In dieser Ausstellung könnt ihr selbst Möbel bauen

Keine Lust mehr auf Einheitsmöbel von Ikea? In der „Do it yourself-Design“-Ausstellung im Bröhan-Museum in Berlin kannst du dir Möbel selbst bauen. Ein Interview mit dem Kurator.

In unserem Video zeigen wir euch die mobile Werkstatt der Ausstellung „Do it yourself-Design“. Jeden zweiten Sonntag könnt ihr dort unter Anleitung des Designers Johannes Kunz selbst Möbel bauen. Wir haben einen „Maker Sunday“ besucht und den Teilnehmer*innen beim Sägen und Hämmern zugeschaut. Im Interview sprechen wir mit dem Kuratoren der Ausstellung über den Ursprung der Do it yourself-Bewegung.

Do it yourself (DIY) klingt nach urbanem Hipstertum und dem aktuellen Trend zum Minimalismus. Dabei existiert diese Bewegung bereits seit dem 19. Jahrhundert. Gerade lebt sie wieder auf – warum? Darüber haben wir mit Tobias Hoffmann, Direktor des Bröhan-Museums und Kurator der Ausstellung „Do it yourself-Design“, gesprochen. 

ze.tt: Man denkt immer, der DIY-Trend sei neu, weil wir alle so entfremdet von den Dingen sind. Dabei ist das gar nicht so.
Hofmann: Das ist tatsächlich eine Entwicklung, die sich über das ganze 20. Jahrhundert verfolgen lässt und erstaunlicherweise sehr früh, nämlich um 1900 entstanden ist. Eigentlich war es – wie die ganze Reformbewegung, zu der auch der Jugendstil gehört – eine Auseinandersetzung mit der beginnenden Industrialisierung in Europa.

Armlehnstuhl von R. Riemerschmid, 1905. © Bröhan Musuem
Armlehnstuhl von R. Riemerschmid, 1905. © Bröhan-Museum

Wo liegt der Ursprung der Bewegung?
Es begann in England, dort war die Industrialisierung am frühesten und stärksten spürbar. Da gründete sich eine Gruppe, die sich „Arts and Craft“ nannte. Sie sagten: Wir wollen nicht mit der Industrie zusammen arbeiten. Aus der industriellen Produktion kamen letztendlich handwerklich schlechte Waren, die dann mit historistischen (neo-gotischen) Ornamenten verziert worden sind. 

Die neue Bewegung setzte eine ganz reduzierte Ästhetik entgegen. Man konnte die handwerkliche Verarbeitung sehen. Jede Schraube, da war nichts kaschiert. Es wurde deutlich gezeigt, wo das eine Brett an das andere geschraubt wurde. Diese Schlichtheit muss in der Zeit wirklich ein Schock für die Menschen gewesen sein.

Tischlampe von mischer’traxler, 2011. © Katrin Wißkirchen
Tischlampe von mischer’traxler, 2011. © Katrin Wißkirchen

Was sollte diese Bauweise bezwecken?
Es war eine Form, das Raue als eigene Ästhetik zu zelebrieren. Aus dieser Ästhetik heraus entwickelte sich die DIY-Bewegung, die aus der industriellen Produktion aussteigen wollte. Vor allem sollte es auch eine Art der Selbstermächtigung sein.

Der Mensch sollte nicht mehr fremdbestimmt sein, sondern befähigt werden, die Dinge, die er zum Leben braucht, selbst zu produzieren.

Warum ist die Bewegung gerade wieder beliebt?
Zum einem ist sie ein Life-Style-Phänomen und Ausdruck von Individualität: Etwas, das ich mir selbst baue, kann man nirgendwo kaufen. Es ist außergewöhnlicher als ein Stuhl, den ich überall haben kann.

Was heute aber viel wichtiger ist: Es gibt eine allgemeine politische und gesellschaftliche Bewegung, die gegenüber allen Institutionen skeptisch ist. Genau das, was man jetzt vom Brexit bis zu Trump erlebt. Die Ablehnung der Eliten ist ähnlich der Ablehnung der industriellen Fertigung.

DIY ist der Versuch, aus der Globalisierung auszusteigen und die Dinge wieder selbst zu machen. Das fängt bei Lebensmitteln an und geht über zu den ganzen vielen Brauereien, die jetzt hier entstehen, und das setzt sich eben auch bei den Möbeln fort.

[Außerdem auf ze.tt: Zurück zum Herd!]

