Junge Ukrainer*innen sagen: „Wir gehören nach Europa!“

2014 träumten viele Ukrainer*innen vom EU-Beitritt ihres Landes. Zweieinhalb Jahre nach dem Euromaidan ist der in weite Ferne gerückt. Wie geht es ihnen damit? Was denken sie über die Zukunft ihres Landes? Und was über Europa? Mit diesen Fragen ist unser Autor Alexander Hertel einen Monat lang per Couchsurfing durch die Ukraine gereist. 

Die zwei jungen Ukrainer Sem und Vlad in Lemberg

Die zwei jungen Ukrainer Sem und Vlad in Lemberg © Alexander Hertel

„Du willst also über Europa reden“, brummt Sem, während er an seinem hochprozentigen Cocktail nippt und mich herausfordernd anguckt. Der gebürtige Moskowiter spricht ein schnelles, geschliffenes Geschäftsenglisch: „Europa, das sind für mich Wohlstand, Freiheit und Liberalismus; gute Straßen und schnelle deutsche Autos natürlich.“

Ihm gegenüber sitzt Vlad, mein erster Couchsurfing-Host in Lemberg, der westlichsten Großstadt der Ukraine. Wir sind in einer hippen Kellerkneipe in der Altstadt. Aus den Boxen dröhnt ukrainischer Konservenpop. Die Mädels am Nachbartisch reden über Designer-Schuhe.

Die Mitte Europas

Ob das Land zu Europa gehöre, frage ich Vlad. Empört streckt er seinen Oberkörper durch. „Natürlich! Geografisch liegen wir in der Mitte Europas und kulturell sind wir euch auch näher als Russland“, ruft er. „Naja“, wirft Sem ein, „die meisten Ukrainer sind schon den Russen ähnlicher. Also nicht mir. Ich fühle mich auch irgendwie in Westeuropa wohler. In Amsterdam oder Paris. Nur die vielen Neger da sind ein Problem.“ Der Satz hallt einige Sekunden nach, dann beginnt eine lebhafte Debatte über Werte und Freiheiten.

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„Wir reden sonst nie über Politik“, sinniert Vlad viele Stunden später, als wir den letzten Absacker auf seiner Küchencouch trinken. „Sem und mir ist das alles egal. Wir können ja eh nichts ändern. Also konzentrieren wir uns aufs Geschäft.“ Beide arbeiten in der Unternehmenskommunikation.

Sem versichert derweil mehrfach, dass er das mit den Negern nicht so gemeint habe. In Russland sage man das halt so unreflektiert. Vlad nickt zustimmend. Gedankenverloren schiebt er hinterher: „Irgendwie scheint es schwerer als gedacht, ein guter Europäer zu sein.“

Schwarzmeer-Blues

Einige Tage später erreiche ich mitten in der Nacht die Schwarzmeermetropole Odessa. Ich gehe vorerst ins Hostel. Ann ist sichtlich übermüdet, als sie mir den Zimmerschlüssel und ein Handtuch reicht und sich ein Lächeln abquält: „Wenn etwas ist, ich bin immer hier.“ Am nächsten Tag schniefe ich erbärmlich und entscheide mich, die nächsten Tage im Hostel zu bleiben. Ann ist tatsächlich 24 Stunden am Tag da.

„Ich schlafe im Mädchenzimmer mit den anderen Gästen“, erzählt sie mir Tage später, als wir auf einen Kaffee und mehrere Zigaretten vor dem Hostel sitzen. „Studiert habe ich Filmkunst in Kiew. Dann war ich eine Zeit lang in London, bin durch Europa gereist. Aber das Geld hat nie gereicht. Europa ist einfach zu teuer“, sagt die Dreißigjährige und bläst einen Rauchring in die Luft.

Die junge Ukrainerin Ann
Hostelmitarbeiterin Ann fotografiert gern. © Alexander Hertel

Zu spät zum Auswandern

„Der Job hier ist ganz gut und ich spare mir die Miete für eine Wohnung.“ Umgerechnet zehn Euro verdient Ann in einer 24-Stunden-Schicht. Wenn es ihr zu eng wird, fährt sie zu ihren Eltern. Und in Zukunft? „Keine Ahnung“, murmelt sie. „Vielleicht einen Mann finden, eine gute Arbeit und dann weiter leben.“ Das Auswandern sei keine Option mehr. „Visa-Freiheit oder ein EU-Beitritt? Wenn das passiert, bin ich bestimmt schon eine alte Frau“, sagt Ann sarkastisch und drückt ihre letzte Zigarette aus.

Ein Foto möchte sie aber noch von mir machen, bevor ich weiter reise. Sie postet die Bilder ihrer Gäste auf Facebook. Kunst ist jetzt nur noch ein Hobby. Lächelnd richtet Ann ihre abgeschmackte Spiegelreflexkamera auf mich und knippst schnell einige Fotos.

Untersuchung im Hinterzimmer

„Den Ausweis bitte“, bellt es mir in der Metro entgegen. Ein junger Uniformierter baut sich vor mir auf. „ATO!“, ruft er immer wieder und deutet auf meinen Rucksack. ATO steht für die Anti-Terror-Operation, den offiziellen Euphemismus für den unerklärten Krieg im Osten. Der beginnt nur 200 Kilometer von Charkiw entfernt.

