Ich verzichte auf Konsum und bin deshalb zufriedener

Ich habe weder Kleiderschrank noch Bettgestell. Auch ansonsten verzichte ich auf vieles – und nehme das Leben dafür bewusster wahr. Wie wir genügsamer werden.

Spaziergänge sind besser, wenn das Smartphone zu Hause bleibt. CC0 / Pexels

In jeder Religion oder spirituellen Lebensweise gibt es erhobene Zeigefinger, die zur Genügsamkeit mahnen. Egal ob Fasten an Ostern, Verzicht auf Schweinefleisch oder die Alkoholabstinenz. Ich persönlich verzichte weitestgehend auf Fleisch, trinke Alkohol in Maßen und kaufe mir nur Kleidung, die ich wirklich brauche. Doch ich bin weder religiös noch eine Prinzipientäterin.

Ich verzichte auf Konsum, weil es mir damit besser geht. Während meines Erasmus-Semesters in Istanbul fragte mich ein muslimischer Türke, wie ich es schaffe, mich in Disziplin und Zurückhaltung zu üben, wenn ich keine Religion habe, die mir Orientierung und Regeln geben würde. Seitdem ist ein Jahr vergangen und mittlerweile habe ich eine Antwort für mich gefunden.

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In meinem Alltag merke ich immer wieder, dass ich mir mein Leben einfacher und angenehmer mache, wenn ich diese Redewendungen befolge. Auch wenn die Fairtrade-Schokolade aus dem Bio-Markt ein bisschen teurer ist, lohnt sich für mich der extra Euro, auch für den besseren Geschmack. Und statt die ganze Tafel während einer spannenden Folge Game of Thrones zu inhalieren und erst beim Abspann zu merken, dass die Packung schon leer ist, nehme ich mir bewusst Zeit für den Genuss. Ich schränke mich selbst ein. Nicht weil ich muss, sondern weil ich will.

Schluss mit Überforderung

Aber warum hat es Vorteile freiwillig zu verzichten? Wir leben in dieser wunderbaren, freien Welt in der wir alles tun können, alles probieren, alles konsumieren können. Warum sollten wir dieses Angebot also nicht nutzen? Weil es uns das Leben einfacher macht.

Dass uns die Vielfalt unserer Konsummöglichkeiten zu schaffen macht, fanden schon die Psycholog*innen Iyengar und Lepper im Jahr 2000 heraus. Die Teilnehmer*innen ihrer Feldstudie fühlten sich überfordert, wenn sie aus 30 verschiedenen Marmeladensorten auswählen sollten. Zufriedener waren sie mit ihrer Entscheidung, wenn sie nur sechs Sorten zur Auswahl hatten.

Im realen Leben können wir uns für rund 18.000 Studiengänge einschreiben und Amazon bietet uns über 150 Millionen Produkte an. Wir können uns mit 7,4 Milliarden Menschen befreunden. Wenn schon 30 Marmeladensorten zu Unzufriedenheit führen – was richtet dann erst diese enorme Auswahlvielfalt mit uns an?

Um uns vor Überforderung zu schützen, brauchen wir Genügsamkeit, das vereinfacht unser Leben. Nicht nur bei unserer Ernährung oder im Kleiderschrank, sondern in allen Lebensbereichen. Bei der Arbeit, der Auswahl unserer Freund*innen und sogar unseren Gedanken. Weniger ist mehr, Qualität vor Quantität, ganz oder gar nicht. Das sind die Leitsätze des Minimalismus. Und sie sind wahr, wie ich für mich herausgefunden habe.

Lassen wir doch einfach mal das Smartphone in der Tasche

Besonders zum Grübeln brachte mich ein Buch über unsere ungesunde Smartphone-Nutzung. Was dieser gedankenlose Konsum mit uns macht, zeigt Alexander Markowetz mit seinem Projekt MenthalIm Schnitt schauen wir alle 18 Minuten auf unser Handy und kleben 2,5 Stunden am Tag am Display.

Wir tun das, weil uns jeder Blick auf den Screen einen Dopamin-Kick gibt. Im kleinen Computer stecken Belohnungsmechanismen, die dazu führen, dass wir noch häufiger zum Handy greifen, und zwar meistens völlig unbewusst. Dadurch zerstören wir Konzentrationsfähigkeit und mindern die eigene Produktivität, was uns auf direktem Weg unzufriedener werden lässt.

