Kacken für den Umweltschutz

Was auf dem stillen Örtchen passiert, dringt selten nach außen. Dabei wäre es so wichtig, mehr über unser Geschäft zu sprechen: Wir könnten die Welt ein bisschen besser machen.

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Werden wir künftig alle Komposttoiletten benutzen, um die Umwelt zu schützen? © ze.tt

Georg Liebig hat in den vergangenen Monaten viel über Scheiße gesprochen. Genauer: über Komposttoiletten. Für seine Master-Arbeit hat der 28-Jährige geprüft, wie ein bestimmter Toiletten-Typ – die Terra Preta Pasteurization Sanitation – bei den Nutzern ankommt und welche Argumente sie von den Dingern überzeugten. Von einer zunehmenden Verbreitung der Technik verspricht sich der Student viel: ein nachhaltigeres Miteinander von Mensch und Natur, eine bessere Welt.

Spültoiletten reißen ein Loch in den Kreislauf von Zivilisation und Leben, indem sie die Nährstoffe ins Nimmerwiedersehen befördern. Deshalb ist es Georgs Vision, die Dinger komplett abzuschaffen. Stattdessen soll jeder Haushalt eine nachhaltige Sanitäranlage bekommen, wie es sie bereits in Ökodörfern, Gemeinschaftsgärten und seit ein paar Jahren auch auf Festivals gibt – zum Beispiel auf der Fusion.


Wissenswertes über die Komposttoilette

  • Die Komposttoilette ist keine neue Erfindung. Das erste Patent auf eine wasserlose Toilette meldete ein britischer Pfarrer im Jahr 1860 an.
  • Komposttoiletten fangen Urin und Fäzes entweder zusammen oder getrennt voneinander in einem Behälter auf. In Stroh oder Rindenmulch werden die Fäkalien kompostiert. Manche Komposttoiletten haben einen beheizten Behälter, der den Abbau des organischen Materials beschleunigt.
  • Die Kompostierung setzt Nährstoffe frei, die vor der flächendeckenden Einführung der Spültoilette bereits als Düngemittel eingesetzt wurden.

So bequem herkömmliche Spültoiletten auch sind, auf lange Sicht haben sie keine Zukunft. „Dafür gibt es zwei Gründe“, sagt Georg, Nummer eins: „Wir scheißen in unser Trinkwasser und das muss aufwendig wieder aufbereitet werden.“ Im Moment läuft das noch, Wasser ist kein knappes Gut. In Deutschland verbrauchen wir mancherorts sogar zu wenig Wasser: Manche Rohre sind so unterfordert, dass sich dort leicht Keime bilden. Engpässe treten nur selten während starker Hitzewellen auf, etwa dieses Jahr in Norddeutschland.

Global gesehen sieht das anders aus. Die OECD rechnet bis 2050 in einer Analyse mit einem so starken Wachstum der Städte, dass gravierende Wasserprobleme auftreten werden: Viele Filtersysteme werden eines Tages der Menge an Fäkalien nicht mehr standhalten, immer häufiger ist dann mit Krankheiten zu rechnen.

Wir müssen den Nährstoffkreislauf schließen

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Georg Liebig hat die Vision, dass wir in der Zukunft keine Spültoiletten mehr benutzen. © ze.tt

Grund Nummer zwei gegen Spültoiletten: Der Düngemittelbedarf steigt weltweit enorm an, während die Düngemittelproduktion immer schwieriger wird. Denn langsam aber sicher geht uns das Phosphat aus. „Phosphor ist ein Makronährstoff für Pflanzen und ist Hauptbestandteil unserer Düngemittel“, erklärt Georg. Der Stoff wird aus Mineralen wie Apatit gewonnen, die ertragreichsten Vorkommen befinden sich in den USA, Russland und Nordafrika. „Doch diese Vorkommen sind begrenzt. Wenn uns das Phosphat ausgeht, werden wir weniger Dünger und entsprechend weniger Nahrungsmittel produzieren können“, sagt Georg.

