Gewehre, Hunde, Sommersonne: Menschen erzählen von ihrer ersten Erinnerung

Unsere Leser*innen berichten von ihren frühesten Erinnerungen. Unter ihren Antworten sind teils unfassbar klare Bilder und bewegende Geschichten aus der frühen Kindheit.

Symbolfoto © Flickr | Sam Greenhalgh | CC BY 2.0

Wie war das noch gleich, damals mit dem Bruder im Urlaub? Symbolfoto © Flickr | Sam GreenhalghCC BY 2.0

Es ist eine meiner ersten Erinnerungen. Zu meiner Linken sind ein paar Marktstände. Frauen verkaufen bunte Halstücher und Holzskulpturen. Mein Vater geht neben mir, wir laufen auf einem Weg geradewegs auf einen Leuchtturm zu. Als wir bei der Aussichtsplattform ankommen, schauen wir nach unten. Mein Vater sagt, dass ich genau hinsehen müsse, dann würde auch ich den Wal im Wasser sehen können. Heute weiß ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt war, es war im Oktober 1995 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika, am sogenannten „Cape Point“.

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Generell erinnere ich mich sehr schlecht an meine frühe Kindheit. Ich sehe wenn überhaupt verschwommene Fragmente, selten ist etwas so klar wie die oben beschriebene Szene; der Rest ist wie ausgelöscht. In einem ersten Artikel zum Thema fragte ich unsere Leser*innen nach ihren ersten Erinnerungen. Viele berichten, dass sie nach dem Text intensiv angefangen haben, nach ihren Erinnerungen zu forschen. Einige erinnern sich sogar noch an ihre Zeit im Babybett. Manche Geschichten liegen über 70 Jahre in der Vergangenheit. Gemeinsam haben sie eines: sie alle gehen ans Herz.

Sofie, 28

Meine früheste Erinnerung ist die Geburt meiner Schwester, also der Tag, als wir sie und meine Mutter im Krankenhaus besuchten. Da war ich etwa zweieinhalb Jahre alt. Die Erinnerung ist ziemlich detailliert. Ich weiß zum Beispiel noch, dass mein älterer Bruder und ich von unserem Opa zur Feier des Tages Schokoladeneis bekamen. In der Regel gab es das nie, weil wir uns immer damit vollgekleckert haben. Später hatte ich dann ein schlechtes Gewissen, weil ich mich natürlich doch vollgekleckerte. Ich weiß auch noch, dass die Sonne scheinte und dass mein Opa das Eis im Krankenhauskiosk gekauft hat.

Hilke, 41

Ich habe einige alte Erinnerungen, die meisten davon aus meiner Kindergartenzeit. Beispielsweise, als ich heillos in Tränen ausbrach, weil ich in einem Spiel ins Gefängnis musste. Ich war so in meiner Rolle drin, dass ich tatsächlich glaubte, ich werde eingesperrt. Aber ich habe natürlich auch schöne Erinnerungen. An den Laternenumzug, ans Kasperletheater, an den großen Spielplatz dort oder das Gefühl, als ich eine Tasche in meiner Hand trug, in der ich meine Turnsachen zur Turnhalle schleppte.

Auch erinnere ich mich an das Schneechaos von 1978 (ich bin Jahrgang 1975). Für mich als kleines Kind waren das wirklich gewaltige Schneemassen und wir hatten bei uns einen richtigen Schneegang hinten auf dem Hof zum Hühnerstall.

Außerdem fiel mir auf, dass unser weißer Hund eigentlich eher gelblich aussah.

Die älteste Erinnerung aber muss aus meiner Babyzeit stammen. Ich erinnere mich daran, wie ich das Heckfenster eines VW Käfers sah – und zwar aus einer liegenden Position. Ich befragte später einmal meine Eltern, ob wir denn einen Käfer gehabt hatten. Meine Schwester besaß damals einen und transportierte mich offenbar ab und zu damit. Sie war bereits 18 Jahre alt, als ich zur Welt kam und hatte also schon ihren Führerschein. Ich vermute, dass ich deshalb heute VW Käfer so sehr mag.

Marcel, 22

Meine älteste Erinnerung stammt aus meinem zweiten Lebensjahr. Es ist der 23. Juni 1996, im Norden Kölns. Ich sitze im Kindersitz auf dem Fahrrad meines Vaters. Wir sind nicht weit vom Krankenhaus entfernt, in dem vor ein paar Stunden meine kleine Schwester zur Welt gekommen ist.

