Jakob, 26: „Meine Mutter ist meine beste Freundin“

Jakob (26) und seine Mutter Doris (58) stehen sich sehr nah, weshalb seine letzte Freundin ihn verließ. Trotzdem will er nicht, dass sich ihr Verhältnis ändert.  

Jakob will sich auch mit 26 nicht von seiner Mutter lösen. © time / photocase.de

Am 14. Mai ist Muttertag und die meisten Kinder beschenken ihre Mütter mit Blumen, Schokolade oder hübschen Grußkarten. Jakob gehört nicht zu diesen Kindern. Er verzichtet an diesem Tag bewusst auf Geschenke für seine Mutter. Er sagt: „Für mich ist jeder Tag wie Muttertag. Wir stehen uns so nah, dass ich kein extra Datum brauche, um ihr zu zeigen, dass ich sie liebe.“

Bevor ich Jakob begegnete, kannte ich ausschließlich Frauen, die ein enges Verhältnis zu ihren Müttern pflegen. In meinem Freundeskreis halten sich die Männer eher an ihre Kumpels, Frauen besprechen Probleme auch untereinander oder eben mit ihrer Mama. Für Jakob gibt es bei wirklich wichtigen Fragen nur eine einzige Ansprechpartnerin: seine Mutter.

Das Verhältnis zwischen Jakob und seiner Mutter Doris war schon immer sehr gut, besonders eng wurde es aber erst mit der Scheidung seiner Eltern vor zehn Jahren. Jakobs Vater zog aus, er und seine Schwester Julia (19) blieben mit der Mutter im Elternhaus wohnen. Als er mir von dieser Zeit erzählt, verfinstert sich sein Gesichtsausdruck. „Wir machten uns anfangs Sorgen um meine Mutter, weil sie am meisten unter der Scheidung litt. Uns zuliebe versuchte sie es zwar zu verstecken, aber dass sie sich teilweise nachts in den Schlaf weinte, konnten wir nicht überhören.“

„Ich habe mich verantwortlich gefühlt“

Anfangs habe es sich Jakob zur Aufgabe gemacht, viel für Doris da zu sein, mit ihr über ihre Gefühle zu sprechen oder sie abzulenken. „Damals mit 16 standen die ersten Schulpartys an und ich habe mein Leben natürlich auch weitergelebt, aber es gab auch mal Wochenenden, an denen ich mit Mama und Julia im Wohnzimmer saß, wir Pizza bestellten und Filme schauten.“ Rückblickend erkennt er: „Wahrscheinlich habe ich mich verantwortlich gefühlt, weil ich jetzt der einzige Mann im Haus war.“ Leicht zweifelnd fügt er hinzu: „Das ist aber doch normal, oder?“

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Mit 17 Jahren lernte Jakob seine spätere Freundin Elisa (26) kennen. Doris war die erste, der er von der Begegnung erzählte. „Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt noch keine große Erfahrung mit Frauen gemacht. Ich sprach natürlich auch mit meinen Freunden über Elisa, aber die meisten Sachen besprach ich mit meiner Mama. Beispielsweise las ich ihr SMS von Elisa vor oder fragte sie, wozu ich sie beim ersten Date einladen sollte.“

Dadurch, dass Jakob und Doris mittlerweile so eng geworden waren, sah er sie immer weniger als Mutter, sondern eher als Freundin. „Der Erziehungsauftrag war mehr oder weniger abgeschlossen und dadurch, dass wir im vergangenen Jahr so viel Zeit miteinander verbracht hatten, war mir meine Mutter näher als sonst jemand. Da war es für mich klar, dass sie die erste ist, mit der ich über mein Liebesleben sprechen wollte. Das ist sie bis heute.“

Der erste Streit zwischen Mutter und Freundin

Anfangs sei das Verhältnis zwischen Elisa und Doris noch harmonisch gewesen. Dann kam der erste Streit. Jakob erzählt: „Wir aßen bei uns zu Abend und sprachen über mögliche Studiengänge für mich. Lehramt interessierte mich und auch Elisa wollte Lehramt studieren. Ihr Schnitt reichte aber voraussichtlich nicht für die Kölner Uni, meiner schon. Sie wollte deshalb in Siegen studieren.“ Doris und Elisa diskutierten am Esstisch, welche Uni und welcher Wohnort es nun werden sollte.

