Ich will nicht, dass das jetzt normal wird

Der Terrormiliz „Islamischer Staat“ wird mit Argumenten nicht beizukommen sein. Wir können aber die attraktivere Kultur für jene sein, die zu uns kommen, weil sie anders leben wollen.

© Sean Gallup/Getty Images

Menschen legen Kerzen und Blumen vor der französischen Botschaft in Berlin ab. Im Hintergrund das Brandenburger Tor in den französischen Nationalfarben. © Sean Gallup/Getty Images

„Gut, dass es diesmal nicht Berlin war.“ Diesen Satz schrieb ich am Samstag um 00.30 Uhr an eine Freundin. Wir lagen wach und warteten darauf, dass die Geiselnahme im Konzerthaus Bataclan zu Ende ging. Während ich mich fragte, wann es Berlin trifft, starben in Paris noch einmal dutzende Menschen.

Wenn es Paris trifft, dann kann es auch Berlin treffen. Wenn es Lyon trifft, dann ist es beim nächsten Mal vielleicht Köln. In das Restaurant wäre ich mit meinen Eltern auch gegangen. In dem Konzerthaus wären Freunde von mir gewesen. Vor dem Stadion hätte vielleicht gerade mein Lebensgefährte versucht, leicht verspätet noch hineinzukommen. Ich will nicht in einer Welt leben, in der ich Angst haben muss. Ich will nicht, dass Terror jetzt normal wird.

Es gibt andere Beispiele für Terroranschläge. Doch diese sind uns besonders nah. Das liegt an der räumlichen Nähe, an der historischen Verbindung unserer beiden Länder. Es liegt daran, dass die Franzosen uns kulturell so nah sind.

In so einer Welt leben wir jetzt

Es gibt keine Rechtfertigung für Terroranschläge, nicht in unserer Kultur. Doch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat ihr eigenes Wertesystem, ihre eigenen Überzeugungen: Es ist in Ordnung, Menschen zu enthaupten; es gehört dazu, Bomben zu zünden. Es ist Teil der Sache, für die sie kämpfen und so erziehen sie ihre Kinder.

Neu ist das nicht. So bekriegen sich Israel und Palästina seit 1948, so bekriegte die RAF Deutschland im Herbst 1977 und später, so töteten Protestanten und Katholiken einander in Irland, 1969 bis 1998. Krieg aus Hass ist Teil jeder Kultur, so formten sich Völker und Staaten.

Jetzt ist 2015 und eine Terrorgruppe nennt sich „Islamischer Staat“, obwohl sie weder Islam noch Staat ist. Es ist das Jahr 2015 und der Terror trifft uns regelmäßig. Der Angriff auf das World Trade Center im Jahr 2001. Vor zehn Jahren im Juli waren es vier Bombenattentäter in Bus und U-Bahn in London. Vor fünf Jahren waren es zwei Bomben in einer Einkaufsstraße in Stockholm.

Bleibt das jetzt so?

1990 wurde der Mann geboren, dessen Pass man fand. Falls es wirklich der Pass eines der Selbstmordattentäter war, dann war er also 24 oder 25 Jahre alt. Ein Typ wie wir. Nur, dass er sein Leben dafür gab, Franzosen zu töten. Für die Terrorristen macht ihn das zum Helden.

Paris ist zum Ziel geworden, weil Frankreich seit Ende September Luftangriffe auf die Terrorgruppe fliegt. Die Attentäter hatten die Angriffe Augenzeugen zufolge als Motiv angegeben.

„Wir werden jedes Mal zuschlagen, wenn unsere nationale Sicherheit auf dem Spiel steht“, teilte die französische Regierung damals mit. Deshalb Paris und nicht Berlin.

Was macht man nun mit diesem Gedanken?

Ducken? Hoffen, dass die Franzosen das Problem allein in den Griff kriegen? Oh, und auf keinen Fall Syrer ins Land lassen?

Die Menschen die zu uns kommen, sie fliehen vor dem Terror, den Frankreich nun erlebt. Man stelle sich die Situation syrischer Flüchtlinge in Paris vor: Der IS hat ihnen den Horror hinterher getragen, dem sie so verzweifelt hatten entkommen wollen.

Treten wir Syrern nun mit Hass entgegen, dann werden wieder welche kommen, die ihren Hass mit Morden ausleben. Wir werden angegriffen, wir brauchen Freunde. Der Terrormiliz wird mit Argumenten nicht beizukommen sein. Wir können aber die attraktivere Kultur für jene sein, die zu uns kommen, weil sie anders leben wollen.

Werden sich unter den Flüchtlingen Terrorristen verstecken? Vermutlich. Die beste Verteidigung gegen sie ist nicht Hass und Ablehnung. Die beste Verteidigung sind Flüchtlinge, die sich willkommen fühlen und die ein Interesse daran haben, Anschläge zu verhindern.