Im Südsudan verhungern jetzt gerade Millionen Menschen

Das afrikanische Land ist kurz vor einem Massensterben. Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.

Eine Frau kratzt verzweifelt Körner auf dem Boden zusammen. © Gettyimages

Der Südsudan ist der jüngste Staat der Welt. Er ist nicht einmal fünf Jahre alt, doch schon jetzt bahnt sich dort eine der größten menschlichen Katastrophen der Geschichte an. Von den circa zwölf Millionen Einwohner*innen sind 5,8 Millionen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen – und fast eine Million Menschen steht vor dem Hungertod.

Zum ersten Mal seit sechs Jahren riefen die Vereinten Nationen (UN) deshalb eine Hungersnot aus. Man spricht von einer Hungersnot, wenn etwa mindestens 30 Prozent der Kinder einer Region an akuter Unterernährung leiden und täglich mindestens zwei von 10.000 Erwachsenen oder vier von 10.000 Kindern mangels Essen sterben. Diese Zahlen werden im Südsudan gerade weit überschritten.

Die Menschen im Südsudan führen laut verheerenden UN-Berichten einen gnadenlosen Kampf ums Überleben. Wer kann, flüchtet. Wie die Welthungerhilfe berichtet, haben seit 2016 fast drei Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, 1,89 Millionen sind Vertriebene im eigenen Land, 1,5 Millionen sind in Nachbarländer geflohen. Sie suchen Schutz in sichereren Gebieten oder Geflüchtetencamps. Doch die Bedingungen dort sind ebenfalls schlecht. Es fehlt an allem, Trinkwasserleitungen, Nahrung, Hygiene.

Das führt zu schweren Krankheiten wie Cholera in der Nilregion, sie breitet sich aus und erreichte schon Malakal, die zweitgrößte Stadt im Land. Es ist ein Teufelskreis, der täglich Tote fordert. Wer denkt, die Situation dort liege an Missernten oder Dürre, liegt falsch. Das Desaster ist von Menschen gemacht – und nur der Endpunkt einer langen Kette aus fatalen Menschenrechtsverletzungen.

Der Mensch ist im Südsudan nichts wert

Die Hoffnung auf ein friedliches Leben in Südsudan wurde schon Ende 2013 zerstört. Nur zwei Jahre nach der Unabhängigkeit vom Sudan starteten laut UN bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Anhänger*innen des Präsidenten Salva Kiir Mayardit und des ehemaligen Vizepräsidenten. Kiir ist Chef der sogenannten Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung, einer Rebellenbewegung. Ihm wird vorgeworfen, die neue Macht habe ihn korrumpiert. Seit mehr als drei Jahren tobt deshalb ein Bürgerkrieg, bei dem es lediglich um einen Machtkampf führender Politiker*innen geht.

Präsident Salva Kiir Mayardit. © Gettyimages

Die Leidtragenden sind die Menschen und die Infrastruktur des Landes. Immer wieder kommt es zu brutalen Kämpfen und Gewalt. Mehr noch: Im Südsudan herrschen Chaos und Gesetzlosigkeit von unfassbarer Dimension, wie die Tagesschau schreibt. Aktuelle Dokumente der UN schildern Schockierendes. Überlebende beschreiben demnach Massenvergewaltigungen von Frauen, die einfach erschossen wurden, wenn sie sich wehrten.

Regierungstruppen ermordeten Kinder und behinderte Menschen, nur aus dem Verdacht heraus, sie würden die Opposition unterstützen. Opfer würden bei lebendigem Leib verbrannt oder in Containern erstickt, erschossen, an Bäumen aufgehängt oder verstümmelt. Menschen verschwänden, Mädchen würden als Sexsklavinnen gehalten und UN-Personal angegriffen. Der Südsudan gilt neben Somalia und Afghanistan als gefährlichster Ort der Welt für Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen. Mehr als 700 Kinder seien dort vergewaltigt und 617 Kindersoldaten rekrutiert worden. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit höher.