Die heiße Sommersonne scheint auf den Strauß Blumen, den ich vor mir in den Händen halte. Es ist kein Film, kein Ablauf. Nur dieses eine Bild, welches sich fest in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Als ich letztens mit meinem Vater darüber gesprochen habe, musste er mir mit starker Verwunderung bestätigen, dass es genau so abgelaufen ist. Ein Foto wurde damals nicht gemacht.

Ortwin, 72

In meiner frühesten Erinnerung bin ich zwei Jahre und zwei Monate alt. Wir wurden 1946 aus dem Sudetenland nach Deutschland ausgesiedelt. Nach drei Tagen Zugfahrt in einem Güterwagon – an welche ich mich nicht erinnere – liege ich mit meiner Mutter im Bett in der neuen Behausung.
Meine Mutter ist fast euphorisch, sagt mir: “Endlich ein Bett, morgen sind wir zum Mittagessen eingeladen.“
Ich bin überzeugt, dass die Entlastung meiner Mutter zu dieser Erinnerung führte. An das zitierte Mittagessen kann ich mich nicht erinnern. Ich erinnere ich mich auch an spätere Szenen, in welchen meine Mutter entspannt und guter Stimmung war, da diese – meine einzige enge Bezugsperson – während meiner Kindheit fast ständig mit Existenzsorgen beschäftigt war.

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Mia, 44

1976. Ich bin vier und wir besuchen die Familie in Zabrze, woher meine Familie mütterlicherseits stammt. Es sind mehrere Fahrzeuge. Ich fahre mit meinen Eltern in einem hellblauen Mercedes mit dunkelblauen Velourpolstern. Mein Vater hat mir auf der Rückbank ein Bett gebaut, denn wir fahren nachts.

Und nun beginnt die Erinnerung: Morgengrauen. Ich bin eben aufgewacht. Ich sehe die Blätter eines Baumes, Umrisse von Gebäuden. Ich weiß nicht, wo meine Eltern sind. Sie sitzen nicht im Auto. Es steht gerade.

Ich schaue aus dem Seitenfenster – direkt in den Lauf eines Maschinengewehrs, von einem DDR-Grenzsoldaten gehalten.

Dass meine Mutter diesen anbrüllte, er hätte ja wohl „’n toten Vogel inner Tasche“, weiß ich nur noch aus Erzählungen. Aber das Bild von dem Grenzer mit dem Maschinengewehr ist meine erste Erinnerung. Wie verdutzt er schaute. Ich hatte keine Angst. Dazu war ich wohl zu klein.

Marianne, 42

Erst vor kurzem habe ich herausbekommen, was in der Situation, an die ich mich immer wieder bildhaft erinnere, los war und an welchem Tag sie passiert ist.

Es ist in der Früh, meine Mutter hat noch ihren Schlafrock an, das Telefon klingelt, meine Mutter geht zum Telefon, ich folge ihr und sehe, dass draußen alles weiß ist und es in sehr dicken Flocken schneit. Meine Mutter hebt das Telefon ab und fängt kurze Zeit später heftig zu weinen an. Und auf einmal war alles anders.

Wie ich jetzt weiß, hat sich das am 19. Dezember 1976 zugetragen. Ich war gerade zwei Jahre und sechs Tage alt. Der Anruf kam von der besten Freundin meiner Mutter, um ihr mitzuteilen, dass ihr Bruder, den meine Mutter auch sehr gerne hatte, in den frühen Morgenstunden bei einem Autounfall tödlich verunglückt war.

Alina, 32

Ich kann mich noch ein meinen ersten Geburtstag erinnern. Es gibt zwar Fotos davon, doch ich weiß noch, wie ich mir Luftballons an der Zimmerdecke angeguckt habe und durch einen Flur gekrabbelt bin.

Eine weitere Erinnerung existiert ohne Foto oder Erzählung. Ich weiß nicht, wie alt ich war, erinnere mich aber, dass ich in meinem Kinderbett lag, links das Fenster war und Licht durch die Jalousien kam. Ich wollte aus dem Bett raus, aber ich war allein im Schlafzimmer. Ich hab mich unter Mühen hingestellt, weil meine Beine in einem Schlafsack waren und hab, glaube ich, gerufen. Als keiner kam, habe ich mich entschlossen, selbst aus dem Bett zu klettern.

