Jetzt leg endlich das Smartphone weg!

Wer selbst an Heiligabend noch Selfies macht und Fotos vom Gänsebraten auf Instagram postet, verpasst etwas: die Nähe zu den Menschen, denen wir am liebsten sind.

http://www.photocase.de/foto/1000209-stock-photo-mensch-kind-jugendliche-junge-frau-dunkel-gesicht

An Weihnachten starren wir gerne auf unsere Smartphones. © gennadi/ photo case.de

Als ich jünger war, habe ich an Weihnachten allen Menschen, die ich mochte, eine SMS geschickt. Das ging ganz schön ins Geld und war unfassbar anstrengend, aber ich habe mich gefreut. Während wir aßen und Weihnachtsgedöns machten, lag das Telefon immer lautlos im Nebenzimmer und manchmal bin ich ganz aufgeregt hingelaufen, um zu schauen, wer geantwortet hat.

In diesem Jahr sind Telefone bei gemeinsamen Essen gesellschaftsfähig geworden. Sie liegen auf den Tischen oder vibrieren in Hosentaschen, stets bereit, uns aus dem Elend des persönlichen Kontakts zu erlösen. Ich stelle mir die Perspektive meiner Eltern an Heiligabend vor: Statt meines Gesichts, das sie eh nur noch alle drei Monate live erleben dürfen, müssen sie sich zwei Stunden lang meinen Scheitel anschauen. „Jaja, ich hör trotzdem zu.“

„Jaja, ich hör dir trotzdem zu“, ist der Satz, den ich im Jahr 2014 am häufigsten gesagt habe und mir 2015 endlich abtrainiert habe. Ehrlicher wäre es nämlich, noch einen Satz dahinter zu hängen: „Ich höre dir zu – du bist mir aber nicht interessant genug.“

Weihnachtsgrüße von der Kloschüssel

Ein New Yorker Restaurant-Besitzer machte im vergangenen Herbst Schlagzeilen, weil er seinen Gästen ihre Smartphones vorwarf. Photos vom Essen und Chats zwischendurch hätten die Aufenthaltsdauer derart verlängert, dass das Essen am Ende kalt ist und nicht mehr schmeckt, schreibt NY Daily News. Und bei Youtube machen die Instagram Husbands auf ihr Schicksal aufmerksam:

Falls ihr also denkt, ihr würdet nur mal kurz aufs Smartphone schauen: Das hat den gleichen Effekt, wie wenn man euch nur mal kurz die Gabel in den Handrücken sticht. Mit dem Unterschied, dass ihr es verdient hättet.

Das Phänomen jedenfalls ist real: Unsere Familien haben uns ein paar Tage im Jahr für sich. Nachdem sie uns 18 Jahre lang nach Kräften großgepeppelt haben, haben sie drei Tage ungeteilte Aufmerksamkeit verdient. Wenn ihr unbedingt Selfies an eure Freunde verschicken müsst, macht das vom Klo aus.

Postkarten oder Snapchat?

Ich würde sehr gern dafür plädieren, dass wir uns uns alle gegenseitig Postkarten schicken (Hey! Lasst uns das machen!), aber ich kenne mich ja schon ein paar Jahre. Ich werd’s versuchen, aber erwartet lieber nicht zu viel von mir. Wahrscheinlich singe ich euch so gegen 21 Uhr bei Snapchat „Last Christmas“ vor.

Aber können wir uns bitte auf eine Sache einigen? Lasst diese unsinnigen Facebook-Posts. Soll ich mich liebgehabt fühlen, wenn ihr für eure 342 Facebook-Freunde (im Schnitt, die Zahl ist aber schon zwei Jahre alt) ein Bild postet, auf dem eine mittelniedliche Comicfigur frohe Weihnachten wünscht? Nein danke. Dann wünscht mir lieber gar nix; wünsch ich euch auch nicht.