Junge Menschen in Sarajevo: Bleiben oder auswandern?

Viele junge Menschen müssen Bosnien-Herzegowina verlassen, weil sie keine Arbeit finden. Wer bleibt, hofft darauf, dass das Land endlich aufblüht. Ein Besuch.

In welche Richtung sich Sarajevo entwicklen wird, ist fraglich. Bilder © ze.tt

Der alte Mercedes rollt durch die Vororte um Sarajevo. Kurvige Straßen Berge hinauf und wieder hinunter. Zwischen den Dörfern stehen verlassene und zerbombte Häuser. Auch die bewohnten Häuser tragen die Wunden des Krieges noch an ihren Fassaden. Manche Einschusslöcher wurden mit Putz verspachtelt, andere blieben unberührt, als hätte der Krieg erst gestern aufgehört.

Die Sonne brennt vom Himmel, fast 40 Grad, auf den Grills vor den Restaurants werden trotzdem ganze Tiere auf Spießen gedreht: Schwein, Rind oder Lamm. Je nachdem, ob Minarette oder Kirchtürme die Orte schmücken. Alte Männer sitzen auf Bänken und trinken Tee. Frauen verkaufen an den Straßenrändern Honig und Obst. Und die Jungen? „Die sind weg“, erklärt der Taxi-Fahrer aus einer Industriestadt im Nordosten. Er fuchtelt mit seinen Händen herum. „Alle weg!“

Auch seine beiden Töchter seien nach Deutschland gezogen. Sie konnten nach ihrem Studium keinen Arbeitsplatz finden. Er kramt in der Hosentasche, fingert sein Telefon heraus und zeigt ein Bild seiner Tochter, die mit einem Pass in der Hand stolz in die Kamera lächelt. „Meine Tochter ist jetzt eine Deutsche“, erklärt er. Die bosnische Staatsbürgerschaft habe sie dafür abgelegt. Die Frage, ob es ihm nichts ausmache, versteht er nicht. „Wofür bosnischen Pass?“, fragt er immer wieder und sieht mich fragend an.

58 Prozent der bosnischen Bevölkerung zwischen 15 und 24 Jahren sind ohne Arbeit.

Die verlorene Generation des Balkans

Wenn in Europa die Rede von einer verlorenen Generation und Massenarbeitslosigkeit unter Jugendlichen ist, denken wir an Länder wie Griechenland oder Spanien. Doch auch auf dem westlichen Balkan gehören arbeitslose Jugendliche und Universitätsabsolvent*innen zur bitteren Realität. Die Töchter des Taxi-Fahrers sind mit ihrer Entscheidung nicht allein. 2014 haben 60.000 Bosnier*innen ihre Staatsbürgerschaft aufgegeben. Viele von ihnen waren junge Menschen und gut ausgebildet.

Laut Angaben der Weltbank sind 58 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 24 Jahren ohne Arbeit. Dieser Prozentsatz liege nicht nur doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote im Land; er ist auch ein unrühmlicher Spitzenwert im Vergleich mit anderen Staaten des Westbalkans, wie die nzz berichtet. Bosnien-Herzegowina ist kein Mitglied der Europäischen Union, es stehen keine milliardenschweren Hilfsgelder auf dem Spiel. Darum lesen wir hier in Deutschland auch so wenig darüber.

Tourist*innen in der Altstadt in Sarajevo.

Warum geht es gerade Bosnien so schlecht?

Schuld an der Perspektivlosigkeit unter den Jungen ist die wirtschaftliche Lage des Landes. Sie ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Korruption und Vetternwirtschaft. Vieles davon ist auch auf den Krieg zurückzuführen. Im März 1992 erklärte Bosnien-Herzegowina seinen Austritt aus dem Staatsverband Jugoslawiens; es folgte ein dreijähriger Krieges zwischen serbischen, kroatischen und Einheiten der Bosniak*innen. Das Land ging aus dem Krieg als Staat hervor, der sich in die Föderation Bosnien-Herzegowina, die Republika Srpska sowie das Sonderverwaltungsgebiet Brčko Distrikt aufteilt.

