Ich habe zwar keine Beziehung, aber ich plane ein Kind

Über 30, mit einem Kinderwunsch, aber single. Wieso sollte mich das von der Kinderplanung abhalten? Das fragt sich unsere Autorin Karen. Sie sagt: Ich kann einem Kind auch ohne festen Partner eine Familie bieten.

"Ich mach, was ich will. Findet euch damit ab. Ich will ein Baby." Foto: Pexels | CC0-Lizenz

Normal sein war bei mir irgendwie schon immer not in stock. Allein das Wort löst in mir gedanklichen Brechdurchfall aus: normal. Wer ist das? Wie ist das? Die Norm, der Durchschnitt. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht anecken, Ansichten oder Gefühle anderer verletzen. Schön einreihen. Bäh. 
Wenn ich etwas brutalst fürchte, ist es Mittelmäßigkeit. Vielleicht, weil sie mir nie gepasst hat. Ich wollte immer ein bisschen mehr. War immer ein bisschen lauter. Ein bisschen wilder, emotionaler, dicker.

Viel Zeit ging ins Land, bis ich verstanden habe, dass Andersartigkeit kein Stempel ist, sondern Feenstaub, den es zu feiern gilt. Gemeinsam mit allen, die ihn in dir sehen. 

Ein bisschen anders, das finden die meisten Menschen in der Theorie ganz toll. Erfrischend. Spritzig. Ein bisschen anders bist du in deren gelobter, schön normaler Welt, wenn du um 11:30 Uhr noch guten Morgen sagst. Oder eine E-Mail mit lieben statt besten Grüßen unterschreibst. Du kleiner Frechdachs.

[Außerdem auf ze.tt: Wer es immer allen recht machen will, zeigt sich selbst die Arschkarte]

Sehr anders bist du allerdings, wenn du es als Ü30–Single wagst, deinen Freundinnen und ihren Wir-sind-schwanger-Gesängen mit mildem Lächeln zu entgegnen, dass du auch seit Längerem planst. Namenslisten, Kinderbettchen, Sesamstraße. Dass der Gedanke an ein kleines, dickes, lockiges, großmäuliges Mini-Me in dir Freudentänze auslöst, du dich nach der Geborgenheit einer eigenen kleinen Familie sehnst und es kaum erwarten kannst, schwanger zu sein – und zwar ohne Mann.

Dann werden Augenbrauen hochgezogen, dicht gefolgt von ignorant-altklugen Reden á la: Ich bin erwachsen und erklär dir jetzt mal was, Dummerle. Du kleines, naives Ding.

Eine Partnerschaft alleine schafft noch keine ideale Umgebung für Kinder

Und dann lernst du: Du kannst das gar nicht schaffen. Ha. Pech. Ohne Partner bist du zwar immer noch toll, der Richtige wird schon kommen und wenn nicht, hast du ja immer noch den Hund (wie bitte?!) – die Erlaubnis für ein Kind wird dir allerdings vollends abgesprochen. Weil das nämlich keine Familie ist. Und total verrückt und wahninnig wäre. Weil du grenzdebiler Hans-guck-in-die-Luft gar nicht in der Lage seist, zu kapieren, wie viel Zeit und Geld und Arbeit so ein Kind mache. Du bist raus, du unvermittelbares Wesen. Ätschibätsch.

Die fast schon unverschämt anmaßende Ignoranz und schnoddrige Arroganz, mit der einem diese Aussagen entgegenfliegen, machen traurig. Sehr. Und sie zeigen, wie Partnerschaften völlig unsinnig und beinahe lächerlich verallgemeinernd als heilige Bedingung zum Nestbau glorifiziert werden. Wie Menschen in festen Partnerschaften tatsächlich davon ausgehen, sie hätten das alleinige Privileg, Kinder zu haben. Du bist single? Schade. Für dich. Forever alone.

