Indien und Pakistan führen den absurdesten Krieg der Welt – um einen Gletscher

Im Kampf um einen unbewohnbaren Gletscher im Norden Kaschmirs sterben jedes Jahr Dutzende indische und pakistanische Soldaten. Am tödlichsten sind nicht die Angriffe der Gegenseite – sondern die Natur.

© EPA/Rajat Gupta

Kerzen zum Gedenken an indische Soldaten, die von einer Lawine am Siachengletscher getötet wurden. © EPA/Rajat Gupta

Die Männer, die in den Schneemassen des Siachengletschers starben, gelten als Indiens neue Helden. Ihre Leichen erreichen am Montag die Hauptstadt Neu-Delhi für offizielle Trauerfeiern. Die Zeitungen bezeichnen die Soldaten, die Anfang des Monats von einer Lawine verschüttet wurden und erst nach mehreren Tagen geborgen werden konnten, als Märtyrer. Doch lässt man die pathetische Sprache weg, dann sind sie vor allem eines: Opfer eines beinahe vergessenen Militärkonfliktes, der zu den merkwürdigsten Auseinandersetzungen der Welt gehört.

Im Zentrum des Streits, dessen Wurzeln im Kaschmir-Konflikt liegen, steht ein Berg, um den es sich eigentlich kaum zu kämpfen lohnt: Kein Grashalm wächst auf dem Siachengletscher im Norden Kaschmirs. Für Menschen ist das Gebiet mehr als 6000 Meter über dem Meeresspiegel, in dem die Temperaturen auf unter minus 50 Grad fallen können, so gut wie unbewohnbar. Dennoch harren dort das ganze Jahr über Tausende Menschen in der Kälte aus. Es sind Soldaten aus Indien und Pakistan. Beide Länder beanspruchen den Gletscher für sich und zahlen für ihren Konflikt einen hohen Preis: Hunderte verloren am Siachen ihr Leben, weil sich die Staaten nicht auf eine von beiden Seiten akzeptierte Grenze einigen können.

Indiens Premierminister Narendra Modi besucht die Soldaten am Siachengletscher. Foto: Indische Regierung, CC BY-SA 2.0
Indiens Premierminister Narendra Modi besucht die Soldaten am Siachengletscher. Foto: Indische Regierung, CC BY-SA 2.0

Ende vergangenen Jahres legte das indische Verteidigungsministerium dem Parlament eine verheerende Bilanz vor: Mehr als 860 Tote gab es seit dem Beginn des Armeeeinsatzes vor drei Jahrzehnten zu beklagen – pro Jahr mehr als zwei Dutzend. Sie starben nicht nur durch Pakistans Waffen, sondern vor allem als Folge von Lawinen und extremer Wetterverhältnisse. Der größte Feind am Siachengletscher ist nicht die Armee des Nachbarn, sondern die Natur.

Auch nach der jüngsten Tragödie am Siachen, bei der zehn Mitglieder des Madras-Regiments der indischen Armee ums Leben kamen, scheint sich an der tödlichen Konfrontation im Eis nichts zu ändern. Verteidigungsminister Manohar Parrikar schloss einen Abzug der Truppen aus. „Basis dieser Entscheidung ist die Sicherheit der Nation“, sagte er. Der Verlust von Menschenleben sei zwar verstörend, ein Rückzug aber nicht die richtige Schlussfolgerung.

Versuche zwischen Indien und Pakistan, eine demilitarisierte Zone auf dem Gletscher zu errichten, schlugen in der Vergangenheit immer wieder fehl. Auch die Forderung des früheren Premierminister Manmohan Singh, den Siachen in einen „Berg des Friedens“ zu verwandeln, führte zu keiner Entspannung. Dabei bekommen beide Seiten regelmäßig vorgeführt, dass es in der Auseinandersetzung nur Verlierer gibt. Der bisher tragischste Vorfall traf Pakistan im Jahr 2012. 140 Menschen starben unter einer Lawine.

Indische Verfechter des Saichen-Einsatzes, der den Staat mehr als 300 Millionen Dollar im Jahr kostet, rechtfertigen die Militäraktion mit der angeblich hohen strategischen Bedeutung des Gebiets, das nicht nur in Pakistans sondern auch Chinas unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Doch diese Sicht ist nicht unumstritten: „Die strategische Bedeutung des Siachen, über die immer gesprochen wird, ist eine reine Erfindung“, sagte der indische Offizier M.L. Chibber, der die Gletscherbesetzung im Jahr 1984 mitplante, bereits vor zehn Jahren.

Das Wunder dauert nur wenige Tage

Der Tod der zehn Soldaten entfacht die Debatte um die Gletschertruppen erneut: „Es ist weder eine Heldentat, noch bringt es Ruhm, an Unterkühlung zu sterben, während man ein paar Kilometer Eis mit zweifelhafter strategischer Bedeutung bewacht“, urteilt Happymon Jacob, der an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu Delhi zum Thema Abrüstung lehrt. „Es ist nicht rational, weiterhin Soldaten zu stationieren, nur um sie Jahr für Jahr zu verlieren.“

Zu den Leidtragenden gehören auch die Angehörigen der Soldaten. Die Familie von Hanamanthappa Koppad machte ihre Emotionen öffentlich. Der 33 Jahre alte Koppad überlebte sechs Tage unter der Lawine. Das Wunder seiner Rettung machte in der vergangenen Woche weltweit Schlagzeilen. Wenig später starb er im Krankenhaus. „Wir konnten es nicht glauben, als wir das in den Fernsehnachrichten hörten“, sagte sein Bruder. „Der Schmerz ist für uns unerträglich.“


Der Text stammt von 8MRD.COM – einem Blog von freien Auslandskorrespondenten.

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