Ich lebe in einer „Monogamie mit Gästen“

In der Beziehung unseres Lesers sind erotische Begegnungen mit anderen Menschen kein Tabu. Im Gegenteil: Das Paar begrüßt „Liebesfreunde“ als „Gäste“ in ihrem Leben.

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Fremdgehen bedeutet für viele Paare das Ende der Beziehung, wenn die Affaire herauskommt. © LMBD / photocase.de

Dieser Text ist die Antwort eines Lesers auf unseren Artikel „Warum ich Fremdgehen nicht schlimm finde“. Er bat darum, anonym zu bleiben.

Ich lebe seit 30 Jahren in einer „Monogamie mit Gästen“. Meine Frau ist meine „Lebensliebe“ und ich bin es für sie. Und doch leben wir in einem größeren Umfeld, in dem es kein Tabu ist, „Liebesfreunde“ zu haben. Das sind Menschen, mit denen wir Freundschaft, Körperlichkeit und das Miteinander-ins-Bett gehen erleben.

Der wesentliche Unterschied zur Autorin ist, dass wir uns von dem, was ist, gegenseitig berichten. Das setzt eine schonungslose Offenheit voraus, die nicht von jetzt auf gleich da war.

Das Ergebnis ist ein riesiges Geschenk: Ich weiß so viel mehr über meine Frau, die ich über alles liebe, und sie über mich. Uns verbindet ein fast grenzenloses Vertrauen.

Ich gehe deshalb auch nicht „fremd“. Meine Geliebten wissen von meiner Partnerin, meiner „1A“. Ich habe meine Frau im Herzen also während der Begegnung dabei.

Fremd gehe ich auch deshalb nicht, weil in den meisten Situationen die involvierten Personen untereinander Kontakt haben. Mir ist es wichtig, dass meine Geliebte auch im Gespräch mit meiner Frau ist – und ich mit ihren Liebesfreunden. Wir haben kein sogenanntes „süße Geheimnis“ voreinander. Solch ein Geheimnis wird ganz schnell zum Gift.

Eine langjährige Liebesbeziehung mit mehreren Kindern schafft ein Energiefeld, in dem jeder neue Gast – egal ob Liebesfreund oder nicht – als neuer Einfluss hinzukommt. Lernt meine Liebste jemanden kennen, der sie interessiert, mit dem sie eine erotische Begegnung hatte, dann merke ich das. Und sie umgekehrt auch.

Und wenn es stört: Gäste kann man höflich bitten, auch wieder zu gehen. Wir können uns gegenseitig bitten, einen Kontakt nicht weiter zu verfolgen.

Klar: Das Risiko, dass aus einer Liebelei mehr wird, besteht. Aber mein Vertrauen in unsere Liebe ist so stark, dass mich dies all die Jahre nicht abgeschreckt hat. Wir haben uns gegenseitig nie allein gelassen und sind zusammen und bei der Familie geblieben.

Und noch eins: Wir vögeln nicht wild durch die Gegend. Unsere Begegnungen sind sehr ausgewählt und ehrlich. Machmal bleiben Liebesfreundschaften über viele Jahre bestehen, weil wir nichts voreinander zu verbergen haben.

Wir sind uns in einer Tiefe treu, die anderen vielleicht fremd ist. Wir leben unsere Liebe – zueinander und mit denen, die als Gäste unseren Weg kreuzen wollen. Das erfordert Arbeit an und in der Beziehung. Mein Eindruck ist, dass vor dieser Arbeit die meisten zurück schrecken. Warum eigentlich?