„Iss mal was!“ – Bodyshaming ist auch bei Dünnen beschissen

Ich bin groß und dünn. Eigentlich untergewichtig für meine Körpergröße, zumindest rechnerisch. Mir ist das bewusst, doch einige glauben trotzdem, mir das ständig mitteilen zu müssen. Und ich kann es nicht mehr hören. Ein Artikel an alle, die mich das immer wieder spüren lassen.

© Svea Anais Perrine. / photocase.de

Ja, ja. Ich weiß es doch, spars dir! © Svea Anais Perrine. / photocase.de

Du bist jemand, der Menschen wie mich als Grashüpfer, Giraffe oder Zahnstocher bezeichnet. Oder wie wärs mit Lauchstange und Spargeltarzan? Im Angebot gäbe es auch noch Hungerhaken, Klappergerüst, Strich in der Landschaft, Schmalhans, Skelett und viele mehr. Wenn es um die Einordnung meiner Körperfülle geht, packst du besonders kreative Wortkreationen aus. Glaubst du zumindest, denn gehört habe ich sie alle schon. Ich weiß, du meinst es nicht böse, findest es witzig – und vergisst dabei, dass der Witz auf meine Kosten geht. Dass du mich damit bewertest und beleidigst, kriegst du gar nicht mit.

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Ich weiß, wie ich aussehe. Ein Spiegel befindet sich in meinem Besitz, danke für den Hinweis. Leider gehöre ich zu den Menschen, deren genetische Veranlagung sie dünn no matter what macht. Meine Mama ist groß und dünn, ich bin es ebenso und kann es auch nicht ändern. Ich könnte eine Woche lang täglich ein ganzes Kalb inhalieren oder auch rein gar nichts essen, meinem Körper ist das herzlichst egal. Ich bin gesund, nicht magersüchtig.

Deinen wenig intelligenten Ratschlag „Dann iss halt mehr!“ kannst du dir daher sparen. Der hilft nicht, der macht mich bloß wütend. Ach ja, „Nahrung aufnehmen“, danke für die Erinnerung. Ich hatte ganz vergessen, dass Leben so funktioniert. Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist, mehr als das Magenmögliche zu essen? Probiert habe ich es nicht nur einmal. Zum Beispiel als ich versuchte, mir ein 1,2 Kilogramm Riesenschnitzel in den Rachen zu schieben.

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Wenn du wieder mal das Verlangen hast, mir deine Meinung über mein Gewicht aufdrücken zu müssen, ersetze in deinem Kommentar gedanklich einfach erst „dünn“ durch „dick“, realisiere wie unangebracht es ist, und sage es einfach NICHT. Ich trage schließlich kein Schild mit der Aufschrift um den Hals: „Ich bin dünn, bitte kommentiere das.“

Sagst du dem übergewichtigen Menschen von nebenan auch „Wow, bist du dick. Iss mal weniger“ ins Gesicht? Oder rufst ihn mit Namen wie Fleischwalze, Schwabbelbacke, Pummelmonster, Fettsack oder Adipösi? Wohl kaum. Und warum? Weil du mit ausreichend gesundem Menschenverstand gesegnet bist und daher nachvollziehen kannst, wie verletzend derartige Bezeichnungen sein können.

© Giphy
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Umgekehrt sollte dasselbe auch bei zu dünnen Menschen gelten, die nichts für ihre Veranlagung können. Tut es aber nicht. Dass es auch Dünne gibt, die sich nicht immer in ihrer Haut wohl fühlen, kommt dir nicht in den Sinn. Du nimmst beim Thema Dicksein mehr Rücksicht als bei Dünnsein und stellst keine idiotischen Fragen à la „Wie viel wiegst du eigentlich?“ oder „Warst du immer schon so dick?“ Ich höre diese Fragen in dünner Form dafür ständig. Auch wenn sie nicht böse gemeint sind, hinterlassen sie einen üblen Nachgeschmack. Sind sind unangebracht und taktlos. Ich möchte meine wenig vorhandene Körperfülle nicht vor dir rechtfertigen müssen. Niemand sollte das.

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Wage es nicht, meine Dünnheit physisch überprüfen zu wollen. Fass mir nicht an die Oberarme und teste ihren Fettgehalt, das ist erniedrigend. Der größte Hass fliegt dir allerdings entgegen, wenn du dir wieder mal einbildest, unaufgefordert meinen Adamsapfel fingern zu müssen, „weil er so raussteht.“ Das ist eines des unangenehmsten Gefühle der Welt. Nicht nur ist die Körperstelle an sich empfindlich, ich fühle mich dadurch wie ein entfremdetes Schauobjekt, das deine unpassende Neugierde aushalten muss. Drückst du auch einer dicken Person mit dem Finger in den Bauch, „weil er so raussteht“? Lass es.

Ich stimme nicht dafür, dass Dünn- oder Dicksein tabuisiert werden sollte. Ich möchte schlicht nicht mit anderen verglichen  oder ständig auf etwas hingewiesen werden, das mir selbst klar ist und woran ich nichts ändern kann. Danke.