Ist es schon zu spät, zu sagen, dass ich mich in dich verliebt habe?

Warum geht uns das, was so ein leichtes Gefühl beschreibt, nur so unglaublich schwer über die Lippen?

Was wäre denn, wenn wir es einfach mal sagen würden? © klublu / photocase.de

Wie traut man sich zu lieben, wenn alles unsicher ist?

Meine Freundin sitzt mir gegenüber und seufzt tief. Es geht mal wieder um ihn, den Mann, der schon so lange in ihrem Leben ist. Bis er geht. Oder sie geht. Und sie sich dann wieder treffen. „Was soll ich denn machen? Das zwischen uns ist gut, irgendwie. Und es fühlt sich einfach total richtig an, wenn ich ihn sehe. Es fühlt sich nach mehr an. Aber kann ich ihm jetzt überhaupt noch sagen, dass ich mehr fühle oder mache ich damit alles kaputt?“

Es gibt da diese Menschen in unserem Leben, die trifft man über Wochen, vielleicht auch Monate oder Jahre. Irgendwas hält einander zusammen, das häufig nicht ganz greifbar ist und eher unter dem Radar abläuft. Mal ist es Sex, mal ist es diese aufregende Spannung in der Luft, mal kleine Abenteuer, die man gemeinsam erlebt oder auch dieses Lachen, bis der Bauch richtig weh tut – begleitet von diesem sehr sicheren Gefühl, dass man sich bei dem*r anderen wahnsinnig wohlfühlt. Dass man sich vielleicht sehr viel wohler fühlt, als man rational betrachtet sollte – schließlich ist das nichts Festes.

Wir wollten doch beide nicht mehr

Und dann kann es ziemlich kompliziert werden. Nämlich wenn dann doch der verbotene Gedanke entsteht, dass da genau die richtige Person vor einem sitzt. Nur, dass die nichts davon weiß. Schöner Mist und lieben Dank an das Herz, das sich mal wieder den Unruhestifter auf die Fahne geschrieben hat. Und immer dann, kurz bevor man sich doch traut, das einfach auszusprechen, zu sagen, was man wirklich fühlt, während man sonst immer nur stumm lächelt und einen Tick länger als sonst den Augenkontakt hält, bleiben die Worte im Hals stecken. Weil man weiß, dass sie da, gar nicht weit weg vom Herz, sehr viel sicherer aufgehoben sind, als wenn man sie laut ausspricht.

[Außerdem auf ze.tt: Wie es ist, wenn wir uns nicht in die Person, sondern in eine Idee verlieben]

Und dann rettet man sich doch in den Gedanken, dass das jetzt auch Quatsch sei und es früher hätte sein müssen. Schlechtes Timing eben, kommt vor. Der Moment für dieses Geständnis ist weg. Denn schon lange ist man irgendwas geworden, das man vielleicht Freundschaft, Friends with Benefits oder einfach Affäre nennt. Und das lässt sich auch nicht mehr ändern. Oder?

Wieso sind wir uns in manchen Momenten so nah, wenn wir nicht zusammengehören?

Was macht man, wenn es ganz viel Inneres gibt, das verbindet, und ganz viel Äußeres, das einen trennt – oder ist es anders herum? Und beides irgendwie gleichwertig scheint, so dass man sich nur in dieser bittersüßen Schwebe treffen kann. Und es nur eine andere Option gibt, nämlich dass man weitergeht als wäre nie was geschehen. Man sich fortan nur mehr noch nett grüßt, wenn man sich zufällig trifft.

Was macht man, wenn beide dieser Optionen eigentlich scheiße sind und doch für alles andere der Mut fehlt? Ganz besonders der Mut dazu, zu sagen, was man wirklich fühlt. Und wann ist es eigentlich zu spät zu sagen: Ich habe mich in dich verliebt? Wann hat man den Moment verpasst, in dem das richtig ist?

Die Antwort darauf ist erst mal, dass dieser Moment niemals vorbei ist.

Wie kann es je zu spät sein, seine Gefühle zu äußern? Natürlich kann das kein Garant dafür sein, dass danach eine Beziehung mit diesem Menschen wartet. Aber vielleicht eben doch. Letztlich ist das aber fast nebensächlich, weil man sich im ersten Schritt schon mal davon befreit, sich die ganze verdammte Zeit mit einem Was-wäre-Wenn rumplagen zu müssen.

Weil man sich vor sich selbst und dem*der anderen ehrlich ist und dem Herzen Luft macht. Weil es immer eine wertvolle und nie eine verlorene Sache ist, zu sagen: Ich habe mich in dich verliebt und ich will, dass du das weißt. Und weil es nicht nur der einzige Weg Richtung gemeinsamer Zukunft ist, sondern ebenso der einzige, um sich selbst vor Schlimmerem zu bewahren. Denn die noch aufregende emotionale Dauerschleife kann eben irgendwann auch zum Schleifstein werden, der zermürbt, blockiert und immer weiter verunsichert.

Woher kommt die Angst davor, die Gefühle auszusprechen?

Diese gedankliche Zwickmühle bringt vor jede Antwort, die man darauf geben kann, vor allem eine ganz wichtige Frage mit sich: Was steckt hinter der Angst, deine Gefühle laut auszusprechen? Ist es wirklich die Sorge, den*die andere*n damit möglicherweise zu verlieren? Oder ist es vielleicht sogar die Angst, dass daraus etwas Neues entstehen könnte, von dem du selbst nicht so richtig weißt, wie du damit umgehen kannst? Oder aber ist es vielleicht gar schon die tiefe Ahnung, dass es ganz gut ist, wenn daraus keine Beziehung wird?

[Außerdem auf ze.tt: Heimlich verliebt – der größte Liebesirrtum]

Sich darauf ehrlich eine Antwort zu geben, gibt viel mehr Aufschluss darüber, was zu tun ist, als die Frage nach dem Zeitpunkt. Denn es lohnt sich immer, den Mut für ehrliche Worte aufzubringen. Aber vielleicht weist die Angst davor in eine ganz andere Richtung und es ist genau richtig so, mit diesem Menschen nur ab und an ein paar Stunden zu haben, nie ganz eins zu werden und die Welt sich einfach weiterdrehen zu lassen, wenn man dann irgendwann auseinandergeht.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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