Ja, Hillary Clinton als Präsidentin wäre ein Sieg für den Feminismus

Hillary Clinton ist auf dem besten Weg die erste Präsidentin der USA zu werden. Dieser Umstand ist auch ein Sieg für die Frauenemanzipation. Ein Kommentar.

Clinton

Hillary Clinton könnte die erste Präsidentin der USA werden. ©gettyimages


ze.tt-Kollegin Tessa sieht das anders. Ihren Text „Nein, Hillary Clinton als Präsidentin wäre kein Sieg für den Feminismus“ findest du hier.


Noch immer gibt es genügend Menschen in Amerika, die eigentlich keine Frau an der Spitzes ihres Staates sehen wollen. Nicht ohne Grund mussten seit Hillarys ersten politischen Bestrebungen 47 Jahre vergehen – eine lange Zeit für einen Menschen. Ihr Leben wird damit zum Spiegel der modernen Frauenemanzipationsbewegung.

Hillarys Leben als junge Frau war geprägt von Geschlechterrollen: Als sie begann, sich aktiv in der Politik zu engagieren, waren 97 Prozent aller Abgeordneten Männer. Als junge Frau besuchte sie zwar ein angesehenes Mädchen-College, Institutionen dieser Art hatten sich aber in erster Linie zum Ziel gesetzt, junge Frauen zu bilden, damit sie sich als zukünftige Ehefrauen einflussreicher Männer auf Cocktailpartys mit anderen einflussreichen Männern unterhalten konnten, ohne diese zu langweilen.

Während ihres Studiums in Yale ist sie unter 235 Studierenden eine von 27 Frauen, später arbeitet sie als Anwältin. Zu einem Zeitpunkt, als im ganzen Land nur 14 Prozent der Anwält*innen weiblich sind.

Heute, als Frau im Rentenalter, könnte sie die Präsidentin der Vereinigten Staaten werden.

Damit ist Hillary übrigens auch die erste Kandidatin, die überhaupt von einer der beiden großen Parteien ins Rennen geschickt wird. Falls sie siegt, würde das von den meisten mit einem Schulterzucken und einem gleichgültigen „Na ja. Jede*r ist besser als Trump“ gefeiert werden. Ihre Kandidatur wurde stets überschattet von einem im 24-Stunden-Takt Skandale produzierenden Donald Trump, der bahnbrechenden Kampagne des Underdogs Bernie Sanders und dem Umstand, dass niemand Hillary so richtig mag. Dabei ist ihre Kandidatur historisch.

Kompromisse und harte Arbeit

Hillary war gezwungen, auf ihrem Weg viele Kompromisse einzugehen. Früh merkte sie, dass sie in die Politik wollte, aber auch, dass ihre Aufstiegschancen als Frau nicht besonders gut waren. Als sie ihren späteren Ehemann Bill Clinton kennenlernte, entschloß sie sich stattdessen, seine politischen Ambitionen zu unterstützen – und so auch die eigene Karriere voranzubringen. Gemeinsam wollten sie die demokratische Partei erneuern.

Als Bill Clinton seine Wiederwahl zum Senator von Arkansas verlor, war es trotzdem Hillary, die dafür verantwortlich gemacht wurde. Ihre damalige Progressivität wird ihr übel genommen: Ihren Mädchennamen Rodham hatte sie auch nach der Hochzeit behalten, als Partnerin in einer bekannten Wirtschaftskanzlei verdiente sie das Sechsfache ihres Mannes als Gouverneur und ließ sich selten auf den Cocktailpartys der Politikergattinnen blicken. All das war damals nicht mit dem Bild einer Senator-Ehefrau vereinbar. Dass sie keine typische amerikanische Hausfrau ist, war allen klar. Dass sie es jedoch nicht mal versuchte, grenzte an einen Skandal.

