Im Team brainstormen ist wie Lebenszeit im Klo runterspülen

Leitet diesen Text an eure Brainstorming-begeisterten Chefs und Chefinnen weiter.

Höchstens aus sozialwissenschaftlicher Perspektive interessant: Brainstormingrunden. © Stocksnap/Brodie Vissers

Es gibt unangenehme Termine (Arbeitsamt), es gibt sehr unangenehme Termine (unangekündigtes Personalgespräch vor Ablauf der Probezeit) und dann gibt es Brainstorming in Gruppen, nebenan im spärlich bestuhlten Meetingraum. Zur Sicherheit verschickt Karsten dazu schon zwei Wochen vorher ein Google-Invite, um auch allen ausreichend Zeit für psychische Vorbereitungen zu gewähren. Stichwort: Wir werden sie brauchen.

An besagtem Tag versammeln sich dann alle, die gerade anwesend sind und nicht doch noch „spontan zu einem Auswärtstermin müssen“ um 14 Uhr in besagtem Meetingraum, um gemeinsam über eine Sache zu sprechen, die schon vor vier Wochen fällig gewesen wäre. Inzwischen hat sich diese kleine Sache, die geändert und über die deshalb am Nachmittag gebrainstormt werden sollte, eigentlich bei den Nutzer*innen etabliert – aber das macht nichts. Das „Problem“ ist vermutlich sowieso niemandem aufgefallen. Und selbst wenn: Zwischendurch ein wenig Verwirrung streuen hat noch keinem Produkt geschadet!

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Da sitzt man dann also ohne Smartphone-Fummelei zu zehnt im Sesselkreis, ausgestattet mit unausstehlichen veganen Schokoriegeln und überlegt, wie genau man diese eine, ziemlich unwichtige Sache ändern könnte. Niemand hat eine Ahnung, keinen interessiert’s. Aus unerklärlichen Gründen gibt es unter den Anwesenden trotzdem immer eine Person, die das Kommando an sich reißt und Ideen kategorischer in gut und böse spaltet als anno dato Joanne K. Rowling. Die Person steht für gewöhnlich am Whiteboard und hält einen schwarzen Edding in der Hand, mit der sie nicht nur auf die zappelnden Mitangestellten deutet (Redner*innenliste für Fortgeschrittene), sondern sich vor allem erfolgreich aus der Gehirnschmalzaffäre zieht.

Er hat Penis gesagt!

Nicht der Reihe nach wird in den nächsten 50 Minuten allerlei Dünnpfiff zum Besten gegeben, der den Besten der Besten unter normalen Umständen nicht unter 2,7 Promille herausgerutscht wäre. Schamgefühl unter Kollegen ist plötzlich kein Ding mehr, flockig reimt sich Pickel auf Nickel, und überhaupt sind wir alle sehr lustig und wieder 14 Jahre alt. Ungefähr in dem Tempo, in dem ansonsten Onlinediskussionen in gegenseitigen Hitlervorwürfen eskalieren, fällt in der Brainstormgruppe das verbotene Wort Penis. Hihi!

Wer jetzt meint, man könne trotz Geschlechts- und Fäkalbegriffen in derlei Gruppen frei(er) denken, der irrt. Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sich Hierarchien, die klar und deutlich machen, wer sprechen darf, ohne zensiert zu werden, wer nur einen einzigen Vorschlag bringen darf, um danach kollektiv ausgebuht zu werden („Echt jetzt, Steffen?“) und was letztlich auf dem Whiteboard stehen bleibt („Mach das wieder weg, Karsten!“).

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Nach 30 Minuten voller postpubertärem Bullshit und dem innerbetrieblichen Machtkampf um den besten Terminus kommt für gewöhnlich eine Person ins Zimmer, die keine Ahnung vom Thema, aber eine durchaus wichtige Entscheidungsposition im Unternehmen hat. Diese schlägt in der Regel einen Tick zu enthusiastisch Begriffe oder Lösungen vor, die vom Team schon in den ersten drei Minuten des Brainstormings zerschmettert wurden. Resignation und Augenroller bestimmen abwechselnd den Gemütszustand aller Beteiligten. Besser wird’s nicht.

Nach einer Stunde darf jeder drei Mal die Hand heben, um für verschiedene Optionen einzutreten. Hier offenbart sich ein weiteres Mal das Level an kollegialer Solidarität, die später zum Streit zwischen Karsten und Helena führen wird. Trotz ihrer argumentativ durchaus sehenswerten Bestrebungen, den einzig richtigen Lösungsweg einzuführen, haben sich zwei Drittel aller Anwesenden ausgerechnet für Option A entschieden, die zu Beginn geändert werden sollte. Helena verlässt den Raum.

Die Angestellten sind, welch Überraschung, zu der Überzeugung gelangt, dass man doch besser alles beim Alten belassen sollte („So schlecht ist es jetzt auch wieder nicht!“), als sich unnötig auf einen höheren Workload und irritierte Nutzer („Das versteht doch keiner!“) einzulassen.

Später holt sich dann jede*r einen Kaffee, setzt sich an den Schreibtisch und versucht, das Ganze zu vergessen. Wie nach einem One-Night-Stand fahren alle mit dem fort, was vorhin liegen geblieben ist.

Chapeau auf die Teamarbeit!