Joe und das Sexkino: Kommen und Gehen

Joe ist Stammgast in einem Hamburger Etablissement, das eine Mischung aus Pornokino, Swingerclub und Stundenhotel ist. Was treibt ihn dort hin und was macht er da?

Auf der Eisentreppe im Pornokino klackert es. Schnelle Schritte stöckeln in die erste Etage des „Erotixx“. Joe läuft Richtung Treppe, kommt jedoch mit hängenden Schultern zurück zur Sitzrunde. „Nur ’ne Transe“, murmelt er und lässt sich auf die gepolsterte Bank fallen. Es ist Mitternacht. Seit drei Stunden wartet er auf Frauenbesuch. Doch die meisten Gäste sind hier männlich und wie Joe auf der Suche nach einer schnellen Nummer. Mit dem Tagesticket für 10,50 Euro können sie den Laden so oft betreten und verlassen wie sie wollen. Dort können sie jemanden spontan ansprechen oder eine Begleitung mitbringen. Die Kabinen sind weniger komfortabel, aber dafür deutlich günstiger als ein Hotelzimmer.

Als einzige Lichtquelle im schummrigen Raum flackern zwei Bildschirme über Joe. Auf dem Oberen schmieren sich mehrere nackte Frauen mit einer milchigen Flüssigkeit ein. Auf dem Unteren umspielt die gepiercte Zunge einer Asiatin einen Penis. 8.000 Filme hat „Hamburgs modernstes Sex Kino“ zu bieten. Doch die Hardcore-Szenen finden nur wenig Beachtung. Wichsen wird zur Nebensache. In der Seitenstraße der Reeperbahn suchen die Kund*innen einen besonderen Kick. Viele von ihnen sind – anders als Joe – schwul, bi- oder transsexuell und genießen die Anonymität.

In meinem Alter ist es ein harter Job, Frauen anzumachen.

– Joe

Alle zwei Wochen besucht Joe, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, das Erotixx. Die Nacht wird lang, also muss er am darauffolgenden Tag frei haben. An diesem Freitag duscht er nach seiner Taxischicht, rasiert sich „überall“ und verabredet sich mit seiner Bekannten, die „Brüste wie ein junges Mädchen“ hat, für ein Date in seinem Lieblingspornokino. Die beiden waren zwar schon öfter gemeinsam dort, aber in eine Kabine hat sie sich bisher nicht getraut. In seinem Alter sei es ein harter Job, Frauen anzumachen. Die Rente ist nicht mehr weit. Doch Joe sagt, er sei „fast 22“. Seine Augen funkeln dann unter dem Schirm der Baseball-Cap und Lachfältchen ziehen sich über die olivfarbene Haut.

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Seit 21 Uhr schrillt alle paar Minuten ein „Ding Dong“ durch den Eingangsbereich. Der Bewegungssensor meldet jede Person, die den “Adult Store” erkunden möchte. Im Erdgeschoss werden die Gäste von DVD-Hüllen mit gespreizten Vaginen und Aftern begrüßt. Die Filme sprechen jeden Geschmack an. Den Streifen „Fett und tierisch geil. 900 Kilogramm Gangbang Weltrekord“ gibt es für 14,95 Euro. „Danach geht jeder von Euch auf Diät“, heißt es auf dem Cover. Auch internationale Titel wie „Penetrazioni Violenti“ sind dabei. An der Kasse gibt es Billy Boys, „KlatschNass“ Gleitgel, Orbit Kaugummis und KitKat Schokoriegel. Ein Getränkekühlschrank versorgt Joe die ganze Nacht mit Jack Daniel’s Whiskey und Cola.   

Nach seiner Ankunft geht Joe mit einer Dose und ihrem hochprozentigen Inhalt in der Hand in Richtung Eisentreppe. Vorbei an bunten Dildos und Vibratoren, passend für alle Körperöffnungen, steigt er die Treppe hinauf. Dort präsentiert sich eine tabulose Welt auf mehr als 200 Quadratmetern. Männer jeden Alters und jeder Herkunft schleichen die engen, rotgestrichenen Gänge entlang. In dem Labyrinth aus 23 Einzel-, Doppel- und Liegekabinen sind viele Türen verschlossen. „Relax“ von Frankie goes to Hollywood tönt dumpf aus Lautsprechern. Eine Sitzrunde ist Zufluchtsort für Flirtende und Frustrierte. Dort nimmt Joe Platz – und wartet. 

Wie Joe nach Hamburg kam

Er hält vergeblich Ausschau nach Frauen. Seine Verabredung taucht nicht auf. Er dreht sich eine Zigarette und erzählt von einem Pärchen aus Polen. Die Frau habe hier oft Sex mit zehn Männern. Joe schaut gerne zu. Doch es gefällt ihm nicht, wie der Freund mit der Polin redet. „Macht die Schlampe fertig“, spornt der die anderen Männer an. Joe würde nur sagen: „Fick sie richtig oder so“. Aber „Schlampe“ bekäme er nicht über die Lippen.