Als Elisa Jakob dazu aufforderte, doch auch endlich mal etwas zu sagen und er kleinlaut zugab, dass er schon lieber in Köln bleiben wolle, wo seine Mutter wohnt, stand Elisa wütend auf und ging nach Hause. „Ich weiß, dass es bei der Diskussion natürlich nicht mehr um mich ging. Elisa wollte die Oberhand gewinnen und meiner Mutter zeigen, dass sie die Frau an meiner Seite ist.“ Es sei einfach ein blöder Zufall gewesen, dass Jakob und Doris die gleiche Meinung zum Studienort hatten. „Elisa stellte es später so dar, als hätte ich mich nur für Köln entschieden, weil meine Mama das wollte. Das stimmt aber nicht. Ich wollte lieber in Köln studieren. Ich liebte Elisa und sah unsere Beziehung durch die Entfernung nicht in Gefahr. Zugegeben, ich war auch noch nicht bereit für eine gemeinsame Wohnung.“

Jakob und Doris telefonieren täglich miteinander

Rückblickend erkennt Jakob, dass die Diskussion am Tisch wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges war. Elisa habe sich auch schon vorher öfter beschwert. Bei einem gemeinsamen Kurztrip nach Holland beispielsweise habe sie sich darüber lustig gemacht, ob Jakob es nicht schade finde, dass Doris nicht dabei sei. „Nur weil ich angerufen habe, um ihr zu sagen, dass wir gut angekommen sind. Ist das so schlimm?“

Schlimm ist es nicht, aber ungewöhnlich. Das findet auch Jakob. Wenn er sich heute umsieht, gibt es keinen Mann in seinem Freundeskreis, der ein vergleichbares Verhältnis zu seiner Mutter hat. „Die meisten rufen ihre Mutter vielleicht alle zwei Wochen mal an, besuchen sie vielleicht einmal in zwei Monaten. Seitdem ich nicht mehr zu Hause wohne, rufe ich sie täglich an, quatsche mit ihr über die Uni, erzähle ihr von meinen Plänen für den Abend oder höre ihr zu. Wir sehen uns mindestens einmal pro Woche. Ich bin stolz darauf, dass das bei uns so ist.“

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Bevor sich Jakob für den Studiengang in Köln entschied, sprach er mit Doris darüber, was ihn interessiert und welche Stärken er hat. Wieso auch nicht, fragt er mich. Seine Mutter sei diejenige gewesen, die ihm Lehramt vorschlug. Vermutlich habe sich auch Elisa damals gewünscht, dass er solche Sachen mehr mit ihr besprochen hätte. „Meine Mutter kennt mich am besten und weiß, wie ich ticke. Ihre Meinung ist mir am wichtigsten.“ Wenn Lehramt allerdings von Anfang an nichts für ihn gewesen wäre, hätte er das Studium auch nicht angefangen. Auch nicht seiner Mutter zuliebe.

Als ich Jakob frage, inwieweit die Meinung seiner Mutter ihn beeinflusst, überlegt er. „Ich höre auf sie, wenn mir das, was sie rät oder sagt, sinnvoll erscheint. Wenn ich aber eine ganz andere Meinung habe, vertrete ich sie auch vor ihr.“ Das, so gibt er schmunzelnd zu, komme aber in zehn von zehn Fällen nicht vor.

Jakob sieht sich nicht als Muttersöhnchen

Als Elisa dann nach Siegen zog, wohnte Jakob noch bei seiner Mutter. Anfangs sei er deshalb häufig zu seiner Freundin gefahren, weil er wusste, dass Doris mittlerweile ein rotes Tuch für Elisa geworden war. Seine Mutter wurde immer mehr zum Streitpunkt. „Wenn wir telefonierten und ich meine Mutter nur erwähnte, fuhr Elisa schon aus der Haut. Ob ich denn keine anderen Themen hätte. Ob sich mein Leben eigentlich nur um meine Mutter drehen würde. Und wann ich endlich ausziehen würde. Als sie mich als Muttersöhnchen bezeichnete, legte ich auf.“

