Welche Rolle der Islam für junge Moslems in Deutschland spielt

Es scheint, Salafismus sei derzeit die einzige Assoziation, welche die Medien für Muslime und den Islam übrig haben. Wir baten unsere muslimischen Freunde, uns etwas mehr von ihrer Religion und ihrem Glauben zu erzählen.

Foto: Hanna Fecht

Junge Muslime in Deutschland erzählen von sich. Foto: Hanna Fecht

Eda (21), Studentin im Bereich Bauingeneurwesen

Eda
Eda. Foto: privat

Ich bin durch die Erziehung meiner Eltern in die Religion hineingeboren und der Islam ist und bleibt immer ein Teil meines Lebens. Das wird sich auch nicht ändern. Ich finde es schlimm, dass der Islam wegen des “islamischen Staates” von vielen falsch verstanden wird. Und das, obwohl der “Islamische Staat” den Islam falsch versteht.

Die Medien machen den “islamischen Staat” zum Aushängeschild des Islams – er steht für Mord, Terror und Extremismus. Das ist schlimm, insbesondere für uns Moslems. Damit wollen wir genauso wenig in Verbindung gebracht werden wie ein Deutscher mit Hitler. Natürlich lebt jeder seinen Glauben anders aus: Viele meiner Freunde trinken keinen Alkohol und tragen Kopftuch oder gehen anderen religiösen Pflichten nach. Das macht sie aber genauso wenig zu Fanatikern, wie es mich zu einem schlechten Moslem macht, weil ich Alkohol trinke und kurze Kleider trage, wenn ich ausgehe.

Es geht nicht darum, sich fromm für die Religion zu verändern, sondern darum, dass die Religion dich und dein Handeln verändert und positiv beeinflusst. Würde man mich fragen, was einen guten Moslem ausmacht, würde ich sagen: Genau das gleiche, das einen guten Menschen ausmacht. Ein reines Herz. Was ich am Islam besonders schätze, ist, dass den Eltern ein hoher Stellenwert zugeschrieben wird. Man sagt, “das Paradies liegt unter den Füßen der Mutter”. Das finde ich schön.

Sanaa (25), Psychologie-Studentin

Sanaa
Sanaa. Foto: privat

Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen. Meine Eltern haben mir schon früh die Grundlagen des Glaubens beigebracht und betont, welche Bedeutung die Praxis für unser Leben hat. In meiner Jugend hatte ich allerdings oft Phasen, in denen ich mich gefühlt habe, als säße ich zwischen zwei Stühlen: Meine Schulfreunde pflegten einen anderen Lebensstil als ich.

Ich begann viele Dinge zu hinterfragen und beschäftigte mich intensiv mit den Lehren des Islams, um herauszufinden, welche Vorschriften religiös bedingt und welche nur kulturelles Erbe sind. Ich lese den Koran sowohl in Deutsch als auch Arabisch. Ich halte das für sehr wichtig, weil wir daran glauben, dass der Koran Gottes Wort und eine Botschaft für alle Menschen ist. Ich würde mich selbst als praktizierende Muslima bezeichnen. Auch die Pilgerfahrt nach Mekka steht definitiv auf meiner Bucket List – ich muss nur noch genug Geld dafür sparen.

Der Islam erfüllt mich sehr, deshalb nehme ich ihn ernst. Ich versuche mich so gut es geht an die Vorschriften zu halten. Dazu gehört zum Beispiel das Einhalten der Gebete, die Fürsorglichkeit für andere Menschen, regelmäßiges Spenden und vor allem die Entwicklung eines vorzüglichen Charakters. Ein wichtiges Motiv im Islam ist, sich für die Gesellschaft und die Welt verantwortlich zu fühlen und Menschen jeder Religion oder Kultur zu helfen.

Deshalb bin ich seit meinem 13. Lebensjahr in der Muslimischen Jugend in Deutschland e.V. aktiv, bei der ich mich für die Rechte von muslimischen Jugendlichen einsetze und sie motiviere, sich in der deutschen Gesellschaft zu engagieren. Außerdem bin ich seit einigen Jahren Vorstandsmitglied des Islamischen Kulturzentrums in Greifswald e.V., mache dort Führungen für Schulklassen und setze mich für das Empowerment von Frauen und Geflüchteten ein.

Hüseyin (25), Auszubildender

Hüseyin
Hüseyin. Foto: privat

Ich schätze, dass der Glaube mich gefunden hat – nicht ich ihn. Ich erinnere mich daran, im Alter von sechs Jahren meinen Großvater beim Gebet nachgeahmt zu haben; ein paar Jahre später bin ich dann mit meinem Vater zusammen in die Moschee gegangen, um den Koran auswendig zu lernen. Ich habe angefangen zu verstehen, was der Islam mich lehrt und bin immer noch dabei, den Islam zu finden. Dieser Prozess wird vermutlich auch bis zum Ende meines Lebens anhalten.