Die komplizierten Strukturen und aufwendigen Abläufe ergeben noch heute unsichere Rahmenbedingungen für nationale und ausländische Investoren. Darum erholt sich die Wirtschaft auch nur sehr schleppend.

Die Spuren der Belagerung sind heute Sehenswürdigkeiten für Tourist*innen. Etliche Reiseführer*innen bieten Touren an.

Arbeitslos und selbst schuld?

Laut einer Studie des unabhängigen bosnischen Forschungsinstituts Populari sind diese Umstände aber nur die halbe Wahrheit: Die Jungen seien mitschuldig an der Misere. Besonders schlecht schnitten Universitätsabgänger*innen ab. Vielen jungen Bosnier*innen fehle es schlicht an der richtigen Einstellung und am Arbeitswillen, um sich in einem schwierigen Marktumfeld durchsetzen zu können. So das Fazit.

„Es heißt immer, der einzige Grund für die missliche Lage junger Arbeitsloser sei die schlechte Wirtschaftslage und der Mangel an Möglichkeiten. Die Einstellung der jungen Leute wird dabei übersehen“, stellt die slowenische Politikwissenschaftlerin Katarina Cvikl, die seit 2012 für das Institut arbeitet, gegenüber der Frankfurter Allgemeine Zeitung fest.

Den Kindern würde etwa eingeredet werden, zu wertvoll für unbezahlte Praktika zu sein. Dabei ist es heute nichts Besonderes mehr, Hochschulabsolvent*in zu sein. Jahr für Jahr gibt es in Bosnien-Herzegowina mehr Studierende, obwohl die Bevölkerungszahl des Landes stark schrumpft. Velma Saric etwa macht mit dem von ihr gegründeten Post Conflict Research Center ähnliche Erfahrungen wie das Institut. „Viele junge Arbeitslose sitzen den ganzen Tag im Café und beklagen ihre Lage; doch wenn man ihnen eine Chance bietet, sind sie nicht bereit, diese auch zu packen“, sagt sie gegenüber nzz.

Nicht alle gehen: Manche bleiben

Manche junge Menschen versuchen in ihrem Land aber etwas zu ändern, gegen die verhärteten Strukturen zu kämpfen. Maja Bahtijarević und Johanna Jannsen haben einen Film über sie gemacht. Ostajem – Ich bleibe hier. konzentriert sich auf junge Menschen, die trotz all den Schwierigkeiten bleiben. Die Dokumentation lief am diesjährigen Sarajevo Filmfestival und erzählt die Geschichten von Menschen wie Stefan Marinković aus Sarajevo, der Chemie studiert und sich in einem Verein für die Rechte junger Menschen engagiert, Jelena Kovač aus Mostar, die Jura studiert und sich mit Freund*innen in der Schülervertretung einsetzt oder Predrag Borojević​ aus Gradiska​, der die NGO Most gründete und versucht den Jungen so eine Perspektive zu geben.

Stefan Marinković, Jelena Kovač und Predrag Borojević​. (links oben, nach rechts unten) © Ostajem – Ich bleibe hier

Maja ist selbst eines der sogenannten Diaspora-Kinder. Sie war sechs Jahre alt, als ihre Eltern wegen dem Krieg von Bosnien-Herzegowina nach Deutschland flüchteten. „Wir wollten eigentlich einen positiven Film machen, einen, der nicht den Krieg zum Thema hat. Mussten aber ziemlich schnell feststellen, dass es – vor allem erst 25 Jahre danach – kein Bosnien-Herzegowina ohne Krieg gibt“, erklärt sie gegenüber ze.tt.

Sie selbst spielt mit dem Gedanken, nach Bosnien zurück zu gehen. „Die Dreharbeiten zeigten mir, wie stark Menschen unseren Alters das Erbe ihrer Eltern mittragen und wie sehr sie die Konsequenzen des Krieges beeinflussen. Aus den Erzählungen der Protagonisten konnte ich sehen, dass wir Diaspora-Kinder ganz andere Möglichkeiten haben, als die die in Bosnien geblieben sind.“

Sarajevo wird hip

Zlatna Ribica-Goldfisch-Bar in Sarajevo mischt Hipster mit Nachkriegs-Intellektuellen Atmosphäre.

