In Tschetschenien lässt die Regierung gerade hunderte Homosexuelle verschwinden

Mutmaßliche Homosexuelle werden in Tschetschenien derzeit gezielt festgenommen und getötet. Die Regierung leugnet nicht nur das, sondern sogar deren Existenz.

LGBTQ

Russische Polizisten verhaften einen Aktivisten bei einer nicht autorisierten Demo für LGBT-Rechte in Moskau. © Dmitry Serebryakov/AFP/Getty Images

Tschetschenien ist eine autonome Republik in Russland, islamisch geprägt und liegt im Nordkaukasus. Laut der russischen Onlinezeitung Nowaya Gaseta finden dort gerade landesweite Massenverhaftungen von tschetschenischen, vermeintlich schwulen Männern statt. Die Medien vor Ort berichten von Panik in der LGBT-Community. Die Regierung dementiert unterdessen, dass es im Land überhaupt homosexuelle Menschen gebe.

Mehr als hundert Männer sollen im „Zusammenhang mit ihrer nichttraditionellen sexuellen Orientierung – oder deren Verdacht“ verhaftet worden sein, heißt in der Nowaya Gaseta, die von einer „vorsorglichen Säuberungsaktion“ schreibt. Darunter befinden sich auch Prominente und Personen des öffentlichen Lebens – bekannte Fernsehmoderatoren und religiöse Würdenträger – sowie Personen unter 18. Mindestens drei der verschleppten Männer seien gestorben. Die regierungskritische Onlinezeitung bezieht sich dabei auf Quellen im tschetschenischen Außenministerium, der Regierung, der örtlichen Geheimdienste, der Staatsanwaltschaft und LGBT-Aktivist*innen.

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Offiziell weiß die Regierung um den tschetschenischen Republikführer Ramsan Kadyrow von nichts. Regierungssprecher Alwi Karimow nennt den entsprechenden Zeitungsbericht eine Lüge und Desinformation. Denn Homosexuelle würde es überhaupt gar nicht geben: „Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt“, sagt Karimow. Und fügt hinzu: „Würden solche Leute in Tschetschenien existieren, müssten die Sicherheitsbehörden sich gar nicht um sie kümmern, da ihre Verwandten sie selbst an einen Ort schicken würden, von dem sie nicht zurückkehren.“ Wo die festgenommenen Personen derzeit sind, ist allerdings unklar.

In diesen Tagen haben sie ihn völlig zusammengeschlagen hergebracht, er war nur noch ein Sack Knochen. – Posting in einem russischen sozialen Netzwerk

Einige der Festgenommenen wurden bisher aufgrund eines Beweismangels wieder freigelassen. In einem Land, das stark von Traditionen geprägt ist, wo immer noch Ehrenmorde geschehen und ein großer Teil der Gesellschaft durch Familienbanden organisiert ist, dürften Freigelassene allerdings kaum Schutz erwarten. Auch ob jemand diese Menschenrechtsverletzungen anzeigen wird, ist fraglich. Viele Menschen seien bereits aus dem Land geflüchtet. Mit Ramsan Kadyrow an der Staatsspitze ist das Land absolut loyal gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, schreibt die Süddeutsche Zeitung. In Russland steht Homosexualität zwar nicht unter Strafe, eine positive Haltung gegenüber sexuellen Minderheiten, wenn Minderjährige in der Nähe sind, allerdings schon. Die LGBT-Community ist nur eine von vielen verfolgten Minderheit in dieser Region.

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Zahlreiche Menschen würden laut Nowaya Gaseta nun aus Angst alle Beiträge aus den sozialen Netzwerken löschen, die auch nur annähernd etwas über sexuelle Orientierung preisgeben würden. In dem Zeitungsbericht wird auch ein Posting aus dem russischen sozialen Netzwerk Vkontakte zitiert: „Sie haben nicht nur junge Leute getötet, sondern auch erwachsene Männer bis zu 50 Jahren. […] Der Jüngste ist 16 Jahre alt. Er kommt aus unserem Dorf. In diesen Tagen haben sie ihn völlig zusammengeschlagen hergebracht, er war nur noch ein Sack Knochen. Sie haben ihn vor die Tür geworfen und gesagt, man möge ihn töten.“

Die Sicherheitskräfte sollen dieses soziale Netzwerk auch genutzt haben, um Homosexuelle gezielt ausfindig zu machen. Angeblich hätten sie sich in geschlossenen Chatgruppen für LGBT-Mitglieder als jemand ausgegeben, der auf der Suche nach einem Date sei. Laut der New York Times würden Aktivist*innen bereits eine Klage vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg vorbereiten.

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