In diesem Wiener Wohnprojekt werden 74 Menschen zu einer großen, queeren Familie

Wien hat jetzt einen Que[e]rbau. Ende Juni ziehen Menschen verschiedenster sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten unter ein Dach.

Der Que[e]rbau in seiner ganzen Pracht. © Rhonda D'Vine

Raus aus der Altstadt, rein in die Zukunft – nach nur 30 Minuten offenbart sich in Wiens östlich gelegenem 22. Bezirk eine Idylle aus Grünflächen, futuristischen Gebäuden, einem künstlich angelegten See und wenig Verkehr.

Die Seestadt Aspern gilt derzeit als eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Mehr als 20.000 Menschen sollen hier in den kommenden Jahren leben und arbeiten. Dafür entstehen im Monatstakt neue Häuser über Baugruppenprojekte, deren Ziel es ist, die Wohnverhältnisse an den sich wandelnden Bedürfnissen der Bewohner*innen auszurichten.

Gerade erst wurde das neueste Projekt fertiggestellt: der Que[e]rbau. „Es ist nicht umsonst, dass der Que[e]rbau in Wien realisiert wurde. Es wird hier nicht als ein provokantes Projekt gesehen, man hört eher ‚Wie schön, wie toll, dass ihr das macht’“, sagt der 55-jährige Gorji Marzban. Er ist einer von 55 Erwachsenen und 19 Kindern, die Ende Juni in das Haus ziehen werden. Alle verbindet die Nähe zur LGBTIQ-Community.

Die Wiener Toleranz

Als Kulturhauptstadt habe Wien schon viel Provokantes gesehen. Deshalb würde sich hier auch niemand über den Que[e]rbau aufregen oder einen Aufstand machen. Für Gorji ist diese Toleranz speziell, kommt er selbst ursprünglich doch aus Teheran, der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran. Nach seinem Studium der Fotografie und Theaterwissenschaft hatte er das Land 1984 legal verlassen, da die Gesellschaft seine Art von Individualität – wie er es nennt – nicht anerkannte.

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Gorji ist intersexuell, also mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren. Er wollte eigentlich in die USA weiterreisen, doch dann verlor er sein Herz an Wien und blieb. Seitdem ist Gorji Dozent an einer Wiener Universität und engagiert sich in zahlreichen Vereinen, um Menschen zu unterstützen, die aufgrund ihrer Sexualität und Identität flüchten mussten. Im Que[e]rbau sind daher auch zwei Wohnungen speziell für LGBTIQ-Geflüchtete vorgesehen. An den Kosten beteiligt sich die Diakonie.

In Deutschland gibt es bereits queere Hausprojekte wie die Villa Anders in Köln oder den Lebensort Vielfalt in Berlin. In beiden Fällen wurde allerdings nicht extra ein Gebäude gebaut. Das macht den Wiener Que[e]rbau besonders.

Bezahlbarer Wohnraum

Weil Diversität der Leitgedanke des Que[e]rbau-Vereins ist, sollen sich auch einkommensschwache Menschen eine Wohnung unter dem Regenbogen leisten können. Die Finanzierung richtet sich nach dem Prinzip von Genossenschaften: Alle Bewohner*innen sind am Planungsprozess ihrer eigenen Wohnung von Anfang an beteiligt und tragen einen Anteil der Baukosten mit. Dafür ist ein größerer Batzen Geld nötig, der jedoch durch langfristig reduzierte Mieten abgefedert wird, erklärt Rhonda.

Genau so ein Projekt hatte sich die 44-jährige Informatikerin nach der Trennung von ihrer Partnerin gewünscht: „Das ging bei uns so weit, dass wir einen Architekten im Projekt dabeihatten, der alle Wohnungen ganz individuell an die Wünsche und Bedürfnisse der Personen, von der Raumgröße bis zur -anordnung angepasst hat“.

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Rhonda beschreibt ihre Identität als trans-feminin und fühlt sich abseits binärer Geschlechtervorstellungen am wohlsten. Aus der gemeinsamen Partnerschaft bringt sie ein Kind mit, vor dem sich Rhonda vor gut einem Jahr als Trans* geoutet hat. Ihr Kind findet das vollkommen in Ordnung und wird regelmäßig im Haus wohnen, sagt sie. Deshalb sollte es unbedingt eine Drei-Zimmer-Wohnung werden.

