„Ich musste meinen 18. Geburtstag in der geschlossenen Psychiatrie verbringen“

Als Pia 17 ist, verletzt sie sich selbst. So schlimm, dass sie ins Krisenzimmer einer geschlossenen Psychiatrie muss. Heute geht es ihr besser und sie will anderen Hoffnung machen, dass es wieder bergauf geht.

Dunkelheit. © Juttaschnecke / photocase.de

Achtung: In diesem Text wird über selbst verletzendes Verhalten gesprochen. Das kann für einige Leser erschreckend sein.

„9876, 9877, 9878.“ Pia* zählt Sekunden. Sie hat kein Handy, keinen Fernseher, keine Uhr. Doch sie weiß, dass es um acht Uhr Frühstück gibt und um 12 Uhr Besuch von ihrer Mutter. Vier Stunden, das sind 14.400 Sekunden. Sie zählt langsam. Irgendwas muss sie ja machen.

Pia ist im Isolierzimmer einer Psychiatrie. Weiße Wände, ein weißes Bett, ein Tisch, fest verschraubt am Boden. Diagnose: Depression mit akuter Selbstmordgefahr. Vor einem Jahr war noch alles okay.

Pia hatte ein Auslandsjahr in Norwegen gemacht und dort bei einer Bekannten ihrer Eltern gewohnt, die viel arbeitete. Endlose Freiheit. Niemand hatte gefragt, wo sie hingeht, was sie macht und wann sie wiederkommt. Es war ein gutes Jahr, sie hatte schnell Freunde gefunden.

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Doch zurück in Deutschland bei ihren Eltern gab es Stress wegen liegen gebliebener Socken, ach, wegen allem. „Wohin gehst du, was machst du, dies und das. Ich war immer sehr wütend auf meine Mutter.“ Pias Gefühle überwältigten sie, sie waren kaum auszuhalten. Sie wusste nicht, wie sie sie kanalisieren sollte. „Dann habe ich die Wut gegen mich gekehrt und angefangen, mich selbst zu verletzen. Das war der Weg ins Verderben“, sagt Pia, die heute 21 Jahre alt ist.

Ohne es zu merken, rutschte Pia immer tiefer in die Depression. Nach einem Suizidversuch entscheidet sie gemeinsam mit ihren Eltern, sie in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie einzuweisen. Dort stellen Ärzt*innen fest, dass sie an einer Depression leidet. Erst später erkennen die Mediziner*innen, dass sie auch Borderline-Patientin ist.

Eine Gratwanderung für die Eltern

Sie einzuweisen war die richtige Entscheidung, sagt Martin Bohus, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts Psychiatrische Psychosomatische Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim: „Es ist zwar schwierig, aber sinnvoll sich einzugestehen, dass das Mädchen tatsächlich derzeit eine psychische Störung hat. Das heißt, zunächst sich selber die Hilflosigkeit zugestehen, der Tochter gegenüber eine Balance zwischen klaren Grenzen und unterstützender Zuwendung zeigen.“

In der Klinik soll man über seine Probleme reden. Doch Pia redet nicht, sechs Wochen lang. „Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen. Vor Kritik, Zurückweisung, dem Scheitern.“ Es geht ihr schlecht, das ist allen klar, auch ihr selbst. Aber wie das ausdrücken? Pia kennt nur einen Weg: sich selbst verletzen, immer aggressiver. „Am Anfang war es, glaube ich, so, dass ich von meiner Wut und dem Ärger so richtig überflutet wurde und dass ich das loswerden wollte. Aber nach ungefähr zwei Monaten hatte ich gar keine Gefühle mehr. Dann habe ich mich verletzt, um wieder was zu spüren.“

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Keine Besserung, deswegen muss Pia in der geschlossenen Station aufs Krisenzimmer. „Ich hab dann wieder in den Therapiegesprächen nicht über mich geredet. Wenn die Therapeutin vorgeschlagen hat: Wir können spazieren gehen, einen Kaffee trinken gehen, war meine einzige Antwort immer: Ja, ich könnte mich aber auch umbringen.“
„Bei Borderline-Patienten sind Selbstmordgedanken oft mentale Lösungsversuche, also Ausweichmanöver“, sagt Prof. Dr. Martin Bohus, „sie bieten meist kurzfristig Trost und eine Illusion, dass man sich sehr plötzlich aus diesem Leiden eigenmächtig verabschieden kann.“ Auch Pias Erzählung klingt paradox: „In den letzten Momenten habe ich gemerkt, dass ich doch leben will. Und vielleicht wollte ich das auch einfach spüren. Dass da noch ein Lebenswille ist.“

