä-Glatzen-Selfie.

Dann holt meine Freundin den Haarschneider raus und rasiert meine Haare auf sechs Millimeter.

Meine Freundin findet die Glatze sofort supercool. Ich auch, da ich glücklicherweise sehr selbstbewusst bin. Trotzdem frage ich mich, wie ich meine Entscheidung in schwachen Momenten vor mir selbst und anderen rechtfertigen werde. Meine Freundin sagt, dass ich es als Hommage an Britney Spears Breakdown aus dem Jahr 2007 verkaufen soll. Wir lachen und ich fahre mit dem Fahrrad nach Hause. Trotz der neuen Frisur, die mich androgyner aussehen lässt, pfeifen mir auf dem Rückweg zwei Männer hinterher. Ich lerne: Auch Glatzen schützen nicht davor, als Frau im öffentlichen Raum belästigt zu werden.

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Tag 1 mit Glatze

Ich brauche am Morgen nur fünf Minuten in der Dusche. Shampoo, Conditioner, Schaumfestiger, Haarspray und Bürste räume ich aus dem Badezimmer in Kisten. Dafür packe ich alle Ohrringe aus, die ich finden kann – obwohl ich sie vorher monatelang aus meinen Outfits verbannt hatte. Offenbart die neue Frisur mein inneres Bedürfnis, von Anderen unbedingt als Frau wahrgenommen zu werden?

Bevor ich eine Glatze trug, kam mein Aussehen dem Schönheitsideal sehr nahe: Ich bin schlank, ich bin weiß und groß, trug häufig enge Kleidung – und ich hatte eben schulterlange, hellblonde Haare. Im Alltag hatte ich oft das Gefühl als (potentielles) Objekt männlicher Begierde wahrgenommen zu werden – was ich aus feministischer Perspektive höchst problematisch finde, da ich kein Gegenstand sein will. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich mit längeren Haaren auch mehr freundliche und unaufdringliche Aufmerksamkeit von Männern bekam: zum Beispiel, indem sie mir in öffentlichen Verkehrsmitteln zulächelten. Heute ignorieren mich die beiden Männer, die im Zug neben mir sitzen. Hat die Glatze mich für sie unsichtbar gemacht?

Es fühlt sich an, als hätte ich mich eines klitzekleinen Teils meiner, an Äußerlichkeiten festgemachten Privilegien entledigt. Nämlich dem Privileg, nicht nur als weiße Frau, sondern auch als halbwegs „hübsche“ weiße Frau wahrgenommen zu werden. Ich öffne Tinder, um zu gucken, ob ich mit oder ohne Haare besser ankomme. Mit Glatze kriege ich viel weniger Matches als mit Haaren.

Erstes Selfie mit Glatze / Foto: Caren Miesenberger
Erstes Selfie mit Glatze / Foto: Caren Miesenberger

Tag 2

Ich treffe eine Freundin, der ich vorher über WhatsApp von meiner Glatze erzählte. Ihr gefällt die Frisur. Im gleichen Atemzug erzählt sie mir aber auch, dass sie mit ein paar Freund*innen unterwegs war, als ich ihr von der neuen Frisur berichtete. Ein Kumpel von ihr streichelte dann sofort seiner Freundin über den Kopf und sagte: „Du machst das aber nicht, oder, Schatz?“ Meine Freundin und ich gehen an zwei Kindern vorbei, die stehen bleiben, kurz innehalten und mich dann tuschelnd ansehen. Das verunsichert mich. Ist es wirklich so ungewöhnlich, dass Frauen sich die Haare abrasieren?

Später gehen wir feiern. Durch die Glatze fällt mir an diesem Tag auch auf, wie auch ich meine eigene Weiblichkeit mit Hilfe der Haare performt habe. Normalerweise spielte ich im Club beim Tanzen mit den Strähnen, die mein Gesicht halb verdeckten. Ich strich meine ganze Haarpracht über den Schopf nach hinten und ließ sie dann in mein Gesicht fallen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Männer darauf stehen, wenn Frauen ihren Nacken kurz zur Schau stellen. Das setzte ich semi-bewusst ein. Mit Glatze fällt diese Option nun weg.

Tag 3

Männer geben mir Feedback zu meiner neuen Frisur, obwohl ich nicht darum gebeten habe. Sich als Frau eine Glatze zu rasieren scheint einen Nerv zu treffen: Während ich mit einer Freundin Mittag esse, schreibt mir ein Mann, mit dem ich im vergangenen Jahr auf Tinder matchte und den ich nie persönlich traf, ob ich mir die Haare abgeschnitten hätte. Ich antworte mit ja. Nach ein bisschen Smalltalk-Chat schreibt er: „Ich finde, lange Haare stehen dir besser“. Danke für deine Meinung – nach der ich nicht gefragt habe.

Am gleichen Tag erreicht mich die Nachricht einer Freundin, dass sie einen ehemaligen Kumpel von uns auf der Straße traf. Auch der hatte eine Meinung über meine Frisur: „Er hat direkt nach dir gefragt. Und ob du dir die Haare abgeschnitten hättest, dass das ja megakrass ist … 🙈“. Klar: Wenn Menschen sich optisch sehr verändern, wird das thematisiert. Allerdings hatte ich mir einen Monat vor der Glatze die Haare hellrosa getönt. Das war für keine*n ein Anlass mir private Rückmeldungen zu geben. Dass sich Männer so frei fühlen, mein Aussehen zu bewerten, obwohl ich sie nicht darum gebeten habe, finde ich ziemlich daneben.

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Tag 4

Ich schicke meiner Mutter ein Foto der neuen Frisur. Sie schreibt mir später, dass sie sich erst mal ins Bett gelegt und geweint hätte. Ich bin irgendwie wütend und fühle mich dafür bestraft, einfach nur eine neue Frisur zu haben. Es ist doch mein Körper, wieso nimmt sie das so mit? Ich schreibe, dass es nur eine Frisur sei und Sinéad O’Connor diese ja auch lange trug. Mama schreibt: „Ich weiß, trotzdem bin ich traurig um deine Haare. Aber: Nothing compares to you :-*“.

Ich bereue die Frisur. Vorher hatte ich mich darüber beschwert, meine fettanfälligen Haare täglich waschen zu müssen – jetzt wünsche ich sie mir zurück. Ich fühle mich unweiblich und hässlich. Und viel schlimmer ist für mich das Eingeständnis, dass mein Ego offensichtlich doch an eine vermeintlich visuell erfassbare Weiblichkeit gekoppelt ist.

Trotzdem – ich bleibe dabei

Foto: Caren Miesenberger
Foto: Caren Miesenberger

In meinen fünf Tagen mit Glatze stelle ich fest: Fast alle Typen sagten mir, dass sie es nicht gut finden – ob ich danach gefragt habe oder nicht. Nur diejenigen, mit denen ich wirklich gut befreundet bin und die ein ausgeprägtes Bewusstsein für Feminismus haben, finden es gut und bestärken mich darin, dass ich aussehen darf, wie ich will. Fast alle Frauen sagten mir, dass sie es sehr cool fänden. Ein paar der Frauen, die lange Haare haben, lassen mich wissen, dass sie selbst schon immer mal ihre Haare abrasierten wollten, sich aber nicht trauten. Es könne ein befreiender Schritt sein, sagt mir eine Frau, mit der ich über die Frisur sprach. Genau das war und ist es für mich auch. Und solange Männer sich dazu berufen fühlen ungefragt ihre Meinung über das Aussehen von Frauen zu bewerten, bleibe ich bei der Frisur.