Warum ich AnnenMayKantereit liebe, obwohl ich mich dafür schäme

Zwischen Hochbett und Balkon ohne Blumen fehlt etwas – ze.tt Redakteurin Tasnim erklärt ihre ambivalente Beziehung zu Henning, Malte, Severin und Chrissi von AnnenMayKantereit.

© Fabien Raclet / Foto und Collage: Leon Krenz

Was die wohl drauf haben? © Fabien Raclet / Foto und Collage: Leon Krenz

Als Henning May am Abend des 21. März in Berlin auf der Bühne steht und sich dafür entschuldigt, dass wir im Publikum wegen der Promotour „momentan überall unsere Fressen“ sehen müssten, liebe ich ihn wieder ein Stückchen mehr. Leider.

Denn etwas in mir rebelliert und weiß: Diese vier Kölner singen über den ersten Umzug, Tourstress und Fernbeziehungen. Probleme, mit denen sich nur priviligierte Menschen beschäftigen, die sich nicht darum sorgen müssen, ob das Geld nur für die „billige Flasche Wein vom Kiosk“ oder die nächste Monatsmiete der Altbauwohnung mit „drei Zimmer, Küche, Bad“ reicht. Ich gehöre dazu.

Musik für Menschen, die es sich leisten können

Ja, verdammt, ich würde gerne mit jemanden in einer Altbauwohnung wohnen. Und ich könnte es mir sogar leisten. Dass Henning, Severin, Christian und Malte politisch-riskante Themen anderen überlassen, weil sie nun mal lieber über ihre Gefühle singen, nehme ich ihnen trotzdem übel. Das genügt einfach nicht. Nicht, wenn 168.382 (größtenteils) junge Menschen vor dem AnnenMayKantereit-Youtube-Kanal sitzen, anstatt ihre Hausaufgaben zu machen.

Eine laute Stimme bringt Verantwortung mit sich, ob die zarten Gemüter das möchten oder nicht. Das Musikmagazin Rolling Stone versuchte beim Interview der jungen Band politische Statements zu entlocken. Hätte es besser nicht, denn ihre Antworten haben mich betrübt. Wer auf Frauenquote mit eindeutig „Nein“ antwortet, hat die Thematik vielleicht noch nicht ganz durchblickt. Auch ist es fraglich – und vielleicht sogar paradox – Merkel zu verneinen und das Ankommen der Geflüchteten unbedingt zu bejahen.

Band der Generation Y?

Viele Medien machten AnnenMayKantereit ihre politische Zurückhaltung zum Vorwurf. Kritiker*innen betitelten sie zur Band der Generation Y – unpolitisch, desorientiert und jammernd. Zum Glück wehrten sich die Musiker gegen diese Zuschreibung, genauso wie ich es tue.

Und ganz besonders möchte ich auch kein Fan sein. Jemand, der blind vor Begeisterung irgendwelchen Personen der Öffentlichkeit hinterherrennt (während meine Peer-Group 2005 Bill Kaulitz vergötterten, konnte ich nur schwach lächeln). Schon gar nicht möchte ich Anhängerin einer Gruppe sein, die Gefühlsduselei und Erste-Welt-Probleme in Ton und Musik fasst. Es ist keine musikalische Meisterleistung, über das Kommen und Gehen, über das zu-viel-Rauchen oder Nackt-im-Bett-liegen zu singen und das Ganze mit drei Akkorden zu unterlegen.

Keine musikalische Meisterleistung

Und trotzdem schreie ich tief und inbrünstig: „Mir ist nicht egal, wie du mich nennst“ und fühle, wie Hennings Bass mein Herz zum Vibrieren bringt. Igitt. Und wenn die Fanmeile von AnnenMayKantereit gegen die bösen Kritiken von Zeit Online oder der Süddeutschen demonstrierten, stünde ich wahrscheinlich vermummt in der ersten Reihe.

Ja, ich nehme AnnenMayKantereit ihre Bodenständigkeit ab. Ich liebe es, dass sie Smartphones ablehnen und es gerne hätten, dass ihre Fans beim Hören ihrer Musik Kartoffeln in der Küche schälten. Ich finde es klasse, dass das Team um AnnenMayKantereit befreundet ist, dass sie sich gegenseitig Songs widmen und nicht mit Alkoholexzessen und Affären Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich mag ihr Konzept der Konzeptlosigkeit und diese lose Aneinanderreihung ihrer Nachnamen (Das kann man nämlich wohl aussprechen!).

Es ist wahrlich ein ambivalentes Gefühl, dass mich an die Jungs von AnnenMayKantereit bindet. Ich genieße es zwar, meine Gedanken ab und zu in – mehr oder weniger – Belanglosem zu versenken und fühle mich den vier Jungs so nah, als lebten sie in der WG über mir. Aber am WG-Tisch sollte es eben nicht nur um Gefühle und Umzüge gehen – sondern auch um das, was auf der gerade Welt abgeht.