In den Straßen von Harlem sprayen Street-Artists für Gleichberechtigung im Iran

Die Kampagne Education is not a crime setzt sich mit Streetart im New Yorker Stadtteil Harlem für die Rechte der Baha’i ein. Die religiöse Minderheit gilt als Reformbewegung und wird im Iran unterdrückt.

© Bruce Horak

Ricky Lee Gordon hat Wände in Südafrika, auf Hawaii, den Azoren, Italien und Ruanda besprayt. Der 32-Jährige lebt heute in Los Angeles. Er wuchs in Johannesburg, Südafrika, auf, als Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen und zum Präsidenten Südafrikas gewählt wurde. Er wurde  in einer turbulenten Zeit des politischen Wandels erwachsen. Seine Kunst erzählt davon.

Eines seiner neuesten Kunstwerke prangt in Harlem, New York City, an der Hauswand des Faison Firehouse Theaters. Zu sehen ist die untere Kopfhälfte eines Mädchens. Zwei weiße Tauben fliegen dort, wo die obere Hälfte zu vermuten wäre. Die Vögel stehen für Hoffnung, die fehlende Hälfte des Kopfes für Einschränkung. Vier Tage hat er an dem Wandgemälde Gentle Hearts gearbeitet, es ist Teil der internationalen Kampagne Education is not a Crime.

Dieses Wandgemälde heißt „Gentle Hearts“ und bezieht sich dabei auf die jungen Baha’is, denen der Zugang zu Universitäten verwehrt wird. © Kristina Lunz

Bildung ist kein Verbrechen

Zwischen der 119. und 134. Straße New Yorks zieren nun schon seit einiger Zeit neue Graffiti unterschiedlichste Gebäude im nördlichen Teil Manhattans. Sie alle sind Teil von Education is not a Crime. Bilder der Kampagne findet man auch in São Paulo, London, Delhi und Kapstadt. Manche zeigen junge Menschen und Bücher. Auf einem anderen steht Made in Iran; wieder ein anderes erinnert an die Universität in Teheran. Die Kampagne macht auf die Unterdrückung der Baha’i im Iran aufmerksam, Irans größter religiöser Minderheit. Ihnen wird systematisch der Zugang zu Universitäten verwehrt.

Die Unterdrückung der Baha’i im Iran

Die Baha’i entstand vor rund 150 Jahren als islamische Reformbewegung im Iran. Baha’is lehren die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, praktizieren Gewaltlosigkeit und betonen den Wert von Bildung. Circa 300.000 Gläubige leben im Iran, weltweit zwischen fünf und acht Millionen.

Da sie keine Universitäten im Land besuchen dürfen, gründeten sie 1987 ihr eigenes, geheimes Bildungssystem, das Baha’i Institute for Higher Education (BIHE). Die Studiengänge finden überwiegend online statt oder sporadisch in Wohnungen der Gläubigen. Unter größter Gefahr treffen sich Baha’i im Iran heimlich, um zu lernen und Wissen weiterzugeben.

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„Wir hatten keine Zeit uns auszuruhen. Wir mussten lernen, uns Wissen aneignen und unterrichten. Es durfte niemand davon erfahren“, berichtet eine Baha’i die im Iran aufgewachsen ist und nun in New York City lebt. Immer wieder werden Anhänger*innen der Religion wie Studierende und Lehrende verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Diese systematische Unterdrückung inspirierte die Education is not a crime-Kampagne.

Widerstand ist global: vom Iran nach Harlem

Inzwischen zieren diverse Graffiti der Kampagne 19 Wände in Harlem. Doch wieso fokussiert sich die Kampagne auf den New Yorker Stadtteil, der in den 1970ern bis 2000ern einer der gefährlichsten Gegenden der Metropole war? „Weil die Menschen, die hier leben, den Kampf gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit verstehen. Hier brauchen wir nicht viel erklären, die Menschen kennen den Schmerz und das Leid“, erklärt Saalem Vaillancourt, einer der Koordinator*innen der Kampagne.

Die argentinische Künstlerin Zumi malte hier eine Gazelle, deren Augen mit einem roten Balken zensiert wurden. Die Worte „No Truth No Light“ stehen in leuchtendem Weiß unter einem Bild der Tore der Uni in Teheran. © Kristina Lunz

Harlems Vergangenheit ist von Gewalt, Drogen, Rassismus und Protesten geprägt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hofften People of Color in den USA hier auf ein besseres Leben, denn: Die schwarze Bevölkerung war nicht in allen Teilen der Stadt geduldet.

Deshalb wurde Harlem schon bald zu einem der wichtigsten Orte der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Religiöse und politische Wortführer*innen predigten von Straßenecken und Kanzeln zu den Massen. Auf der 138. Straße in der Liberty Hall versammelte der Bürgerrechtler Marcus Garvey in den 1920ern wöchentlich seine Anhänger*innen um sich. Und während der 60er Jahre nutzten einflussreiche Aktivist*innen wie Malcolm X und Adam Clayton Powell Jr. Harlem als Plattform für Boykotte, Protestmärsche und Aufstände. Straßenkunst in diesem Stadtteil erzählt die Geschichte des Kampfes gegen Unterdrückung und Rassismus, der bis heute andauert. Deswegen passt der Kampf für die Gleichberechtigung der Baha’i, obwohl sie so weit weg sind, so gut hierher.