Jakob und Doris sprachen häufig über Elisa. Auch von Elisas Vorwürfen erzählte er und fragte sich dabei, ob Elisa vielleicht recht habe. War er wirklich ein Muttersöhnchen? Und wenn ja, was sollte daran schlimm sein? „Meine Mutter hatte schnell ein schlechtes Gewissen, weil sie sich für unsere Diskussionen verantwortlich fühlte.“ Als ich ihn frage, ob er sich als Muttersöhnchen sehe, schüttelt Jakob den Kopf. „Dieses Wort habe ich schon viel zu oft gehört. Was soll das überhaupt sein? Ich liebe meine Mutter. Ich würde fast sagen, dass sie so etwas wie meine beste Freundin ist. Ich hänge aber deshalb nicht an ihrem Rockzipfel oder plane mein Leben um sie herum. Ich plane vielmehr mit ihr gemeinsam.“

Bis heute gibt es keinen neuen Mann an Doris‘ Seite und deshalb legt Jakob auch heute noch viel Wert darauf, seine Mutter an manchen Wochenenden auszuführen. „Damals bin ich nicht jedes Wochenende nach Siegen gefahren, weil Mama und ich mal ins Kino oder auf eine Ü40-Party gingen. Damit machte ich ihr eine große Freude und das ist mir sehr wichtig.“ Für Elisa sei das immer eine Entscheidung gegen sie gewesen.

Es blieb kein Platz mehr für Elisa

Nach dem ersten Jahr in der Uni entschied sich Jakob dann für eine WG in der Stadt. „Elisa versuchte mich schon lange dazu zu überreden, aber ich wollte meine Mutter und Julia nicht alleine lassen. Irgendwann jedoch dachte ich auch, dass es praktischer und aufregender sei, direkt in der Stadt zu wohnen und für meine Mutter war das auch in Ordnung.“ Elisa freute sich sehr über Jakobs Entscheidung und schickte ihm verschiedene Links zu freien WG-Zimmern. „Dass ich mit meiner Mutter schon eine ausgesucht und besichtigt hatte, traute ich mich nicht zu sagen. Ich wollte nicht schon wieder Stress haben. Also log ich, dass ich über Bekannte an dieses Zimmer gekommen bin.“

Dadurch, dass Jakob und Doris das Zimmer schon gesehen hatten, konnten sie sich auch genug Gedanken um die Einrichtung machen. Dabei hätte das Elisa gerne übernommen. Doris plante, gemeinsam kauften sie. Und wieder mal blieb kein Platz für Elisa. Zumindest empfand sie das so.

Doris rief Elisa an

Eines Tages, als Jakob Doris sein Herz wegen Elisa ausschüttete, griff sie zum Hörer und rief Elisa an. Das, so versichert mir Jakob, sei aber nur passiert, weil Doris helfen wollte. Von dem Anruf erfuhr Jakob eine halbe Stunde später durch eine wütende SMS von Elisa, in der sie die Beziehung beendete. „Beim Telefonat erklärte meine Mutter ihr, dass sie nicht zwischen uns stehen wolle, es sie eigentlich auch nichts angehe, aber sie schon merke, dass mich Elisas Verhalten unglücklich mache.“

Obwohl Jakob anfangs nicht begeistert von der Aktion seiner Mutter war, so war er ihr nicht wirklich böse. Er habe sie zwar darum gebeten, ihn in Zukunft solche Kämpfe alleine austragen zu lassen, er wusste aber, dass es Doris nur gut gemeint hatte und helfen wollte. Für Elisa war das aber einfach zu viel. Wirklich traurig war Jakob über die Trennung nicht. „Am Ende war es besser so. Ich hatte schon viel zu lange das Gefühl, dass ich mich zwischen ihr und meiner Mutter entscheiden musste.“

Seit fünf Jahren wohnt Jakob nun nicht mehr zu Hause. Nach Elisa hatte er keine Freundin mehr. Es gebe zwar immer wieder Mädchen, denen er näherkomme, aber für eine Beziehung reiche es nie. Doris ist nach wie vor die erste Person, der er von solchen Begegnungen erzählt, sie ist nach wie vor seine beste Freundin und seine erste Ansprechpartnerin. „Ich weiß, dass es wenige Menschen gibt, die diese Nähe nachvollziehen können. Bestimmt gibt es auch welche, die das als ungesund empfinden.“ Doch das macht Jakob nichts aus. „Gerade dann, wenn es um Gefühlsfragen geht, sind nach meiner Erfahrung Frauen die besten Ansprechpartnerinnen. Meine Mutter ist eine Frau, kennt mich am besten, hat den Weitblick und kann Situationen gut einschätzen. Wieso sollte ich mich also nicht zuerst an sie wenden?“

 

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