Mich hat das erschreckt, also habe ich mir meinen eigenen Handy-Konsum genauer angeschaut. Plötzlich fiel mir auf, wie oft ich völlig automatisch zum Smartphone greife, ohne eine konkrete Absicht dahinter. Egal ob ich TV schaute, mich mit Freund*innen traf oder einen Spaziergang im Wald machte: das Handy musste mit. Ja, während einer Unterhaltung aufs Display linsen ist unhöflich. Aber es ist noch mehr als das: Es kostet wertvolle Aufmerksamkeit, die wir doch viel besser unserem Gegenüber oder uns selbst schenken könnten.

Unsere Freiheit zum Konsum ist ja eine feine Sache, dachte ich mir. Aber vielleicht würde es mir persönlich besser gehen, wenn ich sie nicht so exzessiv ausleben würde.

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Das Buch greift noch eine Theorie auf, die ich bereits aus Psychologie-Vorlesungen kannte: die Flow-Theorie nach Csikszentmihalyi. Der Flow ist ein Zustand des völligen Verschmelzens mit der Tätigkeit. Die Aufmerksamkeit ist geschärft, die Konzentration hoch, das Zeitgefühl verändert sich, die eigenen Fähigkeiten sind im Einklang mit den Anforderungen der Aufgabe. Es ist ein sehr positives Gefühl, das Zufriedenheit schafft.

Blöd nur, dass wir uns diesem großartigen Flow-Gefühl selbst verwehren, wenn wir alle 18 Minuten unser Display entsperren und somit unseren Fokus verschieben. Weil mich die Theorie so sehr begeisterte, fing ich an, mich ganz bewusst in diesen Flow zu bringen. Sobald ich mich also an eine Aufgabe für die Uni setzte, legte ich das Handy beiseite, am besten sogar in einen anderen Raum. Für das Arbeiten am Computer, der mit 9GAG und Facebook unendliche Möglichkeiten der Ablenkung bietet, fand ich zum Beispiel ein hilfreiches Add-on bei Firefox: Das Forest Add-on sperrt solche verführenden Internetseiten. Nach 25 Minuten fokussierter Arbeit belohnt die App mit einem Bild eines ausgewachsenen Baums, der die eigene Gesundheit symbolisiert.

Einfach mal ausprobieren – und mehr fühlen

Mir tut dieser Minimalismus gut. Ich fühle mich wohler, weil ich mich gesünder ernähre. Ich habe keinen Kater mehr, weil ich mein Limit beim Feiern nicht mehr ausreizen muss. Ich bin erfüllter, weil ich mehr Arbeit schaffe, aber auch gleichzeitig mehr freie Zeit genießen kann.

Ja, ich erfülle das Minimalismus-Klischee des spärlich möblierten Zimmers mit wenig Klamotten. Doch das liegt einfach daran, dass ich Shoppen schon vor dem Minimalismus-Trend nicht mochte. Da ich in den vergangenen drei Jahren in fünf verschiedenen Wohnungen gelebt habe, habe ich aus praktischen Gründen regelmäßig ausgemistet. Ich habe also nie die bewusste Entscheidung getroffen zur Minimalistin zu werden. Es ist einfach so passiert.

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Wem wie mir plötzlich auffällt, wie viel Zeug in der Wohnung steht, dass der Kopf voller Gedanken brummt oder die Push-Benachrichtigungen stressen – für die*den kann die Reise zu einem einfacheren Leben beginnen. Egal ob Kleiderschrank ausmisten oder ein Waldspaziergang ohne Smartphone in der Tasche – Hauptsache ein bisschen weniger Konsum und dafür ein bisschen mehr Zufriedenheit.

Minimalismus ist einfach, weil es keine Regeln, keine Verbote, keine Fehler gibt. Man braucht keine teure Mitgliedschaft und kann auch nichts falsch machen. Wir können es einfach ausprobieren. Was haben wir schon zu verlieren, außer Stress? Vielleicht sollten wir uns einfach mal ein bisschen weniger gönnen, um ein bisschen glücklicher zu werden.