[Außerdem auf ze.tt: Frauen erobern Trumps „Nasty Woman“-Spruch]

Hillary hatte verstanden, dass ihre eigene Karriere unmittelbar an die ihres Mannes geknüpft war, also begann sie sich anzupassen. Sie änderte ihr Erscheinungsbild, tauschte die weiten Kleider in figurbetonte Kostüme, die Brille mit den dicken Gläsern in Kontaktlinsen, färbte sich die Haare hellblond – und sie nahm den Namen Clinton an. Mit Erfolg: 1983 wurde Bill Clinton erneut zum Gouverneur gewählt. Hillary wiederum gelang es, während seiner Amtszeit eine wichtige Bildungsreform durchzuboxen – obwohl diese mit Steuererhöhungen verbunden war.

Hillary als Wegbereiterin

Das macht Hillary zu einer der großen Wegbereiterinnen für Frauen in der Politik. Sie hat die Drecksarbeit erledigt und damit anderen Frauen die Türen geöffnet. Nein, Hillary Clinton hat sich nicht geopfert, sie hat das alles auch für sich selbst getan. Trotzdem diskutieren wir auch ihretwegen heute darüber, inwiefern Frauen in hohen Positionen mit anderen Maßstäben bewertet werden als Männer – und Einsicht ist ja bekanntermaßen der erste Schritt zur Besserung.

Lange musste Hillary ihre eigenen Ambitionen hinter denen ihres Mannes anstellen – auch, weil sie wusste, dass ihr Erfolg von dem Erfolg von Bill abhängig war. Trotz seiner unzähligen Affären blieb Hillary immer an seiner Seite, auch um seinen Ruf nicht zu gefährden. Sie ist nicht bloß seine Ehefrau, sondern in erster Linie seine Partnerin, Verteidigerin und Teil seiner Wahlkampagne: „Ihr kriegt zwei [Präsidenten] zum Preis von einem“, erklärte Bill im Wahlkampf 1992. Damit meinte er sich und seine Frau.

Ihre eigene, von ihrem Mann autonome Karriere, begann Hillary schließlich erst 2002, als sie zur Senatorin des Staates New York ernannt wurde und sich die Amtszeit von Bill dem Ende zuneigte. Längst war sie zur Opportunistin geworden, setzte eigene Pläne lieber in kleinen Schritten durch, als an zu mutigen Vorhaben zu scheitern – wie damals, 1993, mit ihrem Gesetzesentwurf zur Gesundheitsreform. 

Keine Revolution, aber ein Fortschritt

Mittlerweile ist eine der mächtigsten Politiker*innen der Welt, aber eben auch eine Politikerin des Pragmatismus und der Berechenbarkeit. Nicht unbedingt sympathische Eigenschaften, wohl aber effiziente. Sie ist kein Messias, ihre Politik keine Revolution. Progressivität hat ihr schließlich nicht zum Erfolg verholfen.

Gleichzeitig ist sie aber auch kein Grund, sich ernsthaft Sorgen machen zu müssen: Hillary Clinton wird nichts tun, was andere mächtige Menschen in den USA oder Europa für gefährlich oder leichtsinnig halten – dafür hat sie ihr Fähnchen schließlich schon vor langer Zeit in den Wind gehangen. Das betrifft auch ihre oft kritisch beäugten Tendenzen in der Außenpolitik.

Aber: Immerhin will sie soziale Aufgaben wie die Mindestlohnerhöhung und bezahlten Elternurlaub voranbringen – und das sind letztendlich auch Fragen der Gleichberechtigung. Die Chancen, dass sie hierfür im Kongress sogar die benötigte Zustimmung bekommt, stehen derzeit nicht schlecht.

…und eine starke Symbolik

Und am Ende ging es nie wirklich darum, eine Kandidatin zu wählen, nur weil sie eine Frau ist. Es geht darum, dass der Sieg einer Frau im Rennen um das höchste Amt der USA endlich zum Greifen nahe ist. 168 Jahre nachdem die „Declaration of Sentiments“ in den USA das erste Mal die Gleichheit von Mann und Frau forderte, 168 Jahre nach Beginn der Frauenbewegung. Es ist eben auch diese Symbolik – eine Frau als Präsidentin – die Mädchen und jungen Frauen in Amerika helfen wird, sich selbst in Führungspositionen vorzustellen. Die ihnen vermittelt: Als Frau kannst du alles werden, auch wenn es anderen nicht passt. Und das kann man ruhig feiern.