Junge Menschen in Griechenland haben den Glauben an bessere Zeiten verloren

Auch wenn nicht mehr viel darüber berichtet wird, die Wirtschaftskrise gibt es noch. Das spüren vor allem die Menschen in Griechenland. Sie fühlen sich verraten und vergessen. Wir haben junge Griechinnen und Griechen auf den Athener Straßen zu Wort kommen lassen.

© Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Gute Frage. © Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Seit dem Jahr 2010 steckt der griechische Staat in einer Finanzkrise. Zumindest wurde zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal klar, dass das Land die Staatsschulden nicht mehr eigenständig abbauen kann – es musste um externe Hilfe bitten. Um den totalen Bankrott zu verhindern, schnürte die Troika (Europäische Kommission, Europäische Zentralbank, Internationale Währungsfonds) seither drei Reformpakete über viele Milliarden Euro, die mit strengen Auflagen verbunden sind. Steuererhöhungen, Sparmaßnahmen, Privatisierungen – Einschnitte, unter denen die griechische Bevölkerung bis heute leidet.

„Es geht einfach nur um den Kapitalismus. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe. Es geht nicht um uns. Wir spielen keine Rolle.“ – Irene, 26 Jahre

In Hoffnung auf Besserung setzten die Griech*innen auf Alexis Tsipras. Er forderte den Erlass der Staatsschulden und eine Lockerung der Sparmaßnahmen. Er versprach Steuersenkungen, kostenlosen Strom, eine bessere Gesundheitsversorgung und Arbeitsplätze. Für die Griech*innen klang das hervorragend. Seine Partei SYRIZA kam im Januar 2015 in einer Koalition mit der nationalkonservativen ANEL-Partei an die Macht. Und für den neuen Ministerpräsidenten galt: Erwartungen erfüllen, den versprochenen Aufschwung herbeiführen.

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Im Mai 2016 ist der Aufschwung immer noch nicht da. Wahlversprechen und Realität gehen weit auseinander. Inzwischen ist Griechenland durch die europäischen Flüchtlingskrise außerdem einer Doppelbelastung ausgesetzt. Der Rückstau der aus Syrien Geflüchteten ist kaum zu bewältigen, das Land ist mit der Versorgung überfordert. Das alles, obwohl das Land faktisch zahlungsunfähig ist. Die Bevölkerung fühlt sich im Stich gelassen, von ihrem Parlament und von der EU.

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Vor allem die jungen Griech*innen sind mürrisch, denn sie haben keine Lust mehr, auf bessere Zeiten zu hoffen. Wir haben uns auf den Straßen in Athen umgehört. Die Menschen, die wir interviewt haben, wollten nicht, dass wir ihre Bilder hier zeigen.

Dimitris, 32 Jahre

Die Wirtschaftskrise der letzten Jahr hat uns unsere Hoffnung und Träume auf eine bessere Zukunft genommen. Nichts, was wir uns als Kinder gewünscht haben, gibt es noch. Es gibt kaum Arbeit. Und falls doch, zahlen Firmen so wenig, dass es nicht mal für grundlegende Dinge ausreicht. Wegen der anhaltenden Krise können wir uns nicht entspannen, oder wieder Spaß haben. Dinge, die für junge Leute sehr wichtig sind. Ich kann nicht mal an die eigene Familiengründung denken, weil die Zukunft einfach so ungewiss ist.

Alexandra, 35 Jahre

Ich bin sehr enttäuscht. Ich fühle mich schwer betrogen. Unser Geld wurde einfach gestohlen. Meine Generation konnte nie einfach mal entspannen und durchatmen. Wir wurden in die Irre geführt, uns wurde nie die Möglichkeit gegeben, unsere Leben zu regeln oder das Leben zu erreichen, das wir uns als Jugendliche gewünscht hatten. Wir sind nicht frei, wir sind gefangen. Man täuscht uns Freiheit vor, aber eigentlich haben wir keine Wahl. Die jetzige Situation bestimmt, wie wir zu leben haben. Ich fühle mich aber nicht von Tsipras verraten, weil ich seine Versprechen ohnehin nie geglaubt habe.

Ein Plakat auf der Athener Uni fordert zur Demonstration gegen europäische Bevormundung auf. | © ze.tt

Penelope, 29 Jahre

Die Wirtschaftskrise ist extrem hart für uns und es sieht nicht so aus, als würde es jemals besser werden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir keine gute Zukunft vorstellen. Meine Psyche ist von all diesen negativen Zukunftsszenarien ziemlich angeschlagen, ich fühle mich sehr, sehr unsicher.

Sophia, 28 Jahre

Wir sind nicht mehr sauer, wir haben einfach aufgegeben. Wir wissen, dass wir von allen übers Ohr gehauen wurden. Von unserer eigenen Regierung, von Europa, es gibt niemanden, dem wir vertrauen können. Wir haben nichts mehr übrig. Die Politiker machen mit uns einfach, was sie wollen. Sie haben uns Bürger zurückgelassen, wir sind leer, wir haben alles gegeben, was wir haben. Und um aus dieser Krise rauszukommen, brauchen wir Hoffnung, Pläne, Ideen. Aber die sind alle weg. Ich weiß nicht, wohin das alles führt.