2014 hatten Separatisten das Gebäude der Regionsverwaltung in der 1,4-Millionen-Metropole besetzt . Spezialeinheiten der Polizei eroberten es blutig zurück. Seitdem herrscht ein angespannter Frieden. Der Uniformierte und drei Kollegen durchsuchen mich und meinen Rucksack in einem Hinterzimmer. Als sie sicher sind, dass ich kein ausländischer Söldner bin, lassen sie mich mürrisch ziehen.

Kiffender Kriegstourist

„Idioten“, zischt Eugene eine Stunde später auf seiner Couch: „Als ob die Söldner mit der Kraxe kommen würden.“ Eugene stammt Slavjansk. Die Stadt liegt im ATO-Gebiet. „Meinen Bruder haben die Separatisten auf der Straße verhaftet“, sagt er und fixiert mich. „Und dann?“, frage ich pflichtbewusst. „Sie haben ihn ein paar Tage in einem Kellerloch verprügelt und dann wieder frei gelassen. Das sind Ganoven, keine Freiheitskämpfer.“

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„Wollen wir was kiffen?“, fragt mich Eugene am Abend unvermittelt und zieht einen Wassereimer und eine abgeschnittene Plastikflasche unter dem Tisch hervor. Ich erinnere mich schnell an die Handgriffe aus meinen ersten Uni-Semestern. Entspannt sinken wir auf die Couch. „Können wir die Videos sehen?“, platzt es irgendwann aus mir heraus. Nachmittags hatte mir Eugene von einer Youtube-Serie erzählt, die auch seine Heimat zeigt. Bis jetzt hatte ich mich nicht getraut, danach zu fragen.

Der Krieg ist nah

Eugene wirkt nur kurz überrascht und sucht dann „die besten Videos“ heraus. Wir sehen zu Tode verängstigte Soldaten, russische Spezialeinheiten auf ukrainischem Territorium und Mörsergranaten, die in Wohnblöcke krachen. „Das ist in Slawjansk, einige Straßen von meinen Eltern entfernt“, durchbricht Eugene den Heavy-Metal-Sound des Krieges.

Zwischen den Kriegsbildern und meine Dichtheit schwankend verliere ich immer wieder den Faden. Plötzlich starrt Eugene wortlos zwischen mir und dem Bildschirm hin und her. Ihm läuft eine Träne die Wange herunter. „Das reicht vielleicht“, flüstert er und stoppt das Video.

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Ich fühle mich grässlich. Ich, der Kriegstourist. Die Türklingel durchbricht mein Selbstmitleid. Eugenes indischer Kumpel Nagharaj stößt zu uns. Den Rest des Abends reden wir über die ewige Frage: Apple oder Samsung?

Im Kleptokraten-Wunderland

„Die Korruption ist Teil des Systems. Du musst für alles zahlen: offizielle Dokumente, Uni-Noten, gute Ärzte“, ruft Artjom, während wir durch Meschigoje radeln, 25 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew.

Hier residierte bis Anfang 2014 der verhasste Ex-Präsident Wiktor Janukowytsch. Sein 140 Hektar-Anwesen ist eine Art Neverland-Ranch für Kleptokraten, finanziert aus Steuer– und Schmiergeldern. Es gibt ein Parkhaus für Edelkarossen, ein schwimmendes Restaurant und einen Golfplatz. Heute ist das Anwesen Besuchermagnet und Mahnmal zugleich.

Kampf gegen Korruption

Akkurat stutzen Gärtner gerade den Rasen neben dem Helikopter-Landeplatz. „Der nächste Präsident könnte ja gleich wieder einziehen“, witzele ich zu Artjom hinüber. Er lehnt den Kopf zur Seite und zuckt mit den Schultern. Ganz abwegig findet er die Überlegung offensichtlich nicht.

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Die Regierung hat sich den Kampf gegen die Korruption zwar auf die Fahnen geschrieben, aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Das spürt auch Artjom tagtäglich bei seiner Arbeit in der Regionalverwaltung. „Letztens brauchte mein Chef irgendeine Genehmigung für ein Investitionsprojekt. 15.000 Euro Umfang. Der zuständige Parlamentsabgeordnete wollte gleich 3.000 Euro dafür abhaben. Mein Chef erklärte ihm, dass die Investitionen doch das Land voranbringen würden. Dem Mann war das egal.“

Was wollen die Menschen?

Artjom parkt oberhalb des Maidan-Platzes. Wir laufen die Straße runter, auf der die Sondereinheit Berkut im Februar 2014 dutzende Demonstrant*innen erschoss. Der jüngste war 17, die älteste 75. „Das hat uns gezeigt, dass es so nicht mehr weitergeht“, erinnert sich Artjom, während wir die Bilder der Ermordeten betrachten.

Maidan in der Ukraine
Maidan im April 2016. © Alexander Hertel

Und wohin will die Ukraine dann? „Natürlich braucht unser Land beide: Russland und die EU. Allein aus wirtschaftlichen Gründen. Aber die Menschen wollen vor allem Wohlstand, Freiheit und Perspektiven. Und nun schau in den Donbass. Das da will sicherlich keiner“, formuliert Artjom vielsagend und läuft einige Minuten wortlos neben mir her.

„Schau, Europa!“, ruft er plötzlich und zeigt auf ein unscheinbares Gebäude mit EU-Flaggen davor. Es ist die Vertretung der Europäischen Union. Drumherum verläuft ein hoher Zaun.