Geht man durch die Straßen von Sarajevo, hat man den Eindruck, dass die junge Generation dem Kriegstraumen doch entfliehen kann. Während des jährlichen Filmfestivals floriert die Stadt, ja sie pulsiert. Ganze Brücken werden gesperrt und zu Clubs umgestaltet, auf der Einkaufsstraße Rock-Konzerte gegeben und Bars beschallen ganze Viertel.

In dieser einen Woche im August ist Sarajevo eine Stadt voller Party, Kultur und junger Menschen. Eins ist klar, das Festival bildet nicht die alltägliche Realität ab, zeigt aber welches Potenzial in der Stadt steckt.

In den vergangenen Jahren hat sich das öffentliche Bild der Stadt gewandelt. Sarajevo wurde zu einem neuen Hotspot in Europa, der auch Backpacker*innen anzieht. Es eröffneten zahlreiche neue Hostels, Bars und Lokale. Generell tut sich in der bosnischen Hauptstadt viel. Immer wieder ist sogar von Europas Jerusalem die Rede. Wikipedia sagt dazu: „Sarajevo hat eine sehenswerte orientalisch geprägte Altstadt mit mehreren Moscheen und Kirchen, dem Baščaršija-Platz und zahlreichen Geschäften.“ Doch die Stadt kann mehr.

Ein Skateshop in der Altstadt

Mit dem Board Room wurde endlich ein Treffpunkt für Subkultur geschaffen.

So eröffnete direkt in der Altstadt Baščaršija ein Skateshop mit Bar. Für viele Städte wäre das an sich nichts Revolutionäres, für die bosnische Hauptstadt sehr wohl. Die Geschäfte im Bazar werden nach wie vor von der Mafia kontrolliert. Ohne Beziehungen kommt man erst gar nicht an die beliebten Geschäftslokale. Nun schallt Hip-Hop aus dem Skateshop. Junge Menschen sitzen in den Fenstern der Bar. Nebenan werden traditionelle Teppiche und Wasserpfeifen verkauft. Dazwischen ein neuer Ort für die Jungen, für Subkultur. Lange gab es nichts dergleichen in der Altstadt.

Alle wollen mitbestimmen

In welche Richtung sich Bosnien-Herzegowina entwickeln wird, daran sind viele Länder mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen interessiert. Man kann sich das Land wie ein Wollknäuel vorstellen, an dem von allen Seiten gezogen wird und sich die Fäden immer mehr ineinander verheddern.

Zum einen investiert die Türkei, speziell unter Erdoğan, viel in das Land, seinem Freund auf dem Balkan. Auch die Golfstaaten und Saudi-Arabien bauen Moscheen, Universitäten und Shoppingmalls. Das Land gilt für viele Araber*innen als der Treffpunkt zwischen westlicher Kultur und Islam. Eine Brücke hin zum Westen, die nicht zu weit reicht. Darum sieht man auf den Straßen der Hauptstadt und in Mostar auch so viele arabische Tourist*innen.

Auf der anderen Seite die europäische Länder, die investieren und mitreden wollen. Wie es etwa Deutschland durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tut.

Die Hälfte der Bosnier*innen ist muslimisch, 30 Prozent serbisch-orthodox und circa 15 Prozent kroatisch römisch-katholisch. (Quelle Zensus 2013)

„Sarajevo ist wunderbar, wenn du eine andere Heimat in Europa hast“, sagt eine bosnische Freundin, während wir den Hügel nach unten gehen. Als die Muezzins der Moscheen nach einander zum Gebet aufrufen, schlendern wir gerade an leeren Bars voller Bierflaschen und Überbleibsel der Abschlussparty des Filmfestivals vorbei.

Mich lässt der Gedanke nicht mehr los, wie wunderbar es wäre, wenn Sarajevo als ein Vorbild für den Spagat zwischen Moderne und Tradition, Jung und Alt, Alkohol und Glauben, Schweine- und Lammfleisch, gesehen werden würde. Als Beweis, dass multikulturelle Gesellschaft keine Fiktion ist.