Ich habe unter der Woche kein Sozialleben und finde das vollkommen okay

Wer nichts vorhat, hat ein Problem. So denkt zumindest mein Bekanntenkreis. Ich verbringe unter der Woche trotzdem am liebsten die Zeit mit mir allein – ja, freiwillig.

Die neueste Serie schauen und dann zwölf Stunden schlafen hat auch was. © photocase.de/inkje

 

Alleine zu Hause zu bleiben ist der Durchfall unter den Alltagsplänen: Alle wissen, wie es sich anfühlt, bewusst darüber nachdenken möchte aber niemand. Wenn man nicht gerade zwölf Tage im Schweigekloster sitzt und das später bei Instagram unter Selbstfindung verbucht, ist Zeit mit sich selbst zu verbringen ein Hobby, das Argwohn weckt.

Ich habe am liebsten nichts vor und das gerne von Montag bis Freitag. Dass ich fünf Tage am Stück freiwillig auf das verzichte, was viele Sozialleben nennen, glauben mir aber die wenigsten. Nicht meine Freund*innen. Und vor allem nicht meine Kolleg*innen.

Wer nichts vorhat, hat ein Problem

Wenn ich im Büro erzähle, dass ich mich unter der Woche grundsätzlich weder mit Freund*innen auf ein Bier noch mit meinem Freund zum Kochen verabrede, werde ich misstrauisch beäugt. Ungefähr so, wie ich mir früher die Me-myself-and-I-Alben meiner Klassenkamerad*innen bei Myspace angesehen habe: milde überrascht, aber vor allem kopfschüttelnd.

Sobald klar wird, dass ich es ernst meine, verwandelt sich die Irritation meines Gegenübers in echtes Mitgefühl. Man erkundigt sich besorgt nach Bezugspersonen, ihren Namen und dem Beziehungsstatus. Der Tenor? Wer nichts vorhat, hat ein Problem.

[Auch auf ze.tt: Ich habe ein Wochenende lang wie ein Faultier gelebt]

Nichts geplant zu haben scheint nur als Notfall oder letzte Alternative legitim zu sein. Bewusstes Alleinsein hat ein Imageproblem. Wie oft hörst du jemanden mit demselben Enthusiasmus „Danke, ich mache lieber nichts und gucke Netflix“ auf die Abendplanung antworten wie „Klar komme ich mit, wenn ihr was macht“? Sobald wir mit anderen unterwegs sind und davon erzählen können, wird die verbrachte Zeit in den Augen unseres Umfelds automatisch als wertvoller definiert. Als wäre Alleinsein ein Zustand, den wir Tag für Tag aufs Neue dringend beenden müssten. Woher kommt dieser Drang?

Ich habe da eine Theorie. Wie viele Ideen ergab sie erst Sinn, als ich mich durch eine meiner alten 1990er/2000er-Playlists hörte. Die musikalischen Heldinnen meiner Jugend traten am liebsten in der Gruppe auf. Spaß haben und ganz nebenbei die Welt erobern fand gemeinsam statt: Die Spice Girls sprachen von Girlpower, die sie in Hochphasen als Team von fünf Frauen verkörperten. Bei Destiny’s Child sah es ähnlich aus. Kelly, can you handle this? Michelle, can you handle this? Beyoncé, can you handle this? Ja klar, aber bitte nur im Dreiergespann.

Ohne Hose Eis essen und zehn Stunden schlafen

Mich selbst nach mindestens acht Stunden im Büro zu handlen reicht mir als Feierabendbeschäftigung. Ich spreche jobbedingt viel, gehe auf Bedürfnisse ein, diskutiere, verteidige und verteile. Die Aussicht auf einen bevorstehenden Abend, an dem ich einfach schweigend Netflix anmachen, nebenbei in Foren lesen und ohne Hose Eis essen kann, entspannt mich sofort. Oder ich gehe zum Sport und freue mich danach auf eine Dusche und mein Bett. Ja, gerne alleine.

So außergewöhnlich, wie ich dachte, ist mein Hobby übrigens doch nicht. „Eigentlich würde ich das auch machen, aber dann waren alle da und ich wollte nichts verpassen“, meinte ein Bekannter zu mir, als ich wahrheitsgemäß erklärte, dass ich mir unter der Woche fast nie Dinge vornehme und den fünften Tag in Folge mit dem Smartphone in der Hand zum Intro von Chef’s Table eingeschlafen bin.

Wer bei Instagramstories zusieht, wie Freund*innen die vermeintliche #BestTimeEver erleben, kann noch so sehr an seinem Zen-Level arbeiten: Es fühlt sich erst mal seltsam an, lieber zu Hause zu bleiben. Sogar, wenn man fest davon überzeugt ist, dass die Couch die bessere Entscheidung war. Und obwohl man weiß, dass die Musik normalerweise mittelmäßig, das Essen überteuert und der Schienenersatzverkehr danach schmerzhaft ist: Das Gefühl, eine schlechtere Wahl getroffen zu haben, weil man nicht mitgegangen ist, bleibt.

Der Fear Of Missing Out, kurz FOMO, ihre Daseinsberechtigung zuzugestehen, ohne sich blind hineinfallen zu lassen, hilft. Den wahrsten Satz dazu habe ich bei Twitter gelesen: „Natürlich will ich nicht hingehen, aber ich möchte zumindest eingeladen werden.“

Dabeisein ist alles, stattdessen mit einem Honigbrot in der Hand einschlafen können noch viel mehr. Seitdem ich keine halbherzigen Vielleicht-komme-ich-mit-Versprechen vor mich hin murmle, sondern direkt erkläre, dass ein Feierabend alleine für mich der Schönste überhaupt ist, hat die FOMO ihre drohende Aura verloren.

Denn im Jahr der #SquadGoals ist bewusstes Alleinsein so mutig wie ein Bungeesprung – nur eben in Richtung Jogginghose, heimischer Kühlschrank und zehn Stunden Schlaf. Dasselbe befreiende Gefühl gibt es gratis dazu.

Außerdem auf ze.tt