Hilft gegen Flugangst und Langeweile: Renaissance-Portraits auf der Flugzeugtoilette nachstellen

Sie bringt die großen Maler der Neuzeit auf die Flugzeugtoilette: Mit ihrem Kunstprojekt bekämpft Irene Fernández Ramos (30) ihre Flugangst. © Heterotopia in the Lavatory

Sie bringt die großen Maler der Neuzeit auf die Flugzeugtoilette: Mit ihrem Kunstprojekt bekämpft Irene Fernández Ramos (30) ihre Flugangst. © Heterotopia in the Lavatory

Manchmal steht Irene Fernández Ramos mit Ohrwärmern und Trockentüchern um den Hals auf der Flugzeugtoilette, und macht ein Selfie. Warum? Hat sie uns erklärt.

Wer auf Irenes Facebook-Seite “Heterotopia in the Lavatory” klickt, denkt als erstes: “Oh nein, ich bin wieder im komischen Teil des Internets gelandet!” Für ihr Kunstprojekt schließt Irene sich bei Flügen auf der Toilette ein, schaut was so zu finden ist, und stellt mit Klopapier und anderen Hilfsmitteln die Gemälde berühmter Maler nach. So gut es eben geht. 

Die Idee dahinter: Flugangst bekämpfen! Sitzt Irene erstmal im Flieger, wird die Kulturwissenschaftsstudentin immer schnell nervös. Ganz klar: Da muss man sich beschäftigen, irgendwie ablenken. Und Irene macht das eben besonders gerne mit lustigen und künstlerisch-anspruchsvollen Selfies auf der Toilette.

Irenes Kunst ist nicht einfach zu beschreiben. Wie jedes große Werk muss man es einfach einmal selbst gesehen haben.

„Portrait einer unbekannten Frau“ (1636) von Jan Daemen Cool neben einem Selfie von Irene, die für ihre Klo-Kunst wirklich bekannter sein sollte. © Heterotopia in the Lavatory

Für uns ist klar: Jan Daemen Cools Gemälde ist bei weitem nicht so großartig wie Irenes eigenwillige Interpretation aus Trockentüchern, Toilettenpapier und Ohrwärmern. Dieses Kunstwerk herzustellen war gar nicht so leicht, erzählt uns Irene: „Ich hatte vergessen, die Tür abzuschließen. Plötzlich öffnete eine Flugbegleiterin die Tür und sah mich in meiner glorreichen Papier-Halskrause aus dem 17. Jahrhundert. Die Frau war sehr überrascht, und schloss die Tür ohne auch nur ein Wort zu sagen.“

Vor zwei Jahren begann Irene ihre Toiletten-Abenteuer auf einem Flug nach Tel Aviv: „Für meine Arbeit wollte ich von dort nach Palästina weiterreisen und war etwas nervös. Da fiel mir das Gemälde eines spanischen Künstlers ein und ich ging auf die Toilette, um das Bild nachzustellen. Ich hatte Spaß und war während des Fluges nicht mehr so angespannt. Die Toilette ist der einzige Ort in einem Flugzeug, in dem man Privatsphäre hat und seine Gedanken fliegen lassen kann. Das gefällt mir.“

Bei der Auswahl ihres nächsten Toiletten-Kunstwerks suchte sich Irene bevorzugt Künstler der Renaissance und dem Barock aus, meist hat sie mehrere Gemälde im Kopf, und schaut dann vor Ort auf dem stillen Örtchen, welches Bild heute am besten umzusetzen ist. Hier ist zum Beispiel das Vorbild der italienische Maler Giandomenico Tiepolo (1727-1804), für dessen „Portrait eines Philosophen“ Irene sehr viel Toilettenpapier verarbeiten musste.

Giovanni Domenico Tiepolos Bild eines Philosophen (ungefähr 1750) und Irenes Interpretation auf einem Flug von Berlin nach Tel Aviv im Sommer 2015. © Heterotopia in the Lavatory

Mit „Heterotopia in the Lavatory“ will Irene ihre Follower zum Lachen bringen, aber auch für Kunst interessieren: „Ich versuche den Gesichtsausdruck der Personen nachzustellen, aber natürlich bleibt meine Version immer eine Karikatur des Originals. Ich bin nun mal ein Clown, und will zeigen, dass die Gesichtsausdrücke in manchen Gemälden eigentlich wirklich ganz schön absurd sind.“

Ein Dutzend Bilder hat Irene bisher veröffentlicht, ihr Projekt ist noch im Aufbau. Aber jeder große Künstler liefert schon meist in jungen Jahren ein Gesellenstück ab: Wir glauben, wir haben Irenes bereits gefunden:

Jan Adam Krusemans „Portrait einer Dame“ von 1829 und Irenes Selbstportrait in traditionellen Klopapier-Gewand sowie Smartphone im Mai 2015. © Heterotopia in the Lavatory

Anspruchsvolle Verpackungsarbeit, wunderbar-absurder Gesichtsausdruck, stilvolle Ausleuchtung – das muss man erstmal nachmachen! Irene sagt: „Michel Foucaults Begriff der Heterotopie als realer Ort, dem unsere Vorstellungskraft unendlich viele Bedeutungen geben kann, hat mich sehr beeinflusst.“ So erklärt sich auch der Name ihres Projekts: „Heterotopia in the Lavatory“ oder auf Deutsch: „Heterotopie auf der Toilette“.

Sicher kommen noch viele Flüge auf die 30-Jährige zu und einige Ideen hat sie auch schon im Gepäck. So wartet etwa ihr Lieblings-Gemälde immer noch auf seine Umsetzung: „Ich hab mal ein Bild gesehen, in dem eine Kurtisane ein Hühnchen kocht. Das würde ich gerne machen! Leider habe ich noch keine Idee, woraus mein Hühnchen dann bestehen soll. Daran arbeite ich noch.“