Wird Möbel selbst bauen so zum politischen Akt?
Ja. Möbel sind vielleicht die kleinste Einheit, mit der sich Menschen von der Globalisierung unabhängig machen können. Früher, als man noch den Schreiner kannte, der die Möbel gebaut hat oder wenn man vielleicht bei einem persönlichen Möbelgeschäft einkaufte, hatte man eine viel engere Beziehung zu den Stücken. Da kannte man den Herstellungsprozess oder den Weg, den diese Dinge nahmen.

Heute ist es nicht mehr transparent, woher die Möbel oder die Materialien kommen – und manche versuchen aus dem System auszusteigen.

Ein Stuhl gebaut von Geflüchteten in Berlin, aus Holz des Lampedusa-Schiffswracks © Foto: Verena Brüning
Ein Stuhl gebaut von Geflüchteten in Berlin, aus Holz des Lampedusa-Schiffswracks © Foto: Verena Brüning

Ein Gefühl der Selbstermächtigung will uns Ikea verkaufen. Dabei weiß man nie genau, woher das Billy-Regal kommt – auch wenn man es selbst zusammen geschraubt hat.
Ikea widerspricht dem eigentlichen DIY-Gedanken. Wobei das eine Kernfrage ist: Was ist eigentlich DIY? Ist DIY, wenn ich mir wirklich etwas selber ausdenke und dann selber baue? Oder geht das auch, wenn ich mir von jemand anderen die Idee liefern lasse und ihn nur noch selbst zusammenbaue?

Das ist das faszinierende an DIY, womit aber auch viele Theoretiker ihre Probleme haben: Sobald eine gute Idee auf dem Markt ist, versucht sich der vom Kapitalismus geprägte Markt sofort diese Idee anzueignen und daraus ein Geschäftsmodell zu machen.

Und so ist es auch bei Ikea. Zum einen soll der Benutzer enger an das Objekt gebunden werden, indem er es selbst zusammenbauen kann; zum anderen spart es natürlich Kosten bei der Lagerung, wenn ich die Dinge zerlegt verkaufe.

Ist es nicht generell etwas für Privilegierte, die Zeit oder die finanziellen Ressourcen haben, um sich gute Materialen zu kaufen?
Klar. Ein interessanter Aspekt lässt sich hierbei durch das ganze 20. Jahrhundert bei der DIY-Bewegung beobachten: Viele der Entwürfe waren ursprünglich für den kleinen Geldbeutel gedacht. Aber diese Menschen wollten diese puristische Ästhetik nicht.

Menschen, die in ärmlichen Verhältnissen leben, wollen oft keine ärmlichen Möbel. Sie möchten lieber Plüsch, um sich mit den Möbeln zu präsentieren. Im Sinne: So schlecht geht’s mir gar nicht.

Pappsessel "Otto" von Peter Raacke, 1968. © Pulpo Gmbh
Pappsessel „Otto“ von Peter Raacke, 1968. © Pulpo Gmbh

Selbst wenn ich selbst ein Möbelstück bauen wollen würde: Ich habe kaum Werkzeuge und kenne niemanden, der eine Werkstatt hat. Ich kenne viele, denen es genauso geht.
Genau deswegen haben wir diesen Workshop ins Leben gerufen. Johannes Kunz, der die Werkstatt in der Ausstellung leitet, ist kein Handwerker. Er ist diplomierter Designer, der sagt: Ich möchte kreativ tätig sein, aber vor allem sozial kreativ. Er bietet das technische und gestalterische Know-How.

Abgesehen davon gibt es Fab-Labs, die überall entstehen. Da stehen Werkstätten zur Verfügung, wo man sich einmieten kann. Man könnte an gute Maschinen rankommen, wenn man es will. Wenn man es noch nie gemacht hat, gibt es meist eine Hemmschwelle – da ist es gut, einen Experten an der Seite zu haben.

Wie nehmen die Leute ihre Werkstatt auf?
Etwa zwei Drittel kommen extra wegen des Workshops. Ein Drittel lässt sich spontan motivieren. Es ist natürlich auch eine völlig ungewohnte Situation, in der Ausstellung eines Museums plötzlich auf eine Werkstatt zu treffen.

Es gibt sogar ganz wenige, die sich über den Krach beschwert haben. Aber die meisten sind wirklich verblüfft, lassen sich gern reinziehen und bauen mit.


Die Ausstellung „Do it yourself-Design“ läuft noch bis zum 29.01.2017. Begleitend dazu findet vierzehntägig der Workshop „Maker Sunday“ (27.11.201611.12.201608.01.201722.01.2017) statt, bei dem Interessierte Möbel bauen können. Der Eintritt kostet 8 Euro, die Werkstatt ist im Preis inbegriffen. Holz und Werkzeuge sind vorhanden. Eigene Ideen sind willkommen, aber nicht zwingend.