Plötzlich war ich auf dem Boden vor dem Gitterbett und überrascht. Dann bin ich losgekrabbelt, am Elternbett vorbei und in den Flur.

Zum Bad war die Tür nur angelehnt und ich hab sie aufgedrückt, meine Mutter stand hoch über mir und hat sich die Haare geföhnt. In meiner Erinnerung lächelt sie mich an.

Als ich meiner Mutter vor einigen Jahren davon erzählte, konnte sie sich noch daran erinnern, meinte aber, dass sie erschrocken geguckt haben müsse, weil ich ja offenbar über die Gitterstäbe hinweg auf den Boden gefallen war. Wahrscheinlich war ich auch dort um ein Jahr alt.

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Wolfhart, 72

Ich wurde im Januar 1944 in Dresden geboren. Ich erinnere mich an eine Situation aus dem Jahr 1945/46. Eine Frau aus der Nachbarschaft fährt mich spazieren. Was meine Mutter nicht weiß: Sie besucht oft eine russische Soldatenunterkunft. Und da geht es wahrhaft lustig zu. Die sechseckige Konzertina, Gesang. Ich bin gern dort.

Die Nachbarin tut am Rande Befremdliches. Irgendwann wird die Fröhlichkeit – zu meinem Unverständnis – von einem rotgesichtigen Uniformierten unterbrochen, der außer sich vor Wut ins Zimmer hinein brüllt. Da ich neben der Tür auf dem Arm eines Soldaten sitze, sehe ich ihn leicht von oben. Die versammelten Soldaten bemühen sich um Haltung, Hosehalten, Strammstehen, Meldung. Einer, der sichtlich überfordert ist, versucht zu lächeln. Der Uniformierte verlässt den Raum – sein kalter Blick streift mich im Hinausgehen. Kurz darauf werden hintereinander zwei der im Zimmer Anwesenden abgeführt.

Ich höre fürchterliche Knalle – Schüsse?

Die Nachbarin schlägt die Hände vors Gesicht, packt zusammen und eilt wortlos mit mir im Wagen nach Hause. 1945 wurde meiner Mutter gesagt, dass ihr Kinderwagen öfters vor dem SS-Erholungsheim stünde.

Hierzu schwelten in mir lange Zeit nur vage Erinnerungen – nicht zuletzt weil ich die weltweit ähnlichen Kragenspiegel der Militäruniformen wieder erkannt habe. Die Uniformteile hier im Erholungsheim waren blaugrau.Eine Belgierin, die mit den Deutschen auf dem Rückzug in Dresden gelandet war, nahm mich mit dorthin. Sie wohnte bei uns, um meiner Mutter mit den drei Kindern zu helfen. In dem SS-Haus war ich gern, auch hier war es oft lustig.

Florian, 43

Ich war etwa zweieinhalb Jahre alt, es ist ein Sonntagmorgen, meine Eltern schlafen noch in ihrem dämmrigen Schlafzimmer, als ich aus meinem Gitterbett klettere (dem genau zu diesem Zweck eine Gitterstange fehlt). Ich gehe auf nackten Sohlen in die Küche.

Die rauen, grünen Filzquadrate unter meinen Füßen, dann das glatte Linoleum in der Küche. Das Sonnenlicht, das durch die gelben Gardinen fällt. Ich gehe zur Küchenbank – gelb lackiert, mit rotem Kunststoff bespannt – und klappe die Sitzfläche nach oben. Dort liegt das silbrig glänzende Bügeleisen meiner Mutter, dass mir so gut gefällt. Ich nehme es und stecke den schwarzen Stecker in die Steckdose, warte eine Weile und teste dann mit der Handfläche, ob es schon heiß ist.

Der Schmerz. Absolut durchdringend, ich kann mich noch heute an ihn erinnern.

Vorsichtig stelle ich das Bügeleisen auf den roten Kunststoff, damit es nicht kaputt geht. Dann laufe ich zu meinen Eltern. Erst dort fange ich an zu weinen. Als wir kurz darauf in die Küche eilen, hat das Bügeleisen den scharf begrenzten, verschmorten Fleck in den roten Kunststoffbezug gebrannt, welchen ich in meiner weiteren Kindheit noch oft sehen werde.


Schickt mir für einen weiteren Text gerne eine Nachricht mit der Erinnerung, die euch eurer Ansicht nach bis heute am stärksten prägte, an: till.eckert@ze.tt.