Der schwierige Weg aus der Depression

Pia bekam nun Eins-zu-Eins-Betreuung, ein Pfleger war immer mit im Zimmer, um auf sie aufzupassen. Ihre persönlichen Sachen waren eingeschlossen, nicht mal Zettel und Papier bekam sie – alles potenziell gefährlich. Schlafen, essen, auf dem Bett sitzen. „Ich glaube, die hatten keine andere Möglichkeit. Ich weiß noch, dass meine Therapeutin meinte: Für sie sind die Therapiegespräche schon so anstrengend und für mich ist es die ganze Zeit so. Deswegen findet sie, ich soll einfach mal schlafen. Daraus resultiert ist, dass sie die Medikamente einfach nur hoch dosiert hat. Einfach nur hoch. Ich hab dann nur noch geschlafen. Daran kann ich mich kaum erinnern.“

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An Pias 18. Geburtstag wollen die anderen Patienten ihr gratulieren. Ihr wird alles zu viel, schnurstracks läuft sie an ihnen vorbei. Bloß keinen Blickkontakt herstellen. „Irgendwie hab ich in einer ganz anderen Welt gelebt.“ Nur langsam geht es bergauf. Pia muss lernen, mehr und mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wenn es ihr schlecht geht, soll sie zur Schwester gehen und sich Hilfe holen. Für jemanden, der nicht gerne über sich selbst redet, ist das schlimm.

„Irgendwann habe ich gedacht: Was mache ich hier eigentlich? Hier komme ich nicht weiter. Ich muss in den Alltag, in die Schule.“ Pia ist 18, war fast ein Jahr raus, es ist die letzte Gelegenheit, wieder in die Schule zu gehen. Der Druck, sich zu entscheiden, hilft. Sie entlässt sich selbst. Der Oberarzt sagt deutlich, dass er ihr keine gute Prognose gibt.

Raus aus der Gedankenspirale

Doch Pia hat Glück, sie findet einen Therapeuten, der sich mit dem DBT-Programm auskennt, der dialektischen Verhaltenstherapie, eine Therapieform für Borderline-Patienten. Dort übt Pia nun, wie sie Gedankenspiralen stoppt. Wann Wut okay ist und wie man sie ausdrückt, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Dass Gefühle nur Gefühle sind und wie man sie aushalten kann. Sie lernt mitzubekommen, wann sie einen guten und wann sie einen schlechten Tag hat. Welche Situationen sie runterziehen. Dass sie ein wertvoller Mensch ist. Und wie sie sich selbst etwas Gutes tut.

Was ihr wichtig ist? Zu sagen, dass es keine Schande ist, Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Dass Menschen, die eine Zeitlang in einer Psychiatrie und im Krisenzimmer waren, nicht alleine sind. „Sie sollen wissen, dass sie nicht schlechter sind als andere.“

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Ihr geht es besser als früher und sie will weiterkämpfen: „Ich weiß nicht, ob ich jemals ‚geheilt‘ sein werde. Aber ich finde, es ist es wert, das herauszufinden. Ich kann trotz allem wieder Hoffnung haben.“ Pia studiert nun Biologie, will das menschliche Gehirn erforschen. „Selbst wenn man da in eine Richtung forscht, die sich am Ende als Sackgasse erweist, muss der Nächste diesen Weg nicht mehr ausprobieren. Man tut immer etwas Gutes für die Menschheit.“

Es ist immer noch schwer. Und es wird schwer bleiben, das weiß sie. Doch es gibt eine Zukunft. Und auf schlechte Tage folgen gute. Zumindest manchmal.


*Da psychische Erkrankungen immer noch stigmatisiert werden, möchte Pia nicht ihren richtigen Namen im Internet lesen.

Die SOS-Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige ist die Telefonseelsorge, die rund um die Uhr erreichbar ist: 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123.

Hilfe und Informationen speziell für Borderliner gibt es auf der Borderline-Plattform. Dort findet man auch mehr Informationen über das DBT-Programm, einer anerkannten Therapiemethode für emotional instabile Menschen.

Prof. Dr. Martin Bohus ist einer der angesehensten deutschen und internationalen Experten zum Thema Borderline. Der Wissenschaftliche Direktor der Abteilung für Psychiatrische und Psychosomatische Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat einen Ratgeber zum Thema geschrieben: „Ratgeber Borderline-Störung: Informationen für Betroffene und Angehörige“.