Man hat immer Zeiten, in denen man den Kontakt zu Gott mehr oder weniger sucht: Es gab da einen Todesfall in meinem Freundeskreis. In dieser Zeit war der Halt, den mir der Islam gab, besonders ausschlaggebend, um das alles zu verarbeiten. Aber bis auf den Unterschied, dass ich an Heiligabend keine Geschenke öffne und dafür einen Monat im Jahr weder esse noch trinke, solange die Sonne am Himmel steht, sehe ich keinen Unterschied zu mir und meinen nicht-muslimischen Freunden.

Ich bin hier aufgewachsen und genieße meine Freiheit ganz genauso wie sie. Der Vollbart, den ich trage, löst durchaus manchmal skeptische Blicke aus. Ich denke, das ist die Unwissenheit vieler Leute, die sich Stereotype haben eintrichtern lassen, aber ich muss auch sagen, dass die meisten Leute sich gut mit dem Islam auskennen und ihn genauso wie mich tolerieren, solange ich ihnen keinen Grund gebe, das nicht zu tun.

Hakan (22), studiert Germanistik und Geschichte auf Lehramt und macht gerade ein Auslandsjahr in Istanbul

Hakan (1)
Hakan. Foto: privat

 

Für mich gibt es jeden Tag kleine Augenblicke, in denen ich merke, wie mich der Islam stärkt. Wenn etwas in meinem Leben schiefgeht, ich an mir zweifle, mich schwach fühle und keinen Ausweg mehr aus einer Situation sehe, stärkt mich mein Glauben und schenkt mir Hoffnung.

Da ich arabisch lesen, aber nicht verstehen kann, habe ich den Koran sowohl mit deutscher als auch mit türkischer Übersetzung gelesen. Ich finde, es ist sehr wichtig, den Koran gelesen zu haben. Er wird jedem Muslim und Islam-Interessierten als Anleitung dienen und vieles näher veranschaulichen. Die Interpretation und die Vergleiche mit dem eigenen Leben werden automatisch folgen.

Es gibt den Koran schon seit Jahrtausenden und in all dieser Zeit wurde nicht ein einziger Buchstabe verändert. Der Koran ist in erstaunlich vielen Bezügen immer noch gegenwärtig und passt zu unserer Zeit. Anders als viele denken, ist die Frau im Islam, und damit auch in der Ehe, sehr wichtig. Der Mann sollte die Frau wertschätzen, die Frau wiederum den Mann zur Seite stehen, wenn er keine Kraft mehr hat. Der gegenseitige Respekt in der Ehe und auch die Gleichberechtigung und Harmonie, das gegenseitige Unterstützen im Alltag sind im Islam sehr wichtig. Das finde ich inspirierend.

Yasmin (20), Studentin im Bereich Sozialwissenschaften

Yasmin
Yasmin. Foto: privat

„Wahrlich! Von Allah kommen wir und zu ihm kehren wir zurück“. Dieser Satz aus dem Koran, hat mir im Tiefpunkt meines Lebens die Augen geöffnet. Natürlich war mir bewusst, dass jeder Mensch im Diesseits sterben wird. Jedoch lässt du diese Phrase erst richtig an dich heran, wenn du einen über alles geliebten Menschen unerwartet verlierst. Ich kann mit großer Überzeugung sagen: Hätte ich meine Religion in dieser Zeit nicht gehabt, wäre ich wahrscheinlich bereits freiwillig in den Tod gegangen.

Das war genau die Zeit, in der ich mein Wissen erweitern wollte. Ich lerne von Tag zu Tag mehr über meine Religion: sei es durch die Treffen der Mädchengruppen, durch das Wissen von Verwandten und Bekannten, durch Vorträge oder durch eigene Erforschungen im Netz. Ich lebe meine Religion aus, verrichte fünfmal am Tag das Gebet, befinde mich derzeit im Fastenmonat Ramadan und passe mich dennoch an die deutsche Kultur an. Ich gehe mit meinen Freundinnen aus und kenne dabei meine Grenzen. Aber eben meine Grenzen, nicht die eines Gelehrten.

Ich bin Muslima und trage kein Kopftuch. Bin ich dann überhaupt noch Muslima? Oder bin ich, wegen des fehlenden Kopftuchs gar nicht dazu berechtigt, meine Religion auszuleben? Absoluter Schwachsinn! Diese Barrieren sollten endlich gebrochen werden. Freiheit bedeutet für mich, meine Meinung äußern zu können, mein Leben so zu gestalten wie ich es für richtig halte, solange ich dabei niemanden Schaden zufüge. Und das steht für mich in keinem Widerspruch zum Islam. Es heißt ja auch gar nicht, dass Jugendliche bzw. Kinder in islamischen Ländern gar keine Freiheiten hätten. In meiner Heimat Marokko sieht das ganz anders aus als zum Beispiel in Saudi-Arabien.