In diesem Camp dürfen Jungs Baseball spielen – geschminkt und im Kleid

Lindsay Morris fotografierte acht Sommer lang Jungen in einem Camp, in dem sie nach Herzenslust Mädchen sein dürfen. Dafür wurde die US-amerikanische Fotografin gerade von UNICEF für ihr Projekt „You Are You“ ausgezeichnet.

Screenshot Instagram: © Monsieur Cramer by Lindsay Morris

Screenshot Instagram: © Monsieur Cramer by Lindsay Morris

Das Camp, das keinen Namen hat, findet jeden Sommer an einem anderen Ort der USA statt. Mal an der Ostküste, mal an der Westküste, mal im mittleren Westen. Das liegt daran, dass die Jungen, alle zwischen sechs und zwölf Jahre alt, aus dem ganzen Land anreisen. Es sind Kinder, die sich in ihrem Körper unwohl fühlen. Die sich über ihr Geschlecht noch nicht so sicher sind – Jungs vielleicht, die gern Baseball spielen und dann abends für das Lagerfeuer ein Kleid anziehen möchten.

In dem Camp können sie vier Tage verbringen, in denen sie sich geben können, wie sie möchten. Ohne Angst, etwas falsch zu machen oder ihre sozialen Rollen nicht zu erfüllen. Eltern jeglicher Religion, Bildungs- und Einkommensschicht bringen ihre Kinder ins Camp: Arme und Reiche, Republikaner und Demokraten, Christen und Mormonen.

Der Höhepunkt des Camps ist eine Fashion Show in der letzten Nacht, in der Kinder jeden Geschlechts ihre schönsten Klamotten vorführen. Es gibt einen roten Teppich, Make Up und Styling. So holen sich die Kids die Anerkennung ihrer Freunde und Familie. Das macht stark für das folgende Jahr voller Anpassungen und Anfeindungen.

You Are You

„You Are You“ – treffender kann man das Fotoprojekt nicht betiteln. Während des Camps sprechen die Eltern nicht mit ihren Kindern über ihre Geschlechtsidentität, sie können einfach nur sie selbst sein. Eltern, die ihre Kinder ins Camp schicken wollen, müssen vorher durch ein Interviewverfahren. Auf die Kinder soll kein Druck ausgeübt werden.

First copies of You Are You in the house! Scheduled to hit stores in April #youareyouproject #Kehrer

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Morris sagt, dass viele Eltern, die ins Camp kommen, verzweifelt sind: „Sie fühlen sich sehr alleingelassen. Wenn sie andere Mütter und Väter treffen, deren Kinder sich nicht auf ein Geschlecht festlegen wollen, dann ist das meist sehr bewegend für sie. Sie fragten sich, warum ihr Sohn gerne Mädchenkleidung trage und müssten sich im Alltag mit Mobbing und Geschlechtsumwandlungen auseinandersetzen. Im Camp merken sie, dass sie nicht allein da stehen, dass es auch andere gibt. Und das gibt ihnen Kraft.“

Der Diskurs steht erst am Anfang

Bruce Jenner wird Caitlyn, Transgender-Models gewinnen Popularität, Laverne Cox ist Transsexuelle – und Schauspielerin in der Serie Orange Is The New Black. Die Medien haben das Thema Trans für sich entdeckt. Trotzdem: Der Diskurs ist erst am Anfang.

Das sieht man schon daran, wie schnell in dem Zusammenhang neue Worte und damit verbundene Konzepte entstehen. Was bedeutet gender-fluid genau? Morris sagt, viele Kinder in dem Camp bezeichnen sich selbst als Jungs. Manche werden wohl schwul sein, manche werden trans sein. Manche werden irgendwo dazwischen sein. Gender-fluid sind Kinder, die nicht in das reinpassen, was ihnen die Gesellschaft vorschreibt, zu sein.

Good to be back with the You Are You gang. #youareyouproject

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Nennen wir es gender-kreativ, gender-unabhängig, geschlechtsvariant. Wir beginnen gerade erst, ein Vokabular anzulegen für das, was die Kinder in diesem Camp fühlen.

Das Wichtigste: Unterstützung

Morris hofft, dass ihre Bilder zeigen, wie Unterstützung für geschlechtsvariante Kinder aussehen kann und wie „wunderschön, befreiend und fundamental es ist, man selbst sein zu können.“ In Deutschland kümmert sich zum Beispiel der Verein Trakine um Trans-Kinder.