Aus seiner Brieftasche zieht Joe zwei Fotos von seinen beiden Töchtern und grinst. „Fast so hübsch wie ihr Vater.“ Sie stammen aus einer früheren Beziehung. Er macht eine kurze Pause und wieder funkeln seine Augen. „Meine Mädels sind: Wow!“ Joe ist im südwestafrikanischen Angola aufgewachsen, wo erotische Spielkarten seine Fantasie anregten. Er ging zur Wirtschaftsschule, diente sechs Jahre in der Armee und verließ dann das kriegszerstörte Land. In Portugal lernte Joe eine Deutsche kennen. Er besuchte sie in Hamburg und blieb. Seit zwölf Jahren ist er Single. Aus seiner Heimat ist nur ein auffällig rollendes „r“ geblieben.

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Ein tiefes Stöhnen dringt aus der Kabine nebenan. Kurz danach öffnet sich die Tür und ein älterer Mann kommt heraus. Graue Papierhandtücher bringen die Mülleimer zum Überlaufen. Schwere Rauchschwaden und der Geruch alten Spermas liegen in der Luft, während Dieter Bohlen „you’re my heart, you’re my soul“ haucht. Einmal täglich in den Morgenstunden wischt ein Putzmann feucht durch. Am Wochenende hat das Erotixx durchgehend geöffnet. Nachtschwärmer*innen kommen vor allem wegen der „Glory Holes“, die in fast allen Kabinen zu finden sind. Die Löcher und Schiebefenster auf Gürtelhöhe ermöglichen unkomplizierte Sexkontakte. Ein einladender Blick kann schon reichen, um sich für zwei nebeneinander liegende Kabinen zu verabreden. Oder man nimmt einfach, was einem entgegengestreckt wird.

Wann kommt Joes Date?

Ein Besucher erklärt, dass er „normalerweise Hetero“ sei, aber „große Schwänze geil“ findet. Seine Freundin weiß nichts von seinem Hobby. Ihr davon zu erzählen, sei für den Außendienstmitarbeiter keine Option. “Sie würde eh nicht mitmachen.” Immer wieder huschen Männer in Netzstrümpfen und Dessous über das Nussbaumlaminat. Neben Joe zieht ein Mann seine blutbefleckte Hose runter, hält die Zigarette in der linken Hand und beginnt mit der rechten zu masturbieren. Hektisch rubbelt er einige Minuten an seinem Penis, aber richtig steif wird er nicht. Joe senkt die Stimme: „Die meisten hier sind schwul oder Stricher. Ich gehöre zu den letzten Mohikanern, die auf Frauen warten.“ Seine Bekannte mit den jugendlichen Brüsten ist auch nach viereinhalb Stunden nicht erschienen.

Um 1:30 Uhr zieht Joe aufgeregt eine zierliche Frau mit schwarzen gelockten Haaren und Creolen an dem „Prostitution Verboten“-Schild vorbei. Ihr Parfum kämpft gegen das Verblassen. In der Pärchenkabine ziehen sich beide aus. Ihr Umgang ist vertraut, fast freundschaftlich. Die Klamotten stapeln sie routiniert in verschiedenen Ecken und überbrücken die Zeit mit Smalltalk. Die Luft ist verbraucht, es stinkt nach Schweiß. Joe behält nur die Baseball-Cap auf und präsentiert seinen schlanken, haarlosen Körper. “Mit so einem großen Schwanz muss ich nicht bezahlen”, behauptet er. Sie lacht. Zu einem Schwulenporno im Hintergrund dringt er in sie ein. Sie wechseln mehrfach die Stellung auf einem Podest – alles ohne Gummi.

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Joe ist in seinem Element. Seine Zehen krümmen sich, doch wenn der Reiz zu groß wird, dreht er ihren Körper in eine andere Position. “So ein schöner Arsch.” Rein darf er trotz des Kompliments nicht. Sie stöhnt zwar genüsslich, wünscht sich aber auch, dass er “endlich abspritzt”. Den Orgasmus spart Joe sich lieber auf. Er möchte nur eine Pause und später weitermachen. “Ich bin ein alter Opa. Ich kann nicht zweimal kommen”, sagt Joe, der von einer früheren Besucherin den Spitznamen “Rambo” erhalten hat.

Hinterher versichert er, dass die Bulgarin bei allen anderen Männern Kondome nutzen würde. Nach fünfzehn Minuten gehen sie auf die Partymeile vorm Erotixx. Angeheitert vom Geschlechtsverkehr und Alkohol hält Joe Ausschau nach der nächsten Frau. Er setzt sich auf einen Betonblock mit Blick auf die Straße und sagt: “Ich habe zwei gesunde Töchter. Sonst habe ich nichts, aber ich bin glücklich.” Seifenblasen regnen aus dem dritten Stock des Gebäudes auf Männer, die gegen einen Bauzaun pinkeln. Eine feste Freundin wünscht sich Joe „erst mit 90 oder 100“. Dann schüttelt er den Kopf: „Nee, wenn ich die Richtige finde und sie mit mir in Swingerclubs geht.“