Ist eigentlich noch Wahlkampf oder wurde der abgesagt?

Wenige Wochen vor dem wichtigsten politischen Ereignis des Jahres ist es erstaunlich ruhig in Deutschland. Für alle außer der CDU wird es höchste Zeit, für Stimmung zu sorgen.

Kommt da noch was? © birdys / photocase.de

Kämen Politikinteressierte aus einer fernen Galaxie dieser Tage nach Deutschland, um den Wahlkampf zu beobachten, sie würden sich verwirrt umschauen. Wenig deutet darauf hin, dass hier bald eine Bundestagswahl stattfindet. Für alle Parteien außer der CDU wäre es doch eigentlich an der Zeit, für mehr Stimmung zu sorgen.

Christian Lindner von der FPD überraschte immerhin vor Kurzem mit pfiffigen Wahlplakaten, über die sich die Grünen lustig machten. Daraufhin versuchte sich Martin Schulz am nächsten Thema, mit dem er Merkel ärgern und Wähler*innen mitreißen kann. Mit seiner Warnung vor einer neuen Flüchtlingskrise verfehlte er allerdings sein Ziel. Von solchen Problemen wollen viele Deutsche in den Sommerferien scheinbar nichts wissen.

Die Kanzlerin selbst ist derweil im Urlaub, wie viele andere Spitzenpolitiker*innen auch. Erst ab 12. August will sie Wahlkampfauftritte absolvieren. Sie wird vor der Bundestagswahl ohnehin nicht unnötig für Aufregung sorgen. Die CDU hat in den Umfragen einen komfortablen Vorsprung, kontroverse Themen wie die Ehe für alle sind vom Tisch und bei allen gegenwärtigen Krisen – Türkei, Polen – ist sich ihre Partei mit der SPD und Außenminister Sigmar Gabriel einig. Merkel kann die Wahlen also in Ruhe auf sich zukommen lassen.

Schulz ist kein Corbyn

Politiker*innen, die ihr mit einer mutigen Vision und mitreißenden Auftritten Konkurrenz machen, hat die Kanzlerin derzeit nicht zu fürchten. Großbritannien hat den linken Corbyn, für den auf Musikfestivals Fangesänge angestimmt werden. Frankreich hat Emanuel Macron und Jean-Luc Mélenchon, die neue linke Bewegungen gründeten. Die USA haben Bernie Sanders, der Hillary Clinton in den Vorwahlen unter Druck setzte.

Deutschland hat Martin Schulz, Christian Lindner, Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch.

Dass niemand dieser Spitzenpolitiker*innen das Zeug zum Instagramstar hat oder öffentlichkeitswirksame Auftritte so gut beherrscht wie Kanadas Premierminister Justin Trudeau, kann man ihnen noch nachsehen. Glamouröse mediale Inszenierungen und schmutzige Angriffe, wie wir sie zum Beispiel aus den USA kennen, passen glücklicherweise nicht zu deutschen Wahlkämpfen.

Erzählt uns eine Geschichte!

Und dennoch kommt ein Wahlkampf auch bei uns nicht ohne Wahlkampf aus. Ein Wahlkampf lebt von Emotionen, von der Begeisterung. Er lebt von Kandidat*innen, die große Ideen und Ziele formulieren und die Menschen mitreißen, die mit Leidenschaft dafür kämpfen, dass die Dinge besser werden in diesem Land. Acht Wochen vor der Bundestagswahl erleben wir davon in Deutschland nichts. Und das obwohl allein die Unionsparteien mit ihren Umfragewerten zufrieden sein können.

Die Kolumnistin Marina Hyde richtete vor Kurzem im britischen Guardian einen dringenden Appell an alle Mitte-links Parteien: „Es braucht Helden. Es braucht Auseinandersetzungen. Es braucht Ziele. Es braucht Träume.“ Ihr Wunsch an die Politik: „Erzähl mir eine Geschichte, an der ich teilhaben möchte.“

Wer schafft es, diesem Land bis zur Wahl eine Geschichte zu erzählen, an der die Menschen teilhaben möchten?