Jedes Kind kann Opfer von Sextourismus werden

Mehr Kinder als jemals zuvor sind von sexueller Ausbeutung betroffen, kein Land ist davon ausgenommen. Eine deutsche Fotografin möchte auf die globale Problematik aufmerksam machen, indem sie deutsche Mädchen porträtiert, die im selben Alter der Betroffenen sind.

Kindersextourismus. In Deutschland ist das ein kriminologischer Begriff. Das Bundeskriminalamt definiert ihn als „Missbrauch von Kindern im Tourismus und auf Reisen“. Kindersextourist*innen sind demnach Menschen, die ihre gewohnte Umgebung verlassen und an Orte reisen, um dort sexuelle Kontakte mit Kindern zu haben. Dass das Wort Tourismus da drin steckt, ist allerdings in Anbetracht des Verbrechens, das dabei begangen wird, irreführend. Es verharmlost und verschleiert den ausbeuterischen Charakter der eigentlichen Tat, oder besser: Einvernehmlichen Sex mit Kindern gibt es nicht, sexuelle Handlungen an und mit Kindern ist immer sexuelle Gewalt.

Vor allem dort, wo wirtschaftliche und soziale Probleme den Alltag bestimmen, wo Armut und eine fehlende Ausbildung potenzielle Entwicklungen verhindern, werden Kinder leicht zur Ware von zahlungskräftigen Reisenden. Sie versprechen Bargeld, die Übernahme der Schulgebühren, der Reisekosten, irgendeine materielle Gegenleistung. Im Gegenzug verkaufen Minderjährige ihren Körper.

Um der Verharmlosung des Begriffs Kindersextourismus entgegenzutreten und es von innerfamiliärem Missbrauch abzugrenzen, haben sich Kinderschutzorganisationen wie Unicef oder Ecpat, ähnlich wie das Bundeskriminalamt, auf die Definition „Sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus und auf Reisen“ geeinigt. Es meint den erzwungenen Handel: Geld gegen Körper. Trotzdem ist sexuelle Ausbeutung immer auch eine Form von sexuellem Missbrauch, nur eben ohne bisheriges Nah- oder Vertrauensverhältnis, wie es innerhalb der Familie existiert.

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Da die Prostitution Minderjähriger weltweit verboten ist, gibt es dazu keine genaue Zahlen. Dennoch kann man laut den Kinderschutzorganisationen davon ausgehen, dass die Zahl der Betroffenen in die Millionenhöhe geht, Tendenz steigend. Das liegt zum Teil auch an der stetig wachsenden Tourismusbranche. Es gibt heute kaum noch ein Land, das nicht bereist werden kann. Die Zahl der internationalen touristischen Reisen ist in den vergangenen Jahren drastisch angestiegen: von 527 Millionen im Jahr 1995 auf 1,23 Milliarden im Jahr 2016 – ein Wachstum, dem oft steigende Risiken und Gefahren für Kinder einhergehen. Denn das Verhalten der Reisenden kann dazu beitragen, dass Minderjährige in überwiegend armen Reiseländern in eine Falle tappen. Eine Falle, die sich bei finanzieller Abhängigkeit öffnet und bei sexueller Ausbeutung zuschnappt.

Jedes Kind kann Opfer, alle Erwachsene können Täter*innen werden

Es ist eine Tatsache, dass mehr Kinder als jemals zuvor von sexueller Ausbeutung betroffen sind. Es passiert in allen Teilen der Welt, kein einziges Land ist nicht betroffen. Das belegt die globale Studie Offenders On The Move (Pdf) aus dem Jahr 2016, die von Ecpat International initiiert und über zwei Jahre lang durchgeführt wurde. Sie gilt als die größte Datengrundlage zum Thema. Demnach nimmt sexuelle Ausbeutung von Kindern auf Reisen und im Tourismus weltweit nicht nur stark zu, sondern auch die Erscheinungsformen ändern sich laufend. Durch das Internet und mobile Technologien entstehen neue Formen von sexueller Ausbeutung, in der Täter*innen vollkommen anonym bleiben können.

Damit gibt es heute weder ein eindeutiges Täter*innen- noch Opferprofil. Früher waren typische Täter*innen größtenteils weiße, westliche, wohlhabende Männer mittleren Alters, manchmal mit pädophilen Tendenzen. Heute lässt sich eine so konkrete Beschreibung nicht mehr machen. Auch Geschäftsreisende, Ausgewanderte oder Freiwillige beuten vermehrt Kinder aus. Auch sie verschaffen sich vor Ort in ihren Businesshotels Zugang zu Kindern.

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Den größte Anteil stellen einheimische Reisende und sogenannte Gelegenheitstäter*innen dar. Das sind Personen, die Kinder sexuell ausbeuten, obwohl sie es zuvor nie geplant hatten, sondern weil sich ihnen – auch wenn es ungeheuerlich klingt – die Gelegenheit bietet. Im Ausland fühlen sie sich sicherer, weniger beobachtet, kulturell weniger kontrolliert und haben aufgrund ihres Tourist*innenstatus keine oder weniger Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen.

Und tatsächlich haben die meisten nichts zu befürchten. Dorine Van der Keur, Leiterin der globalen Studie, weist darauf hin, dass „die Anzahl der Verurteilungen in Bezug auf die sexuelle Ausbeutung von Kindern alarmierend gering“ sei. Das bedeutet, dass ein Großteil der Täter*innen nicht strafrechtlich belangt wird.

Mädchen sind unverkäuflich. Menschen sind unverkäuflich. Menschen sind keine Ware, keine Deko und schon gar kein Sexspielzeug.“ – Lena Reiner

Generell gilt: Jedes Kind kann Opfer werden. Sextourist*innen kommen auch nach Europa. Auch nach Deutschland, wo man von etwa 10.000 bis 20.000 prostituierten Kindern und Jugendlichen ausgeht. Aber vor allem nach Moldawien, Russland, Ukraine und nach Tschechien, wo in erster Linie Jungen betroffen seien.

