Jede*r Zweite will eine Auszeit vom Job – und die Gründe dafür machen nachdenklich

Eine Auszeit vom Job? Das gönnen sich nur wenige – dabei wünscht es sich rund jede*r zweite Arbeitnehmer*in. Warum wird der Wunsch so selten in die Tat umgesetzt?

© photocase.com/someone-else

Nichts tun, einfach sein – danach sehnen sich viele von uns. © photocase.com/someone-else

Das Sabbatical als Notbremse vor der Lebenskrise?

Wie gestalte ich ein Leben, indem ich mich nicht selbst verliere? Einen Alltag, in dem es nicht nur um das Müssen, sondern auch um das Wollen geht. Und auch mal um das süße Nichtstun. Nun, genau darum dreht es sich bei dem ziemlich strapazierten Begriff von der „Work-Life-Balance“. Alle wollen sie, doch kaum einer weiß so richtig, wie man sie etablieren soll. Denn was bringt uns der fromme Wunsch nach mehr Ausgleich, wenn wir uns zwischen Miete, Karriereleiter, Joballtag, Familie und Freunden immer wieder zerreißen müssen?

Egal wo wir im Leben stehen: Wir alle haben eine Menge Aufgaben zu erledigen sowie Bedürfnisse und Erwartungen zu befriedigen – und sehr häufig sind das nicht einmal unsere. Das ist jetzt nichts Neues, aber die Frage ist doch, was macht das langfristig mit uns?

43 Prozent der arbeitenden Deutschen bringt das zu dem Gedanken: „Ich muss hier endlich mal raus!“ Das sind die Ergebnisse einer Online-Umfrage des Ferienwohnunganbieters Wimbu von 2015. Der Wunsch nach einer Auszeit ist bei einer Vielzahl an Menschen also stark, doch nur die wenigsten setzen es wirklich um. Schließlich reden wir hier auch von einem ziemlich großen Luxus, oder nicht? Ein Zwei-Wochen-Urlaub saniert uns doch auch irgendwie, nicht? Mag sein, dass das eine erste Lösung sein kann. Doch die Ergebnisse legen auch nahe, dass es bei dem Wunsch gar nicht so maßgeblich um das Sabbatical-Klischee von ein paar Monaten in der Hängematte geht, weil man morgens einfach mal neben Palmen statt neben der Baustelle aufwachen will. Denn die Beweggründe finden sich nicht nur in Abenteuerlust, sondern auch oft in unserem gesundheitlichen Zustand. Und genau das sollte zu denken geben.

Adieu, Alltag: Aber wie lange sollte diese Auszeit dauern?

Knapp die Hälfte der Befragten, die sich nach einem Sabbatical sehnt, wollen für drei bis sechs Monate raus, ein Drittel will gar ein ganzes Jahr Pause vom aktuellen Leben haben – und jeder Zehnte hat den Wunsch, mehrere Jahre auszusteigen. Das wiederum zeigt deutlich, dass es mit einem Urlaub eben doch nicht getan ist. Die Deutschen brauchen Pause – und das vor allem vom Hamsterrad.

Denn fast 60 Prozent wünschen sich, endlich mal Zeit für sich zu haben, ebenso viele wollen die Welt entdecken und mal einen Blick über den eigenen Tellerrand werfen. Es geht ihnen darum, neue Perspektiven zu entdecken und sich durch einen geweiteten Blick auf die Welt sowie weniger Grundrauschen selbst zu finden.

Kurz gesagt: Wir sind ausgelaugt, gelangweilt und haben immer noch keine Ahnung, wer wir eigentlich sind. Oder wollen uns selbst die Chance geben, uns noch einmal neu kennenzulernen. Es ist die simple Frage danach, ob man nicht jemand ganz anderes wäre, wenn man einen anderen Beruf hätte oder in einem anderen Land leben würde. Und wer hat sich die eigentlich noch nicht gestellt?

[Außerdem bei ze.tt: Wie ein Leben mit bedingungslosem Grundeinkommen aussieht]

Genau das dürften die Beweggründe sein, die man klassischerweise mit dem Wunsch nach einem Sabbatical verknüpft. Doch ihnen folgt mit 50 Prozent noch ein ganz anderer: Denn die Hälfte will ein Sabbatical nehmen, um einem Burnout zu entgehen. Zahlen, die nachdenklich machen. Stehen wirklich so viele vor einem Burnout – und selbst wenn nicht, was sagt es über unsere Gesellschaft, wenn sich rund die Hälfte auch nur so fühlt, als sei sie kurz davor?

Bedenkliche Ergebnisse, die dennoch in den Kontext der vorangegangenen Gründe passen – denn nicht nur Stress führt dazu, dass wir im Job ausbrennen oder verbrannt werden. Bei einem Burnout handelt es sich letztlich auch um eine Identitätskrise – und wie sollte die leichter entstehen, als wenn wir keine Zeit mehr für uns haben, neue Perspektiven nicht mehr reflektieren können und nicht wirklich wissen, wer wir mit den Jahren geworden sind?

Nur 20 Prozent wollen übrigens eine Auszeit nehmen, weil sie grundsätzlichen unzufrieden mit ihrem Job oder Privatleben sind. Und auch das spricht dafür, dass es bei dem Sabbatical nicht zwingend darum geht, etwas hinter sich zu lassen, sondern darum, endlich mal wieder anzukommen.

Woran scheitert die Umsetzung einer Auszeit?

Warum treten also nicht mehr Menschen ein Sabbatical an? Nun, da sind wir schnell bei den harten Fakten, also der Finanzierung. Denn 72 Prozent könnten sich nur vorstellen, eine Auszeit zu nehmen, wenn sie Erspartes hätten, dass sie dafür einsetzen könnten. Doch es braucht Mut, seine Ersparnisse für etwas einzusetzen – sollte man überhaupt etwas auf der hohen Kante haben –, das (vermeintlich) nichts Handfestes ist. Das uns kein Dach über dem Kopf beschert und auch nicht nicht die Sorgen nimmt, wenn wir Richtung Rente schauen.

Absolut verständlich und doch liegt hier die Krux: Denn was machen wir mit einem Dach über dem Kopf und einer besseren Rente, wenn wir uns bis dahin kaputt gearbeitet haben? Wenn wir innerlich verkümmert sind, weil wir immer auf dem geraden Weg geblieben sind, uns nicht getraut haben, Pause zu machen oder bei einer Weggabelung einzuschlagen?

Ja, es scheint wie Luxus, sein Geld, von dem die meisten eher weniger als mehr haben, einfach in sich selbst zu investieren. Aber möglicherweise ist genau das, das sicherste Fundament, das wir unserem Leben geben können.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

Hier könnt ihr EDITION F auf Facebook folgen.