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Tsipras macht alles, was die EU von ihm verlangt. Und das, obwohl er derjenige war, der am meisten gegen die Auflagen der EU gewettert hat. Er machte so viele Versprechungen, er öffnete sein großes Maul, und wie sich herausstelle, kam nur heiße Luft raus. Jetzt gibt es sogar Proteste gegen ihn, die er selbst unterstützt. Wie dumm ist das denn? Er sagt dann Scheiße wie: „Ich weiß, wir wollen diese Dinge nicht tun, aber wir müssen.“ Er ist also FÜR die Leute, die gegen ihn demonstrieren gehen. Das ist lächerlich.

Im Prinzip erpresst uns die EU. Entweder erfüllen wir die Auflagen oder wir werden zurückgelassen, um zu sterben. Auch mit den geforderten Reformen gibt es für uns keine Zukunft. Niemand schafft Jobs, sie machen nichts für uns. Sie nehmen uns bloß Dinge weg, sie geben nichts zurück.

Bernadette, 28 Jahre

Ich lebe gar nicht mehr in Griechenland. Ich bin 2013 wegen der Wirtschaftskrise gegangen, aber seither hat sich rein gar nichts geändert. Alles blieb gleich, eigentlich sind ein paar Dinge sogar schlechter geworden. Das verführt mich nicht gerade zum Zurückkommen. Die Sache ist: Die Griechen kümmern sich immer nur um sich selbst, um ihr Haus und ihr Leben. Sie stimmen überall zu, solange sie am Ende gut dastehen. Sie zahlen irre Steuern, weil sie ohnehin keine andere Wahl haben.

„Ich vermisse Griechenland. Ich vermisse meine Leute. Aber ich kann nicht zurückkommen. Es gibt kein ‚zurück‘. Es gibt gar nichts.“ – Bernadette, 28 Jahre

SYRIZA schien anfangs eine gute Option zu sein, ich habe ihnen geglaubt und sie unterstützt. Wie sich aber herausstellte, sind alle gleich scheiße. Am Ende haben wir eigentlich gar keine Regierung. In Wahrheit regieren uns irgendwelche Leute in der EU. Menschen, zu denen wir nicht Nein sagen können. Zum Beispiel Merkel. Ich persönlich bin doppelt traurig. Klar, in England, wo ich jetzt lebe, werde ich mehr anerkannt. Ich arbeite hart. Aber ich kriege auch, was ich verdiene. In Griechenland ist es egal, ob du hart arbeitest oder nicht. Du kriegst nicht das, was du verdienst. Trotzdem, ich vermisse Griechenland. Ich vermisse meine Leute. Aber ich kann nicht zurückkommen. Es gibt kein „zurück“. Es gibt gar nichts.

Eine Demonstrantin während des Besuchs von Finanzminister Schäuble in Athen am 18. Juli 2013 | © Aris Messinis/AFP/Getty Images
Eine Demonstrantin während des Besuchs von Finanzminister Schäuble in Athen am 18. Juli 2013 | © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Sofia, 28 Jahre

Das einzige, das ich bezüglich der wirtschaftlichen Situation meines Landes fühle, ist Enttäuschung. Ich kann nicht mehr träumen oder mein Leben planen. Wir sind bloß Puppen in den Händen der Politiker, niemand passt wirklich auf unser Land auf.

Mara, 27 Jahre

Tsipras schien damals einfach das geringste Übel zu sein. Für mehr als 30 Jahre hatten korrupte, rechte, gierige Politiker das Land regiert. Eine linke Regierung schien ein Lichtblick zu sein, fast schon ein historischer Moment. Wir wollten alle glauben, dass dieser Wechsel Besserung bringt, mehr Würde, eine starke Stimme gegen Troika und EU. Was für ein romantischer Gedanke. Klar, sie waren weniger korrupt und gesellschaftlich verträglicher, aber sie waren unerfahren und nicht stark genug, um eine derartige Situation zu bewältigen. Tsipras ist nicht die strahlende Führungsperson, die er anfangs vorgab zu sein. Das Schlimmste ist, dass wir es jetzt offiziell wissen: Egal, wer das Land regiert, egal, für wen wir stimmen, die Entscheidungen kommen von außerhalb. Wenn Griechenland eine Schule wäre, wäre unsere Regierung die Schülerberatung. Brüssel und Deutschland wären die Schulleiter, mit dem ganzen Geld und der echten politischen Macht. Das ist Kapitalismus.

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Noch schlimmer ist, dass ich Familie und Freunden dabei zusehe, wie sie das Land mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verlassen. Und sie haben nicht vor, in nächster Zeit zurückzukommen. Wir haben diese Art von Demütigung nicht verdient. Ich hasse es zu sehen, wie gebildete Menschen hier keinen Job finden, wie Tiere arbeiten müssen, nur um 500 Euro im Monate zu verdienen.