Indische Mutter kämpft dafür, dass ihre zehnjährige Tochter abtreiben darf

Nachdem ihre Tochter vom Stiefvater vergewaltigt und geschwängert wurde, zog die Mutter vors Gericht und bekam recht. Das Mädchen darf nun abtreiben – obwohl das indische Gesetz es untersagt.

Aktivistinnen protestieren in Bangalore, Indien gegen Belästigungen und sexuelle Gewalt an Frauen. © Manjunath Kiran/AFP/Getty Images

Am Dienstag entschied das indische Gericht im Falle eines zehnjährigen Mädchens, das von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde. Der Entschluss fiel für die Klägerin, obwohl es das Gesetz nicht vorsieht: Indien verbietet Abtreibungen nach der 20. Schwangerschaftswoche. Das Mädchen darf jetzt doch abtreiben, obwohl sie bereits darüber hinaus ist.

Letzte Woche zog die Mutter des Mädchens offiziell vor Gericht, um für das Abtreibungsrecht ihrer Tochter zu kämpfen. Dazu riet ihr eine Telefonseelsorge, an die sie sich gewendet hatte. Ihr Mann hatte das Kind regelmäßig vergewaltigt, während die Mutter arbeitete.

Entscheidung war grenzwertig

Die Stellungnahme eines Expertenrates von Medizinern im nordindischen Bundesstaat Haryana nahm wesentlichen Einfluss auf den Gerichtsbeschluss. Der medizinische Rat stellte fest, dass die Schwangerschaft des Mädchens knapp an der 21-Wochen-Grenze war und dass die Abtreibung keine Gefahr für die Mutter darstellen würde. Aufgrund dessen entschied das Gericht, den Fall in die Kategorie der besonderen Umstände zu ordnen, welches eine Abtreibung erlaubt.

Das restriktive Abtreibungsgesetz soll offiziell das populäre Töten von weiblichen Föten mindern. In Indien wird männlicher Nachwuchs bevorzugt, weil Frauen strukturell benachteiligt sind und arme Familien aufgrund der Mitgift-Tradition in den Ruin treiben.

Abtreibung in die Wege geleitet

Ashok Chauhan, einer der Doktoren aus dem Expertenrat, sagte am Montag dem Nachrichtensender BBC: „Die Technologie ist noch nicht so weit entwickelt, dass die exakte Schwangerschaftswoche ermittelt werden kann.“ Es könnte die 19., aber auch die 21. Woche sein. Die Entscheidung sei daher grenzwertig gewesen.

„Würde die Schwangerschaft noch länger andauern, droht dem Mädchen ein psychisches Trauma,“ erklärte Doktor Dhattarwal, Leiter der Forensischen Medizinabteilung am Post Graduate Institute of Medical Sciences in Rohtak, am Dienstag der New York Times. Im Interesse des Mädchens soll der Eingriff so schnell wie möglich vollzogen werden. „Deshalb haben wir bereits heute die Abtreibung in die Wege geleitet.“

Sexueller Missbrauch an Kindern

Nach einer Studie des indischen Ministeriums für Frauen und Kinder aus dem Jahre 2007 erfahren mindestens 42 Prozent der Kinder in Indien sexuelle Gewalt. Obwohl sexueller Missbrauch von Kindern in Indien so weit verbreitet ist, bleibt das Thema tabuisiert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Teil des Problems liegt in den konservativen Familienstrukturen, in denen ein öffentlicher Umgang mit Sexualität nicht gängig ist.