Dass Kinder in einem LGBTIQ-Umfeld aufwachsen, fernab von konservativen Erziehungsmodellen, sei heutzutage noch nicht selbstverständlich: „Wenn man sich kreuz und quer die Wahlen und Wahlergebnisse anschaut, fällt auf, wie sehr rechtes Gedankengut wieder salonfähig geworden ist und wie sehr darauf gedrängt wird, LGBTIQ-Themen nicht nach außen zu tragen. Daher ist es ganz wichtig und essenziell, dass wir uns sichtbar machen“.

Das Private ist politisch

Für die Sichtbarkeit von LGBTIQ-Menschen tritt auch die 24-jährige Jutta ein. Gemeinsam mit ihrer Freundin Bettina (35) erhält sie am 21. Juni die Schlüssel zu ihrer neuen Wohnung. Auf diesen Tag freut sich das lesbische Paar seit ihrem Vereinsbeitritt vor einem Jahr. Es ist ihre erste gemeinsame Wohnung und sozusagen Juttas Schritt zum Erwachsenwerden nach langjährigen WG-Erfahrungen. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf in Niederösterreich.

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Als die Philosophiestudentin ihren Eltern davon erzählte, in ein Haus voller LGBTIQ-Menschen ziehen zu wollen, entgegneten diese zunächst skeptisch, warum man sich zusammenrotten würde. Es bestehe eben immer noch Erklärungsbedarf, fügt Jutta hinzu: „Mich erinnert der Que[e]rbau immer an den Spruch aus der zweiten Frauenbewegung: ‚Das Private ist politisch‘. Besonders, wenn wir Gemeinschaftsessen machen, wo auch Nachbar*innen von anderen Häusern kommen können, ist das schon Aufklärungsarbeit.“

Neben den Gemeinschaftsessen wird es im Erdgeschoss ein Vereinslokal geben, das für diverse Veranstaltungen geöffnet sein soll. Dafür erarbeitet eine Gruppe der Bewohner*innen bereits seit mehreren Monaten ein Konzept. Andere Arbeitsgruppen kümmern sich beispielsweise um den hauseigenen Garten oder um die Geflüchteten.

Mehr als nur Nachbar*innen

Dieses aktive Miteinander erinnert Jutta an ihre Vergangenheit auf dem Dorf, wo es auch eine aktive Nachbarschaft gab: „Meine Eltern haben sehr oft mit den Nachbar*innen zusammengesessen. Aber auf dem Land ist der Lebensentwurf strikter – man heiratet, baut ein Haus, weil man Kinder hat und hat dann zwangsläufig Nachbar*innen. Im Que[e]rbau hat man sich bewusst für diese Gemeinschaft entschieden“.

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Die zukünftigen Nachbar*innen im Que[e]rbau kennen sich bereits durch die monatlich stattfindenden Treffen. Getreu dem Motto des Vereins „Jede_r für sich und manches zusammen“ möchten sie nicht nur nebeneinanderher wohnen, sondern zusammenleben bei gleichzeitiger Möglichkeit sich in der eigenen Wohnung zurückzuziehen.

Jutta glaubt fest an die Zukunft des Projektes, verweist aber auch auf dessen Ausnahmecharakter: Viele Menschen wollen gar nicht gemeinschaftlich leben. Intersex*-Aktivist Gorji hat ebenfalls Respekt vor der Gemeinschaft, da alle Charaktere so individuell und unterschiedlich seien, dass auf viele Bedürfnisse geachtet werden müsse: „Wir wissen alle noch nicht, was kommen wird, aber wir haben schon begonnen uns zu lieben. Das ist ein anderer Zugang, als wenn man in einem Haus lebt und nur Nachbar*innen hat. Das sind mehr als meine Nachbar*innen.“ Die ersten zwei Babys seien sogar schon unterwegs, fügt er vorfreudig hinzu.


Eine LGBTIQ-Wohnung ist derzeit übrigens noch frei. Wie du Mitglied werden kannst, erfährst du hier.