Die Studie zeigt allerdings, dass sich die Gefahr für Kinder erhöht, je höher ihre gesellschaftliche Ausgrenzung ist. Besonders gefährdet seien daher geflüchtete Minderjährige, Kinder, die Minderheiten angehören, von Armut betroffen sind oder auf der Straße leben. Antje Monshausen, zweite Vorsitzende von Ecpat Deutschland und Leiterin von Tourism Watch bei Brot für die Welt nennt die Ergebnisse der Studie besonders erschreckend. „Sie sollten noch mehr Akteure aus allen Bereichen dazu motivieren, sich gemeinsam für das Ende der sexuellen Ausbeutung und zum Schutz von Kindern auf Reisen und im Tourismus konsequent einzusetzen“, sagt Monshausen. Daher bräuchte man, „umfassende Maßnahmen, um alle Kinder, egal, an welchem Ort sie sich befinden, vor diesem schrecklichen Verbrechen zu schützen. Dafür tragen wir alle Verantwortung“, sagt Najat Maalla M’jid, frühere UN Sonderberichterstatterin zum Verkauf von Kindern, Kinderprostitution und Kinderpornografie.

Fotos zur Bewusstseinsschaffung

Einen kleinen Teil dieser Verantwortung hat Fotografin Lena Reiner aus Friedrichshafen übernommen. Die 28-Jährige möchte mithilfe ihrer Fotos auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen, so auch auf die sexuelle Ausbeutung von Kindern auf Reisen und im Tourismus. In Kolkata in Indien hatte sie selbst erlebt, wie Frauen und Mädchen im Rotlichtviertel namens Kaligath arbeiten müssen. „Es waren unterirdische, dunkle Kammern, die mich an Katakomben erinnerten“, erzählt sie. Da Prostitution in in Indien illegal ist, findet Prostitution im Untergrund statt. Dort sei es feucht, kühl und ungemütlich gewesen, an den Wänden stand das Wasser, erzählt Reiner. „Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie notgeil jemand sein muss, dass er das alles ausblenden kann. Nur um seine Triebe zu befriedigen. Die meisten Frauen hatten sehr leere Augen.“

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Im selben Viertel, in dem mehrere hundert mehrstöckige Bordells stehen und insgesamt etwa 10.000 Sexarbeiter*innen arbeiten, steht auch eine Einrichtung anderer Art. Eine Tagesstätte, die sich um die Kinder dieser Sexarbeiter*innen kümmert. Wie ein Kindergarten, in dem die Kinder auf ihre Mütter warten, bis sie von der Arbeit kommen. Gleichzeitig ist es ein Schutzraum, damit die Kinder nicht alleine der Gefahr ausgesetzt sind, Opfer sexueller Ausbeutung zu werden. Bei ihrem Besuch fiel Reiner auf, dass sich viele der Mädchen einen kurzen Haarschnitt haben. Mit Absicht. „Manche treten sehr burschikos auf. Indem sie weniger mädchenhaft aussehen, machen sie sich ein bisschen unsichtbarer, weniger angreifbar, und sie können sich freier bewegen“, sagt sie. So groß sei ihre Angst, gekauft zu werden.

Diese Problematik ließ Reiner nicht mehr los. Als sie wieder zu Hause in Deutschland war, fand sie heraus, dass auch ihr Heimatland eine Rolle in diesem perversen Spiel spielte. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes schätzt, dass jährlich rund 400.000 sogenannte Sextourist*innen aus Deutschland ins Ausland reisen, etwa 10.000 Deutsche würden auch Kinder in den Urlaubsländern sexuell ausbeuten. Reiner dachte bloß: Wo bleibt der Aufschrei?

Es kann auch deine Tochter sein

Für ihr Fotoprojekt porträtiert sie deutsche Mädchen, die genau wie viele Betroffenen zwischen elf und 16 Jahren sind. Wirklich Betroffene wollte sie aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich zeigen. „Außerdem hatte ich die Idee, dass Mädchen aus der hiesigen Nachbarschaft mehr bewirken. Schließlich exportiert Deutschland einen nennenswerten Teil von Sexmigranten, die weltweit minderjährige Mädchen gegen Geld missbrauchen.“ Nach einer langen und zähen Suche wurde Reiner schließlich an einer Realschule in Friedrichshafen fündig. Ihr wurde erlaubt, vor drei Klassen das Problem der sexuellen Ausbeutung zu thematisieren. Sie stellte ihr Projekt vor, besprach ihr Vorhaben mit den Lehrkräften und verteile Einverständniserklärungen für die Eltern.

Insgesamt 21 Schülerinnen durften am Ende vor die Kamera. Sie stehen repräsentativ für die Gruppe der meist betroffenen Opfer. Jede konnte sich aussuchen, auf welchen Teil ihres Oberkörpers sie den Schriftzug Not for sale haben möchte, beschrieben haben sich die Mädchen gegenseitig. Reiners erklärtes Ziel: Betrachter*innen, potenzielle Täter*innen sollen sich über sich selbst erschrecken. Sie sollen erkennen, dass auch die eigene Tochter, die Tochter der Nachbar*innen oder Freund*innen Opfer von sexueller Ausbeutung sein kann.


Das Bundeskriminalamt und ECPAT Deutschland betreiben die gemeinsame Website www.nicht-wegsehen.net. Hier können sämtliche Hinweise und Verdachtsfälle auf sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen weltweit gemeldet werden. Hilfestellung für Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs gibt es auf der Website des Arbeitsstabs des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.