Nachhaltige Sanitäranlagen kommen hingegen nicht nur ohne Wasser aus. Urin und Fäzes in ihnen aufzufangen und zu kompostieren, könnte auch das Phosphor-Verschwinden auffangen. Immerhin sind in unseren Fäkalien Nährstoffe enthalten, die wir ersatzweise für die Düngerproduktion nutzen können – wie es in der Vergangenheit bereits geschehen ist. „Historisch gesehen haben wir die Nährstoffe aus Fäkalien durch synthetischen Dünger ersetzt“, sagt Georg.

Der Einsatz von Stickstoff, Phosphor, Kalium sowie Zink und Mangan aus Fäkalien wäre also natürlicher. „Man muss sich das als Kreislauf denken“, sagt Georg. „Wir bauen Nährstoffe an, nehmen sie zu uns, und es wäre am besten, sie wieder in den Boden zurückzuführen, damit wir wieder neue Nahrungsmittel anbauen können.“

naehrstoffkreislauf

Der Nährstoffkreislauf, wie ihn Georg Liebig in seiner Masterarbeit darstellt.

Die Umstellung wird allerdings nicht leicht. Ein Otto-Normalverbraucher-Kompostklo müsste komfortabler designt sein als etwa ein Festivalklo. Daran werkelt unter anderem die schwedische Firma Separett fleißig, 200 Euro kostet heute das günstigste Modell. Außerdem müsste der Recycling-Prozess des Kots noch geklärt werden. Man stelle sich vor, dass 40 Millionen Privathaushalte in Deutschland plötzlich ihre Fäkalien aufbewahren – es müsste notwendiger Weise ein Betrieb geschaffen werden, ähnlich der Müllabfuhr, der unsere nährstoffhaltigen Ausscheidungen sammelt, zentral lagert und kompostiert.

Schließlich müssten ein paar rechtliche Fragen geklärt werden: Der Einsatz von Komposttoiletten ist juristisch gesehen bislang eine extreme Grauzone. Für die Verwendung von Fäkalien gibt es keine bundesweit einheitlichen Verordnungen. Wenn etwa Gemeinschaftsgärten eine Komposttoilette bauen wollen, wird sich beim Einholen einer Erlaubnis an der Klärschlammverordnung orientiert. Auf privaten Grundstücken muss man zusehen, dass keine Schadstoffe ins Grundwasser gelangen können, das ist noch einfach. Im öffentlichen Raum ist es schwieriger, viele verschiedene Regularien können den Einsatz einer nachhaltigen Sanitäranlage noch verhindern.

„Es ist also noch ein weiter Weg“, gibt Georg zu. „Aber am Ende ist die Frage nicht, ob wir auf Komposttoiletten umstellen – sondern wann.“

Einsatz in Entwicklungsländern erst mal wichtiger

Bevor die Komposttoilette Standard in Deutschland wird, dauert’s noch eine Weile. Zunächst müsste die Gesellschaft erst einmal für die Idee sensibilisiert werden. Das Thema ist für viele aber immer noch zu sehr mit Ekel und Scham behaftet. Aber in anderen Ländern ist sie zurzeit auch weitaus notwendiger. „In Deutschland mag das etwas sein, das nice to have ist, weil es derzeit nicht unbedingt notwendig erscheint“, sagt Georg. „Aber zum Beispiel in manchen Teilen Indiens gibt es keine richtigen Sanitäranlagen, das heißt die Leute fäkieren im Freien.“

Dadurch werden Krankheitserreger viel leichter übertragen. Die Kinder können nicht mehr zur Schule gehen, ihre Eltern nicht mehr arbeiten – die Gesellschaft leidet. Nachhaltige Sanitäranlagen, die ohne Wasser auskommen, könnten den Lebensstandard deutlich verbessern. Und so macht die German Toilet Organization Inland- und Auslandarbeit, um nachhaltige Sanitäranlagen zu bewerben und sie zu verbreiten.

Georg Liebig wirbt auch. Kürzlich hat er einen Workshop in einer Schule in Neukölln zum Thema gegeben und dabei erzählt, wie er an zwei Komposttoiletten mitgebaut hat. Dafür gibt’s sogar Anleitungen im Netz. Wer Ekel und Scham überwunden hat, kann gleich damit anfangen, den Nährstoffkreislauf zu schließen. Gutes Gelingen.