Die UN spricht bei den Menschenrechtsverletzungen von massiven Kriegsverbrechen und von „ethnischen Säuberungen“. Wenn eine Gruppe eine Stadt oder ein Gebiet erobert habe, würden jede Menge Zivilist*innen aufgrund ihrer ethnischen Identität getötet. Und zwar ausnahmslos von allen Konfliktparteien. Der Mensch ist im Südsudan nicht mehr wert als ein Rohstoff, mit dem man Handel treiben kann.

Der Präsident genießt derweil das Leben auf seiner Ranch

Am schlimmsten treibe es die Regierung unter Präsident Kiir selbst. Als wäre die gnadenlose Brutalität nicht schon genug Schelte an den Bürger*innen, sabotiere die Regierung auch noch die Hilfe für die Menschen, die durch diese anarchischen Zustände im Land überhaupt erst hungern müssen. Wie der Standard berichtet, wurde in der Hauptstadt Juba bekannt gegeben, die Gebühren für eine Arbeitserlaubnis ausländischer Hilfskräfte von 100 auf 10.000 US-Dollar (umgerechnet etwa 9.360 Euro) zu erhöhen. Das ist ein hundertfacher Preisanstieg und komme laut Hilfsorganisationen „indirektem Mord an der Bevölkerung“ gleich.

Vor wenigen Tagen habe die Regierung den Abzug aller Hilfsorganisationen aus der Region um Mayendit angeordnet, die sich ebenfalls in dem von der Hungersnot am schlimmsten betroffenen Bundesstaat Unity im Norden des Landes befindet. Die Armee bereite einen Angriff gegen die Rebellen vor, hat es zur Begründung geheißen.

Der Ethnologe und Schriftsteller David Signer schreibt für die NZZ, dass der Südsudan eigentlich fruchtbar und reich an Erdöl sei, aber es der politischen Führung umso besser gehe, je mehr die Bevölkerung leide. Die beiden Oppositionen haben ihr Vermögen seit Ausbruch des Bürgerkrieges jeweils verdoppeln können, durch Korruption, Waffenhandel und das systematische Ausnehmen von Hilfsorganisationen. Der Präsident lebe die meiste Zeit auf einer abgeschiedenen Ranch, seine Familie logiere in einer Stadtvilla, nur ein paar Häuser von Kiirs politischem Feind, dem ehemaligen Vizepräsident, entfernt.

Salopp kann man also sagen: Während der Präsident zwischen Sommerresidenz und Stadtvilla hin und her pendelt, kratzt die Bevölkerung die letzten Körner vom Boden auf. Oder wird misshandelt, vergewaltigt und anschließend getötet. Und anstatt die ausländischen Hilfeleistungen für die Menschen im Land zu unterstützen, bereichert sich die Regierung an ihnen. Es wirkt, als sei das Chaos im Südsudan gewollt – damit ein paar wenige ein nettes Leben führen können.

[Außerdem auf ze.tt: In Myanmar passiert gerade womöglich ein Genozid]

„Die Lage ist schrecklich“, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres im Februar in New York: „Wenn wir jetzt nicht handeln, ist eine Tragödie sicher.“ In anderen Teilen Afrikas ist die Lage ähnlich schlimm: Im Südsudan, Nigeria und Somalia könnten laut Schätzungen des Weltgesundheitsprogramms allein im nächsten halben Jahr rund 20 Millionen Menschen an Hunger sterben. Knapp 1,6 Milliarden US-Dollar sind laut UN nötig, um sie vor dem Hungertod zu bewahren. Doch den Hilfsorganisationen stehen derzeit nur etwa 90 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Zudem führen sie einen Kampf gegen Windmühlen, solange Regierungen wie die im Südsudan nicht am Abschlachten der Menschen gehindert werden. Die Welt stehe laut UN vor der größten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Krieg im Südsudan jedenfalls, und mit ihm die humanitäre Krise, käme laut Ethnologe Signer wohl erst an ein Ende, wenn die internationalen Interventionen die Drahtzieher*innen des Geschehens träfen, darunter auch den Waffenhandel. Das sei jedoch unwahrscheinlich. Erst im Dezember sei ein Vorstoß der UN über ein Waffenembargo für das Land gescheitert, unter anderem weil Russland und China dagegen gestimmt hätten.

Die Menschen werden also vorerst weiterhin hungern und sterben.