[Außerdem bei ze.tt: Wie es ist, ein Kind von jemandem zu kriegen, den man gerade erst kennengelernt hat]

Liebe vergebene Frauen, die ihr wirklich allen Ernstes so denkt, kurze Frage: Was zur Hölle denkt ihr euch eigentlich? 
Ihr habt einen Mann. Herzlichen Glückwunsch! Das Einzige, das ihr mir damit voraus habt, ist eine kostenlose Samenbank. 800 Euro gespart. Eine Familie macht das allein mitnichten aus euch. Ihr mit euren pseudoperfekten goldglänzenden Eheringen, die vielen von euch wie Fesseln am Ringfinger kleben. Euren Einfamilienhäusern, die ihr im Heimatdörfchen auf billigem Grund hochgezogen und damit das Schnäppchen eures lustigen Lebens gemacht habt. Schöne, strahlende, leere Hülle. Kommt bloß leider null drauf an. Familie ist Wärme, Liebe, Geborgenheit. Keine Angst, mit einer Sechs in Mathe nach Hause zu kommen. Freiheit und Gleichheit zu vermitteln. Frauen wie mich, single und mit Kinderwunsch, kleintreten und einschüchtern zu wollen mit eurer piefigen Mittelmäßigkeit macht euch auch nicht glücklicher. Und mich nicht weniger zur Mutter.

Als Single-Mama kann ich einem Kind auch eine Familie bieten

Ich kann eine Familie sein. Ich bin es schon jetzt. Allein mit mir, der Liebe in Herz und Seele, dem guten Glauben an Freundschaft und einem goldenen Rucksack vollgestopft mit Ansichten, Werten und Schokolade. Und genau das ist es, was ich geben möchte. Säen will. Ich werde eine Mutter sein. Egal wie laut ihr lacht. Die liebende, fürsorglich verrückte, strahlende Mama meines Kindes. Vielleicht single, vielleicht nicht. Vielleicht reich, vielleicht nicht. Aber glücklich ruhend in mir selbst und in sicherer Gewissheit darüber, dass es überhaupt keine Rolle spielt. Mein Kind wird all das haben, was das Leben ihm schenken kann. Eine feinsäuberlich ausgewählte Rasselbande von Familie sein Zuhause nennen, die ich mit Bedacht aussuche – bestehend aus Menschen mit guten Gedanken, wenig Vorurteilen, genug zum Leben und jeder Menge Bauchweh vor Lachen. Ob ihr eure hübschen Näschen rümpft oder nicht.

Menschen mögen es nicht, wenn du anders bist. Das macht sie nervös, bringt sie zum Nachdenken über ihr eigenes Leben. Sätze wie: du kannst doch nicht …, sollten Ansporn und Zündstoff sein.

Die Welt redet Singles ein, sie seien nicht vollständig.“

Nicht ganz. Mängelexemplare. Wühltischware. Guckt hinter die Fassade. Lasst euch nicht täuschen. Und vor allem niemals einreden, dass ihr weniger wert seid mit euch und eurem strahlenden Herzchen allein. Macht euch klar, wer ihr sein wollt. Was ihr sein wollt! 

Ich habe eine Kindheit voller Stress, Streit, Wut und Drama für immer im Gepäck. Allein dadurch geschuldet, dass meine Eltern versuchten, eine heile Welt zu kreieren, die von vorn herein zum Scheitern verurteilt war. Ich suche mein Urvertrauen bis heute. Wiederfinden werde ich es wohl nie. Und doch bin ich bereit es zu geben. Mit aller Macht. Und eine Familie zu sein. Mithilfe der Handvoll Menschen in meinem Leben, die mich lieben wie ich sie.

Scheiß auf normal sein. Verabschiedet euch von eurem elitären Vorrecht auf Mutter sein – es existiert nicht. Mittelmaß Ehe, Mittelmaß Beziehung, Mittelmaß Mann? Danke, Tschüss. Mutige voran! Ich mach, was ich will. Findet euch damit ab. Ich will ein Baby. Und ich lasse mir nichts erzählen.


Von Karen Scholz auf EDITION F.

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